Modern und zielstrebig

25. Juli 2016 - 16:02 | Iacov Grinberg

Meta Theater und Mesopotamien Verein präsentieren den uralten Schöpfungsmythos »Enuma Elisch« auf der Brechtbühne.

Manchmal gibt es Theaterstücke, deren rein theatralische Eigenschaften – Buch, Regie, Schauspiel, Musik – nicht so wichtig sind wie »äußere« Umstände. Zu dieser Gattung gehört auch, zumindest meiner Meinung nach, das Stück »Enuma Elisch«, das der Mesopotamien Verein zusammen mit dem Meta Theater auf der Brechtbühne gezeigt hat. Freilich waren Regie und Buch ausgezeichnet, die Amateurdarsteller – Mitglieder des Mesopotamien Vereins – haben sehr gut und mit viel Enthusiasmus gespielt. Auch die gemeinsamen plastischen Bewegungen, die mit einer großen Gruppe von Amateurdarstellern schwer zu erreichen sind, waren sehr gelungen.

Das Wichtigste ist aus meiner Sicht jedoch etwas anderes: Assyrer sind ein sehr altes Volk, eines von sehr wenigen Völkern, die noch in der Bibel erwähnt sind. Auf assyrischer Sprache ist der Großteil des Buches Daniel geschrieben. Wenn sie heute ihre Volkszugehörigkeit nennen, hören Assyrer oft: »Die existieren noch?!«. Sie existieren als ein Volk nur dadurch, dass sie ihre Bräuche, Sitten und Mythen von einer Generation an die nächste überliefern. Ich kenne den Mesopotamien Verein mehr als zehn Jahre und wundere mich immer wieder, wie viel Kraft und Energie er diesen Bemühungen widmet.

Sie erinnern sich noch an Ihre Jugend und wissen, dass jede junge Generation fest davon überzeugt ist, dass ihre Eltern das moderne Leben nicht verstehen. Alles Alte muss weggeworfen und möglichst schnell durch das Neue ersetzt werden. Später kommt das Verständnis, dass diese alten Werte, Bräuche, Sitten und veralteten Mythen etwas unfassbares, aber sehr wichtiges – den Geist des Volkes – bilden. Der Geist, der das Volk in guten und schlechten Zeiten zusammenhält, dank dem die Assyrier als Volk so lange überlebt und sich nicht spurlos aufgelöst haben. Diese einfache Weisheit der widerspenstigen Jugend zu vermitteln, ist eine sehr schwere, aber notwendige Sache. Eine Form, dies zu tun, ist ein Theater, das sich mit alten Mythen und Epen beschäftigt und Darsteller aus allen Generationen vereint.

Die Zusammenarbeit des Mesopotamien Vereins mit dem Meta Theater hat bereits zu Beginn der 90er-Jahre angefangen, mit dem Gilgamesch Epos. 1998 folgte das zweite Projekt, »Babylon«. Einige der damals noch jungen Darsteller haben nun auch an dem neuen Stück »Enuma Elisch« teilgenommen – der Schöpfungsmythos, welcher jedes Jahr beim assyrischen Neujahrfest Anfang April gespielt wird. Das Stück vereint dabei viel mehr als nur die elf Darsteller. Das Stück – und der Mythos – hält die Mitglieder des Vereins als ein Volk zusammen.

Sie können als Paradebeispiel einer gelungenen Integration dienen. Nichtdestotrotz bewahren sie den Geist ihres Volkes. Heute leben viele Assyrer weit von ihrem Land entfernt und keiner weiß, ob und wann sie dort zurückkehren können. Im heutigen Nahen Osten gibt es fast keinen Platz für Christen. Aber ihre unermüdliche Arbeit zur Überlieferung an die junge Generation gibt Hoffnung, dass sie, die schon einige Jahrtausende existieren, noch einige Jahrtausende existieren werden – in ihrem Land oder in einem anderen.
(Iacov Grinberg)

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