Mordlust als Lebensinhalt

11. März 2020 - 9:42 | Dieter Ferdinand

Das Staatstheater Augsburg führt in der neuen Brechtbühne am Gaswerk das Recherchestück »Auf dem Paseo del Prado mittags Don Klaus« auf.

»Ich bedaure jeden Juden, den ich nicht umgelegt habe«, sagt Klaus Barbie (Thomas Prazak), der »Schlächter von Lyon«, nach der Verurteilung zu lebenslanger Haft. Jüdische Menschen, Freimaurer und Mitglieder der französischen Résistance waren in der Nazizeit seine bevorzugten Opfer.

»Ich sterbe mit 35 Jahren, das ist die durchschnittliche Lebenserwartung eines bolivianischen Minenarbeiters«, stellt Monika Ertl (Marlene Hoffmann) fest. In Bolivien aufgewachsen, schloss sie sich nach der Ermordung Che Guevaras der Nationalen Guerillaorganisation ELN an. Den an der Ermordung Guevaras beteiligten Generalkonsul Pereira erschoss sie 1971 in Hamburg. Unter Mithilfe von Barbie wurde sie 1973 selbst ermordet.

Als Journalist getarnt, trifft Michel Cojot-Goldberg (Roman Pertl), französischer Unternehmensberater und Jude, in La Paz Barbie und will ihn erschießen, was er schließlich doch nicht tut. Sein Vater war in Lyon von Barbie verhaftet und nach Auschwitz in den Tod geschickt worden.

Wiederholt wird über Recht und Gerechtigkeit, Selbstjustiz und den Justizapparat debattiert.

Die drei Personen stehen im Mittelpunkt des dichten, unter die Haut gehenden Dokumentartheaters. Nach dem Krieg begegnen sie in La Paz Klaus Barbie alias Klaus Altmann. Enttarnt wurde dieser von Serge und Beate Klarsfeld, gedeckt hatten ihn Geheimdienste und der deutsche Bundesnachrichtendienst. »Beim BND wusste man, wer Klaus Altmann war.« Barbie hatte zuvor ein Büro des US-Geheimdienstes CIC im Augsburger Stadtbad, baute ein Netzwerk ehemaliger SS-Leute auf und wohnte in der Mozartstraße 10. Der CIC schob ihn später nach Bolivien ab, dort konnten sie seine Kenntnisse und Methoden gebrauchen. Es war kalter Krieg, der sich nach der kubanischen Revolution nach Südamerika verlagerte. Der bolivianische General Barrientos: »Es gab zu lange die Demokratie«.

Fast nüchtern werden Barbies Gräueltaten aufgezählt. »Wir tun das, was Deutsche überall tun«, sagt er. In Lyon im Prozess gegen Barbie sagt Michel Cojot-Goldberg 1987 als Zeuge aus. Aufgezählt werden dessen Verbrechen. Ein Kommentator: »Man müsste einmal aufschreiben, für welche Verbrechen Barbie nicht verurteilt wurde.«

Im Lauf des Stücks werden immer wieder Brücken in die Gegenwart geschlagen, zu heutigen Stimmungen, Ereignissen, Parallelen bei uns und in der Welt.

Das Bühnenbild ist sehr passend, im Hintergrund Wasser oder der Urwald, der poetisch beschrieben wird. Das »Theaterkollaborativ ‚Futur II Konjunktiv´« hat das Stück auf Grundlage historischer Dokumente und Interviews erarbeitet und mutet dem Publikum zu, selber nachzudenken und individuell zu urteilen.

Langer, hochverdienter Applaus an alle Mitwirkenden für das aufrüttelnde Recherchestück.

Aufgrund des Corona-Virus geht das Staatstheater Augsburg in eine Zwangspause: Sämtliche Vorstellungen, auch die Sinfoniekonzerte, bis zum 19. April 2020 entfallen. Weitere Infos lesen Sie tagesaktuell unter:
www.staatstheater-augsburg.de/corona_virus



Foto oben (
© Jan-Pieter Fuhr, klick hier zum Vergrößern), von links: Serge Klarsfeld (Sebastian Müller-Stahl), Beate Klarsfeld (Karoline Stegemann), Klaus Barbie (Thomas Prazak) und Michel Cojot-Goldberg (Roman Pertl) diskutieren über Recht und Gerechtigkeit, Selbstjustiz und den Justizapparat.

Foto unten (© Jan-Pieter Fuhr, klick hier zum Vergrößern): Monika Ertl (Marlene Hoffmann) berichtet über ihre Ermordung.

Weitere Positionen

4. April 2020 - 14:27 | Gast

Serie »75 Jahre Befreiung« – Teil 3: Amerikanifiziert in Bayern. Ein Gastbeitrag von Franz Dobler

2. April 2020 - 16:48 | a3redaktion

Die Versorgung der Menschen mit Literatur ist in Zeiten von Corona wichtiger denn je. a3kultur hat Buchhändler*innen aus der Region um Tipps gebeten und gefragt, wie sie mit der Krise umgehen. TEIL 1: Buchecke Diedorf

31. März 2020 - 11:00 | Gast

Serie »75 Jahre Befreiung« – Teil 2: Niederlage, Katastrophe, Befreiung oder gar »Stunde Null«? Ein Gastbeitrag von Dr. Karl Borromäus Murr

30. März 2020 - 11:47 | Gudrun Glock

Vor 45 Jahren wurde der Naturpark Augsburg Westliche Wälder e.V. gegründet. Das Naherholungsgebiet vor den Stadttoren Augsburgs soll den Bürger*innen die Natur wieder näherbringen. Gudrun Glock hat Eva Liebig, die stellvertretende Geschäftsführerin des Vereins, getroffen.

28. März 2020 - 16:33 | Patrick Bellgardt

In den frühen Morgenstunden des 28. April 1945 setzten amerikanische Soldaten der NS-Diktatur in Augsburg ein Ende. Start der neuen Serie auf a3kultur.de

27. März 2020 - 11:10 | Jürgen Kannler

Corona lehrt uns: Nichts ist wie es war. Unsere Gesellschaft ist verunsichert. Viele, gerade auch Kulturmacher, sind verzweifelt. Um die Krise in den Griff zu bekommen, braucht es verlässliche Strukturen und neue Wege. Wechsel bei Bürgermeistern und in Referaten kämen zur Unzeit.

24. März 2020 - 9:45 | Gast

Wie wird, was Brecht sagen, erzählen, beschreiben, abbilden und ändern wollte, umgesetzt, erläutert und verstanden? Gedanken zur Konzeption und Zukunft des Brecht-Preises und -festivals. Ein Gastbeitrag von Knut Schaflinger

23. März 2020 - 9:57 | Gast

Der Wald bot schon immer Schutz, war und ist ein schier unerschöpfliches Füllhorn an Nahrung und Leben. Seit Menschen ihn als Ressource entdeckten, musste er viel ertragen. Von Björn Kühnel

19. März 2020 - 8:04 | Thomas Ferstl

Der Gewinner des Kurzfilm-Oscars »The Neighbors’ Window« ist kostenlos auf den Streaming-Plattformen YouTube und Vimeo zu sehen.

18. März 2020 - 13:37 | Martin Schmidt

KO durch Covid-19? Die Clubs müssen kämpfen. Bernhard Klassen, Club- und Kulturkommission Augsburg, im Interview über Clubstream, Spenden und Krisenmanagement.