Theater & Bühne

Mordlust als Lebensinhalt

Dieter Ferdinand
11. März 2020

»Ich bedaure jeden Juden, den ich nicht umgelegt habe«, sagt Klaus Barbie (Thomas Prazak), der »Schlächter von Lyon«, nach der Verurteilung zu lebenslanger Haft. Jüdische Menschen, Freimaurer und Mitglieder der französischen Résistance waren in der Nazizeit seine bevorzugten Opfer.

»Ich sterbe mit 35 Jahren, das ist die durchschnittliche Lebenserwartung eines bolivianischen Minenarbeiters«, stellt Monika Ertl (Marlene Hoffmann) fest. In Bolivien aufgewachsen, schloss sie sich nach der Ermordung Che Guevaras der Nationalen Guerillaorganisation ELN an. Den an der Ermordung Guevaras beteiligten Generalkonsul Pereira erschoss sie 1971 in Hamburg. Unter Mithilfe von Barbie wurde sie 1973 selbst ermordet.

Als Journalist getarnt, trifft Michel Cojot-Goldberg (Roman Pertl), französischer Unternehmensberater und Jude, in La Paz Barbie und will ihn erschießen, was er schließlich doch nicht tut. Sein Vater war in Lyon von Barbie verhaftet und nach Auschwitz in den Tod geschickt worden.

Wiederholt wird über Recht und Gerechtigkeit, Selbstjustiz und den Justizapparat debattiert.

Die drei Personen stehen im Mittelpunkt des dichten, unter die Haut gehenden Dokumentartheaters. Nach dem Krieg begegnen sie in La Paz Klaus Barbie alias Klaus Altmann. Enttarnt wurde dieser von Serge und Beate Klarsfeld, gedeckt hatten ihn Geheimdienste und der deutsche Bundesnachrichtendienst. »Beim BND wusste man, wer Klaus Altmann war.« Barbie hatte zuvor ein Büro des US-Geheimdienstes CIC im Augsburger Stadtbad, baute ein Netzwerk ehemaliger SS-Leute auf und wohnte in der Mozartstraße 10. Der CIC schob ihn später nach Bolivien ab, dort konnten sie seine Kenntnisse und Methoden gebrauchen. Es war kalter Krieg, der sich nach der kubanischen Revolution nach Südamerika verlagerte. Der bolivianische General Barrientos: »Es gab zu lange die Demokratie«.

Fast nüchtern werden Barbies Gräueltaten aufgezählt. »Wir tun das, was Deutsche überall tun«, sagt er. In Lyon im Prozess gegen Barbie sagt Michel Cojot-Goldberg 1987 als Zeuge aus. Aufgezählt werden dessen Verbrechen. Ein Kommentator: »Man müsste einmal aufschreiben, für welche Verbrechen Barbie nicht verurteilt wurde.«

Im Lauf des Stücks werden immer wieder Brücken in die Gegenwart geschlagen, zu heutigen Stimmungen, Ereignissen, Parallelen bei uns und in der Welt.

Das Bühnenbild ist sehr passend, im Hintergrund Wasser oder der Urwald, der poetisch beschrieben wird. Das »Theaterkollaborativ ‚Futur II Konjunktiv´« hat das Stück auf Grundlage historischer Dokumente und Interviews erarbeitet und mutet dem Publikum zu, selber nachzudenken und individuell zu urteilen.

Langer, hochverdienter Applaus an alle Mitwirkenden für das aufrüttelnde Recherchestück.

Aufgrund des Corona-Virus geht das Staatstheater Augsburg in eine Zwangspause: Sämtliche Vorstellungen, auch die Sinfoniekonzerte, bis zum 19. April 2020 entfallen. Weitere Infos lesen Sie tagesaktuell unter:
www.staatstheater-augsburg.de/corona_virus



Foto oben (
© Jan-Pieter Fuhr, klick hier zum Vergrößern), von links: Serge Klarsfeld (Sebastian Müller-Stahl), Beate Klarsfeld (Karoline Stegemann), Klaus Barbie (Thomas Prazak) und Michel Cojot-Goldberg (Roman Pertl) diskutieren über Recht und Gerechtigkeit, Selbstjustiz und den Justizapparat.

Foto unten (© Jan-Pieter Fuhr, klick hier zum Vergrößern): Monika Ertl (Marlene Hoffmann) berichtet über ihre Ermordung.

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