Klassik

Mozart mit Popcorn

Juliana Hazoth
14. Oktober 2019

Lautes Gemurmel im Saal. Plötzlich geht das Licht aus – erwartungsvolle Stille. Das Orchester beginnt, der Vorhang öffnet sich und man wird von den gewaltigen Stimmen der Opernsänger*innen gefangen genommen. Viele große Opern sind auf Italienisch verfasst worden, doch auch wenn man die Worte nicht versteht, so versteht man doch, wovon die Lieder handeln. Man fühlt den Schmerz, die Sehnsucht und Verzweiflung. Komplexe Geschichten und Gefühle so greifbar zu machen, zeigt, wie beeindruckend die Oper als Kunstform tatsächlich ist. Auch das Ballett erzeugt diese tiefen Emotionen – sogar ganz ohne Worte. Nur durch Bewegung, Gestik und Mimik, von Musik untermalt, lachen wir bei Shakespeares »Mittsommernachtstraum« über Puck und weinen mit Romeo, wenn er sich über die tot geglaubte Julia beugt.

Ein Besuch in der Oper, im Ballett oder auch im Theater ist ein Erlebnis. Die Atmosphäre in den zum Teil jahrhundertealten Gebäuden ist eine ganz besondere, die Besucher haben sich herausgeputzt und freuen sich auf einen schönen Abend. Doch auch hier ist nicht alles Gold, was glänzt. Zwar etablieren sich auch immer mehr zeitgenössische Produktionen, doch gerade im Opernbereich werden nach wie vor bevorzugt kanonisierte Stücke aufgeführt, die funkelnden Kleider und sorgfältig gebügelten Sakkos der Gäste wirken einschüchternd. Da ist es kaum verwunderlich, dass immer noch der Gedanke an die elitäre Oberschicht mit der Theaterszene verbunden wird, zumal auch die Ticketpreise nicht für jeden bezahlbar sind. Theaterhäuser auf der ganzen Welt gehen gegen diese Auffassung vor: ermäßigte Tickets, Schulvorstellungen, mehr Aufführungen von Newcomern und weniger elitär anmaßenden Stücken.

Was soll uns das sagen? Theater, Oper, Ballett ist Kunst. Und Kunst ist für alle da. Um diesen utopischen Gedanken weiterzuverfolgen, haben sich einige große Häuser zusammengetan und teilen ihre Aufführungen mit Zuschauern auf der ganzen Welt. Sie wollten schon immer einmal »Don Giovanni« im Royal Opera House in London erleben? Oder »Madame Butterfly« in einer Aufführung der Met in New York? Keine Frage, das ist sicherlich ein unglaubliches Erlebnis! Doch mal eben nach London oder New York reisen ist für die wenigsten Leute eine Option. Und genau deshalb übertragen viele der schönsten Theater- und Opernhäuser ihre Aufführungen auf die Kinoleinwände der Welt.

Dies mag zunächst seltsam, vielleicht sogar unpassend wirken – Mozarts Oper im Kinosessel? Ja, denn so ein Kinosaal hat mit einem Theater mehr gemeinsam, als man im ersten Moment vermutet; die tribünenartig angeordneten Sitzreihen, der verdunkelte Raum und auch die Leinwand, die der Form eines klassischen Bühnenausschnitts nachempfunden ist. Die heutige Tontechnik ermöglicht das gleiche Musikerlebnis wie die Opernakustik. Für das Rundumerlebnis bieten Kinos meist sogar vorab und in den Pausen kleine Häppchen und ein Glas Sekt.

Natürlich ist ein Kinosaal ein Kinosaal und nur schwer mit opulenten Opernsälen zu vergleichen. Doch so eine Übertragung im Kino hat durchaus auch einige Vorteile. Bei anderssprachigen Aufführungen, italienischen Opern oder englischen Theaterstücken werden – wie beispielsweise auch am Staatstheater Augsburg – deutsche Untertitel hinzugefügt, sodass man dem Geschehen auf der Bühne noch besser folgen kann. Der aber wohl größte Vorteil einer Übertragung sind die Kameraaufnahmen selbst. Wenn man selbst im Theater sitzt, hat man immer die gesamte Bühne im Blick, erkennt das Gesamtbild, die Bewegungen und großen Gesten der Darbietenden. Für die Kinoübertragung werden viel kleinere Bildausschnitte aufgenommen. Man weiß nicht nur, dass Romeo seine Julia beweint, sondern sieht seine Tränen. Die Gesichter der Liebenden des »Mittsommernachtstraums« werden sichtbar, ihre Mimik, ein zartes Lächeln, schüchternes Zu-Boden-Sehen, Pucks verschmitztes Funkeln in den Augen. Auch wenn die originalen Aufführungen Hunderte, vielleicht Tausende Kilometer entfernt stattfinden, ist man den Stücken selbst vor Ort kaum näher.

Live-Übertragungen im Kino sind eine echte Alternative. Das Erlebnis ist klar ein anderes als vor Ort, doch bestechen die Kinoaufführungen mit einigen Vorteilen, nicht zuletzt mit überschaubaren Ticketpreisen, die auch einen mehrmaligen Besuch ermöglichen können. Wer jetzt trotzdem immer noch die Sorge hat, zwischen desinteressierten Besuchern, die laut Popcorn kauen, zu sitzen, dem sein ans Herz gelegt: Wer sich eine Oper oder ein Ballett ansieht, möchte das im Normalfall auch genießen. Sie sitzen unter Gleichgesinnten, ebenso wie Sie es im Theater auch täten. Und das Popcorn, das gehört sogar im National Theatre London zum Theaterbesuch dazu.

Foto: Mozarts »Don Giovanni« in einer Inszenierung des Royal Opera House, © Bill Cooper

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