Politik & Gesellschaft

Die Mühle mahlt interkulturell

Gast
12. Februar 2016

Zur Gründungszeit des ersten innerstädtischen soziokulturellen Zentrums Augsburgs, des Kulturhauses Kresslesmühle, 1977 war Helmut Schmidt noch Bundeskanzler und steuerte gerade die Republik durch den »Deutschen Herbst«. Von Gentrifizierung war noch keine Rede, vor allem nicht in der damals unsanierten Altstadt, und man ging davon aus, dass die gerufenen Gastarbeiter*innen wieder zurück in Ihre Herkunftsländer gingen.

Die Kresslesmühle, kurz genannt Mühle, entwickelte sich in diesem Umfeld und in dieser stürmischen Zeit bald zum soziokulturellen Treffpunkt – zum Ort der Integration und Begegnung kultureller Vielfalt. Allein schon wegen des höheren Migrationsanteils der angrenzenden Nachbarschaft. Das Potenzial der integrativen Kraft von Kunst und Kultur wurde wahrgenommen, bevor es sich zum Mainstream des Kulturgeschehens entwickelte. Jedes Museum, jedes Theater, das etwas auf sich hält, bietet heutzutage Kunst und Kultur zum Anfassen und Selbermachen. Die Mühle war bis in die 2000er-Jahre Vorreiter in vielen Bereichen. So bot sie partizipative Kunstformen, war Treffpunkt für interkulturelle Lebensart sowie politische Interventionen und bot Kleinkunst und Kabarett auf hohem Niveau. Sie war ein Ankerpunkt im kulturellen Leben der Augsburger*innen. Viele haben durch diese Zeit auch heute noch eine emotionale Bindung zu »ihrer« Mühle.

Augsburg heute ist noch vielfältiger – die Gastarbeiter*innen sind geblieben und andere Menschen sind dazugekommen. Wenn Besucher*innen aus anderen Teilen der Republik nach Augsburg kommen, sind sie meist fasziniert von der Mannigfaltigkeit, die auf den Straßen zu sehen ist. Hatte die Mühle früher das Alleinstellungsmerkmal als Ort des interkulturellen Miteinanders, haben sich diese Orte deutlich vermehrt. Selbst im Bürgerbeteiligungsprozess des Augsburger Stadttheaters wird völlig selbstverständlich gefordert, dass es dem Stadttheater gelingen muss, ein Ort zu werden, der für verschiedene gesellschaftliche Gruppen relevanter und attraktiver Bestandteil ihres Lebens und Treffpunkt werden soll.

Die Kresslesmühle gab lange Zeit Antworten auf die unterschiedlichen Herausforderungen der jeweiligen Zeit, sie muss die Antwort nun nach einigen Wechseln der Leitung aber wieder neu finden. Es geht um die Frage, wie die Mühle zu einem partizipativen Ort werden kann und die Leitung zugleich beim städtischen Büro für Migration, Interkultur und Vielfalt liegt. Der Soziologe Mark Terkessidis beschreibt diesen neuen Aushandlungsprozess zwischen Bürger*innen, Verwaltung und Politik in seinem Buch »Kollaborationen« als notwendig, um die Demokratie der/dem selbstbestimmten Bürger*in anzupassen. Deshalb ist diese Konstellation ein spannendes Projekt – auch auf die Frage hin, wie Stadtverwaltung heutzutage agieren kann bzw. muss.

Für das Team des Büros für Migration, Interkultur und Vielfalt ist die Mühle somit Chance und Bürde zugleich. Chance, da das Büro somit aktiv und ganz praktisch in die Gestaltung der Stadtgesellschaft eingreifen und seine Themen präsentieren kann. Bürde, da das Büro mit der Kresslesmühle eine Mammutaufgabe übernommen hat. Herausfordernd war und ist der Abwicklungsprozess der Übernahme von der GmbH, die größtenteils veraltete Ausstattung der Räume und die Organisation dieser Aufgaben mit geringem Budget und wenig Personal. Mehr noch gilt es eine Neukonzeption für das ganze Haus zu erarbeiten: Anpassung an neue Kommunikationswege, Organisation und Umbau von Räumen durch den Wegfall des Kinderhorts, neue Ticketverkaufswege, Einbeziehung verschiedener Communitys sowie kultureller Akteure für eine gemeinsame Neugestaltung des Programms. Dadurch soll wieder neues Publikum generiert werden.

Ein wichtiger Meilenstein bisher war die Eröffnung der Kulturküche als gastronomischer Treffpunkt, damit das Kulturhaus auch außerhalb der Veranstaltung wieder Begegnungsort ist. Das Programm soll durch Konzerte unter anderem von KarmaN e.V., aber auch selbst organisierte Konzerte wie zum Beispiel die Auftritte von Kofelgschroa oder Django 3000 jüngeres Publikum anziehen. Weiterhin soll Kabarett in der Mühle einen wichtigen Platz haben, allerdings neben neuen Veranstaltungsformaten wie zum Beispiel dem »Zugvogelslam«, bei dem migrantisch geprägte gegen bayerische Musiker*innen antreten, der Veranstaltungsreihe »gefragt, geforscht, getan«, bei der junge Wissenschaftler*innen in Kontakt mit der Stadtgesellschaft gebracht werden, oder Tanzkursen für (geflüchtete) Kinder.

Ideen gibt es genug – was es braucht, ist Zeit, Geduld und vor allem auch Mut zum Scheitern. Ein Gleichgewicht zwischen den Aufgaben klassischer Verwaltung und kreativer Kulturarbeit gilt es für das Büro für Migration, Interkultur und Vielfalt zu schaffen.

Für die Mühle ist es nur zu wünschen, dass dies gelingt, denn dann würde sie wieder Impulse für die Stadtgesellschaft setzen – wie schon zu Helmut Schmidts Zeiten.

Michael Hegele, 32 Jahre, verheiratet, zwei Kinder. Ausbildung zum Bäcker und Konditor, anschließendes Studium der Sozialwissenschaften mit Nebenfach Geografie in Würzburg, Augsburg und Seoul. Bis Juni 2015 tätig im Grandhotel Cosmopolis, nun »Projektleiter Interkultur« im Büro für Migration, Interkultur und Vielfalt.

Foto: Bernd Beigl, Reiner Erben und Margret Spohn bei der Eröffnung der Kulturküche im Dezember 2015.

In unserer Printausgabe #02/2016 präsentieren wir die wichtigsten Kulturbaustellen der Region. Insgesamt 16 Kulturmacher haben hierzu Gastbeiträge beigesteuert.

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