Musik aktiv erleben

11. Mai 2017 - 8:32 | Geoffrey Abbott

Der Wert von musikalischer Bildung ist ihre soziale Kraft. Ein Beitrag von Geoffrey Abbott

Der eine hält Musik für eines der wichtigsten Schulfächer, der andere meint, die Zeit sei besser in Mathe, Chinesisch oder auf dem Sportplatz investiert. Die Frage, wo Musikunterricht hinführen soll, wird selten gestellt und kaum beantwortet.

Aber erst einmal dies: Ein Bild des Musikers macht sich breit, das etwas irreführend ist. Der Weltstar – Lang Lang, David Garrett, Diana Damrau – teilt die Medienlandschaft mit Casting-Show-Kandidaten und YouTube-Postings. Die Weltstars haben mit allergrößter Begabung, Fleiß, Unterricht und Hartnäckigkeit ihren Platz erreicht. Die Casting-Show-Kandidaten haben ihre Position mit Naturtalent und Glaube an sich selbst erlangt. Dazwischen liegen Welten, die im Bewusstsein vieler nicht vorhanden sind. So viel zur Rezeption des Musikers.

Die Rede ist nicht vom Hören, sondern vom Machen

Wie steht es vor diesem Hintergrund mit der Musikausbildung? Bachs Geburtsjahr, die Taktart eines Walzers, der Tonumfang des Waldhorns, sogar Chuck Berrys Einfluss auf den Hip-Hop ist alles Pipifax. Der wahre Wert von musikalischer Bildung liegt woanders. Das Ziel soll weder die Weltspitze noch YouTube sein. Der Wert von musikalischer Bildung ist ihre soziale Kraft. Ganz egal, um welche Art von Musik es sich handelt. Im kreativen und erfreulichen Prozess des gemeinsamen Musizierens wird soziales Verhalten erlebt und nebenbei erlernt. Verantwortung, Verlässlichkeit, Geduld und Disziplin zum Wohl der Gruppe werden trainiert und reichlich belohnt. Dazu kommt die persönliche Bereicherung durch die Auseinandersetzung mit einem Instrument oder mit der Stimme. Eine begünstigte Gehirnentwicklung wird der Musikausbildung nachgesagt, die Feinmotorik wird geschult, Expressivität, Körperlichkeit und Gehörsensibilität dazu. Die kulturelle Bildung folgt dann ganz von selbst (Bachs Geburtsjahr zum Beispiel steht ohnehin oben rechts kleingedruckt auf seinen Notenblättern!).

Sie merken es: Die Rede ist nicht vom Hören, sondern vom Machen. Nur dann entfaltet Musik ihre bildende Wirkung ganz. Das heißt, die wirklichen Früchte der Musikausbildung sind nicht die Studenten, die Profis und die »Highflyer«, nicht die YouTube-Stars, sondern alle, die in der Schule, in der musikalischen Früherziehung, im Chor oder in der Blaskapelle musiziert haben, denn sie haben mehr oder minder schon davon profitiert. Das Ziel der Musikausbildung, besonders in einem europäischen Kulturland, muss also sein, junge Menschen Musik aktiv erleben zu lassen und Amateure zu begeistern. Sie werden vielleicht später in einem Chor, einem Laienorchester oder einer Band musizieren (das könnten sie sogar machen, bis sie 90 sind, was man von Sport nicht behaupten kann!). Und wenn sie nicht dazu kommen, werden sie auf jeden Fall wenigstens ihre eigenen Kinder in der Musik unterstützen.
 
Was ist mit den anderen, den Musikbegabten und den Musikverweigerern? Die Hochtalentierten und die Besessenen brauchen keine Unterstützung. Sie brennen so sehr für ihre Musik, dass sie nicht aufzuhalten sind. Man sollte sogar versuchen, sie aufzuhalten, denn Musik ist kein sicherer Beruf, dafür aber ein tolles Hobby. Verweigerer? Mit der richtigen Zuwendung, Unterstützung und Ermutigung gibt es sehr selten Verweigerer. Eine musikalisch gebildete Gesellschaft ist auch der Nutznießer des professionellen Konzertangebots. Sie ist automatisch das Theater- und Konzertpublikum. Selbstverständlich wird Musik manchmal auch »nur gehört«, gerne auch als Flucht vor dem Alltäglichen. Das Musikmachen aber ist das Wertvolle.
 
Unsere Region hat Dutzende hervorragende Musikausbildungseinrichtungen, das Angebot an (Musik-)Schulen, Chören, Orchestern, Bands und Vereinen für Amateure ist sehr groß. In den nächsten Monaten werden wir einen Blick auf dieses Angebot werfen und sehen, was die Musik für den Amateurmusiker bedeutet.

Geoffrey Abbott, 1951 in London geboren, ist Pianist, musikalischer Leiter, Dirigent, Arrangeur, Komponist und Lehrer. Seit 2016 ist er als Autor für a3kultur tätig.
www.geoffrey-abbott.de

Weitere Positionen

14. August 2019 - 9:08 | Patrick Bellgardt

Am 24. August gastiert Purple Schulz im Wittelsbacher Schloss in Friedberg. Die 80er-Jahre-Ikone präsentiert ihr neues Album »Nach wie vor« open air im Innenhof. Ein Interview

12. August 2019 - 14:02 | Dieter Ferdinand

Im griechischen Theater Heretsried wurde am 9. August Nestroys »Das Mädl aus der Vorstadt« aufgeführt

7. August 2019 - 12:48 | Jürgen Kannler

Der vielbeschworene Schulterschluss zwischen Bayerischer Staatsregierung und Rathaus Augsburg zeigt Auflösungserscheinungen. Ein Kommentar von Jürgen Kannler

6. August 2019 - 12:54 | Gast

a3kultur-Autorin Marion Buk-Kluger im Interview mit Lisa Maria Potthoff. Die Schauspielerin präsentiert am 11. August die Krimikomödie »Leberkäsjunkie« beim Kino-Open-Air »Lechflimmern«.

4. August 2019 - 8:04 | Gast

Leberkäsjunkies und Saumenschen – Quergelacht, die a3kultur-Kabarett-Kolumne. Von Marion Buk-Kluger

2. August 2019 - 8:45 | Thomas Ferstl

Projektor – die a3kultur-Film-Kolumne im August

31. Juli 2019 - 9:04 | Jürgen Kannler

Ein Gespräch mit Vea Kaiser über ihren aktuellen Roman, kulinarische Aspekte des Lebens und den Balkan.

28. Juli 2019 - 8:54 | Jürgen Kannler

Jürgen Kannler im Gespräch mit dem Medienkünstler Reinhard Gupfinger, Artist in Residence des Projekts »Welcome in der Friedensstadt«

isabel_kerkermeier_diaphane_kunstverein_aichach_2019_foto bettina kohlen.jpg
26. Juli 2019 - 8:25 | Bettina Kohlen

Nach München, an den Chiemsee oder einfach in der Region: Gute Kunst kann man an vielen Orten erleben. Hier kommen ein paar Vorschläge für die nächsten Wochen.

26. Juli 2019 - 7:08 | Iacov Grinberg

Das Grafische Kabinett beleuchtet »Augsburgs Wehr und Zier. Die Stadtmauer«.