Nach dem Fest ist vor dem Fest

9. Mai 2019 - 12:58 | Renate Baumiller-Guggenberger

Vor dem Start des Deutschen Mozartfestes und inmitten des »Leo 300«-Jubiläums trafen wir den Leiter des Mozartbüros Simon Pickel, um mit ihm über aktuelle Baustellen, zukünftige Konzepte und die »Luft nach oben« zu plaudern.

a3kultur: Schön, dass Sie sich trotz Festivalstress die Zeit für ein Interview nehmen. Was stand denn heute Morgen auf Ihrer To-do-Liste?

Simon Pickel: Der Fokus liegt derzeit ganz klar auf der konkreten Organisation der Veranstaltung. Wir kümmern uns von den Umkleideräumen bis zu den Instrumenten und investieren natürlich viel Zeit in die Bewerbung. Parallel stehen aber auch immer die Themen Mozarthaus, Leopold-Biografie, 10. Internationaler Violinwettbewerb Leopold Mozart samt Auftragskomposition auf dem Programm. Mein Kopf arbeitet seit langer Zeit auf vielen Baustellen gleichzeitig.

Irgendwie scheint es für Sie als künstlerischen Leiter nicht anders als bei Fußballern: Nach dem Fest ist vor dem Fest. Wie viel Puffer für das Planspiel »Mozartstadt Augsburg« lässt Ihnen Ihre Position im Mozartbüro?

Was das Mozartfest angeht, so laufen die Planungen ohnehin immer parallel mehrere Jahre im Voraus. Das Programm für 2020, in dem zur Abwechslung das Beethoven-Jubiläum gefeiert wird, steht bereits. Derzeit denke ich über ein gutes Thema für 2021 nach. Also gewissermaßen heißt es ab 2020 wieder »business as usual«. Ich hoffe und denke schon, dass wir von der großen Aufmerksamkeit, die es dieses Jahr für das Thema Mozartstadt gibt, auch zukünftig profitieren und den Schwung mitnehmen können. Unser »Leo 300«-Jubiläumsjahr ist auf Nachhaltigkeit angelegt.

An welchen Stellschrauben müsste man drehen, damit sich Ihre beim Amtsantritt im Jahr 2015 gesteckten Ziele in Gänze erfüllen lassen?

Ich denke, wir haben in den letzten drei Jahren sehr viel bewirkt. Das Thema Mozart ist in der Stadt sehr präsent, die Mozartfeste haben eine internationale Topqualität, die Augsburg sonst nicht zu hören bekommt, dieses Jahr beispielsweise mit Il Giardino Armonico, der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen oder bei unserem Festkonzert im November mit Christian Tetzlaff. Und die Vorbereitungen auf das Jubiläumsjahr haben gezeigt, dass unser Netzwerk gut funktioniert. Das Jubiläum kommt eigentlich zu einem sehr guten Zeitpunkt, um jetzt auch einmal deutlich zu machen, warum Augsburg Mozartstadt ist. Es geht hier ja schließlich nicht um Wolfgang, sondern um Leopold. Deswegen ist dieser Vergleich mit Salzburg und Wien, der von gewissen Kreisen immer wieder propagiert wird, völlig unsinnig. Augsburg ist etwas ganz Eigenes und sollte darauf auch stolz sein und das entsprechend nach außen tragen.

Hat Augsburg genügend Außenwirkung als Mozartstadt?

Daran arbeiten wir und haben es teils schon geschaffen: Wir sind im Stadtbild und in den Medien sehr präsent, wir bekommen ein großartiges neues Mozarthaus, das innerhalb und außerhalb Augsburgs für die nächsten zehn bis zwölf Jahre eine große Leopold-Strahlkraft haben wird. Die neue Biografie von Silke Leopold, von der ich wirklich begeistert bin, behandelt Leopold Mozart auf wirklich herausragendem Niveau. Das vielfältige regionale Jahresprogramm 2019 zeigt, dass auch Augsburgs Künstlerinnen und Künstler Lust auf Mozart(stadt) haben. Wir sind auf einem sehr guten Weg. Natürlich ist es unabdingbar, dass diese neuen Inhalte auf dem nötigen Niveau auch die erforderliche strukturelle Sicherheit bekommen, das gilt insbesondere für das neue Mozarthaus. Hier stecken wir so viel Liebe, Zeit und Geld hinein, dass es nicht wieder zu einer programmatischen Beliebigkeit und brachliegender Musikpädagogik kommen darf. Es ist notwendig, das Mozarthaus kuratorisch und organisatorisch unter die Fittiche des Mozartbüros sowie von Mehr Musik! zu stellen. Da sind wir in guten Gesprächen, um die nötigen Voraussetzungen zu schaffen.

Durch Berichte in der DAZ wurde vor Kurzem publik, dass die Kosten für das neue Mozarthaus um rund 40 Prozent gestiegen sind und inzwischen bei knapp einer Million Euro liegen. Wie stellt sich diese Situation für Sie dar?

Die geplante Summe für die Neugestaltung der Ausstellung ist um keinen Cent gestiegen. Zusätzliche Kosten sind ausschließlich für von anderen Behörden geforderte Baumaßnahmen am Haus – Stichwort Brandschutz und partielle Barrierefreiheit – entstanden. Diese Kosten sind den städtischen Gremien transparent und öffentlich dargestellt und von diesen abgesegnet worden. Alle Kosten sind zudem gedeckt. Wir werden Leopold pünktlich zum Geburtstag im November ein tolles Museum schenken, das zu einem Aushängeschild der Stadt werden wird.

Wo sehen Sie noch Verbesserungspotenzial?

Ich will gar nicht so viel meckern, denn dafür ist gerade viel zu viel Enthusiasmus vorhanden. Aber man muss vielleicht einfach akzeptieren, dass Kooperationen nicht zu erzwingen sind. So wünschenswert es auch wäre, dass größere Kulturinstitutionen in einem so kleinen Kulturbiotop wie Augsburg wirklich Interesse an einer intensiven Zusammenarbeit haben, so realistisch muss man sein und hinnehmen, dass es manche offenbar nicht nötig haben – oder manchmal auch einfach zu viel mit sich selbst beschäftigt sind. Hier gäbe es sehr viel Luft nach oben, was das Entwickeln gemeinsamer Projekte und auch die Präsenz angeht. Leopold hat einmal in seinem beißenden Sarkasmus an Wolfgang geschrieben: »Man muß sich aber imer Ehre geben und sich ein bischen kostbar machen, in Augsp: [Augsburg] wirst du alles dieses erfahren […].« Das ist ganz schön vielsagend, oder? Auch ein Netzwerk kann man nicht anordnen. Ich bin jedenfalls optimistisch, dass dieses Jubiläumsjahr vielen gezeigt hat, dass es doch Vorteile hat, wenn man sich abspricht, und auch dass Crossmarketing kein neumodisches Teufelszeug ist.

Lassen Sie uns die Feenfrage stellen: Wenn sie heute vorbeikäme in der Bahnhofstraße oder auch erst nach dem Leopold-Jahr, was würden Sie sich wünschen?

Wünschen würde ich mir vor allem inhaltlich endlich die Möglichkeit, eigene Musiktheaterproduktionen zu machen. Wir haben mit der Akademie für Alte Musik Berlin eines der herausragendsten Barockorchester der Welt an Augsburg gebunden und damit ideale Voraussetzungen, das große Feld »frühe Mozartoper« bzw. generell Oper und dramatisches Oratorium dieser Zeit auf einem fantastischen Niveau zu bespielen. Das fehlt in Augsburg völlig, wo es hier doch mit den barocken Sälen und Kirchen geradezu danach ruft. Leider ist ein solches Projekt enorm teuer. Aber vielleicht liest diesen Wunsch ja eine gute Fee in Form eines finanziell gut aufgestellten und leidenschaftlichen Sponsors. Auch hier kann ich nur noch einmal Leopold zitieren: »Man muß die Hände beständig im Geldbeutl haben.«

www.mozartstadt.de

Abbildung: Leopold und Mozartstadt-Team. Foto: Fabian Schreyer

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