Essen & Trinken

Ist Nachhaltigkeit eine Innovation?

Gudrun Glock
25. Mai 2021

Die Brauerei Ustersbach wurde mit dem »Top 100«-Siegel 2021 ausgezeichnet. Das Unternehmen zählt damit zu den »innovativsten Mittelständlern Deutschlands«. Gudrun Glock besuchte die Geschäftsführerin Stephanie Schmid

»Ein Ziel musst du nicht nur vor Augen haben. Wenn du das Ziel treffen willst, musst du einen Punkt hinter dem Ziel anvisieren«, sagt Stephanie Schmid, Inhaberin und Geschäftsführerin der Brauerei Ustersbach. »Du musst also deine Ziele immer etwas höherstecken, um Neues zu schaffen und Verbesserungen herbeizuführen. Mein erklärtes Ziel ist es, klimaneutral zu arbeiten, das ist mir ein großes Anliegen.«

»Ohne Start kein Ziel«, meinen auch die Macher von »Top 100«, dem einzigen Benchmarking für Innovationsmanagement in Deutschland. »Top 100« kürt die innovativsten Unternehmen des deutschen Mittelstands. Auf die Frage, wie es dazu kam, die Brauerei Ustersbach in dieser Form bewerten zu lassen, erklärt Stephanie Schmid: »Wir sind uns unserer Innovationsstärke durchaus bewusst, wollten dem Endverbraucher aber auch gerne eine entsprechende Zertifizierung nachweisen. Hierfür bot sich dieser Innovationswettbewerb an.«

Corona hat sicher vieles zerschlagen, aber gerade letztes Jahr bot die Situation noch andere Blickwinkel. Für die Brauerei Ustersbach sind erst einmal viele Veranstaltungen weggefallen. Dadurch haben sich Räume aufgetan. So auch für die Geschäftsführerin. »Es sind große Pausen entstanden, die Möglichkeit zum extremen Rückzug und dadurch auch die Inspiration und Motivation, Dinge anzupacken, die man zwar immer auf dem Schirm, aber letztlich doch aus irgendwelchen Gründen vertagt hatte. Und auf einmal waren da Zeit und Ruhe. Das hatte schon was, auch wenn wir doch niemals gedacht hätten, dass sich das so lange zieht.«

Fragen über Fragen

Als der Fragebogen mit 26 Seiten kam, wurde es nicht nur spannend, sondern auch schnell klar, dass die Fragen zwar sehr einfach klangen, sich aber oft nicht so eindeutig beantworten ließen. Eine lautete zum Beispiel, ob es im Unternehmen Regelungen gebe, wonach Mitarbeiter einen Teil ihrer Arbeitszeit für die Entwicklung eigener Ideen nutzen könnten. Diese Frage hätte Stephanie Schmid eindeutig mit einem Ja beantwortet. »Natürlich legen wir großen Wert darauf, dass sich die Mitarbeiter mit ihren Ideen einbringen«, meint die Inhaberin, »denn sie kennen die Abläufe, verbringen ihren Tag mit und am Produkt und sehen am besten, wo sich Verbesserungen lohnen würden.« Daher sei sie gerne direkt ansprechbar und ihre Tür immer offen.

Was allerdings auf den ersten Blick ganz klar schien, war viel komplexer als erwartet. Schmid schildert, dass allein zu diesem Sachverhalt 15 weitere Details abgefragt wurden. Ob die eingeräumte Zeit zum Beispiel jede Woche gewährt würde. Oder für wie viele Mitarbeiter das genau gelten würde und wie viele Stunden dafür vorgesehen seien. »In dieser messbaren Form haben wir das noch nie gemacht und natürlich hatten wir Bedenken, das so reinzuschreiben.« Letztendlich wollten Stephanie Schmid und ihr Team aber 100 Prozent authentisch bleiben. Entsprechend wurden die Fragen dann in aller Ausführlichkeit beantwortet. Vier Wochen hatte die Geschäftsleitung mit ihren Abteilungsleitern Zeit, um alles gewissenhaft zu erläutern. »Und«, jetzt muss Stephanie Schmid schmunzeln, »wir haben die Unterlagen auf den letzten Drücker abgegeben.«

Fotos © Gudrun Glock

Prozessinnovation statt Produktinnovation

»Wir haben keine Produktinnovation, sondern eine Prozessinnovation. Der Impuls dazu stammt noch aus den Siebzigern, den Jahren der Energieknappheit. Unsere Anlagentechnik ist einmalig«, schwärmt Schmid. »Das haben unterschiedliche Anlagenbauer über die Jahre immer wieder bestätigt.« Solche Investitionen würden sich zwar erst über eine lange Zeit amortisieren, aber der Profit für die Umwelt sei eben sofort da, fügt sie an. Stephanie Schmid möchte nicht hier die Umwelt schädigen und dafür am Amazonas Bäume pflanzen. »Das ist wie Ablasshandel für uns und geht an unseren Vorstellungen vorbei«, meint sie. Sie möchte, dass die Dinge hier im direkten Umfeld geschehen, und zwar zum Wohle aller beteiligten Menschen und Strukturen.

Ungefähr nach einem Vierteljahr kam das erste Feedback per Mail. »Wir standen in der engeren Auswahl der hundert innovativsten mittelständischen Unternehmen Deutschlands. Das musst du erst mal realisieren«, schildert die Unternehmerin und scheint die ganze Freude und Aufregung dieses Moments kurz noch einmal zu erleben. Tatsächlich wurden dieses Jahr keine hundert Auszeichnungen vergeben. Es musste also schon eine besondere Leistung sein, um diese Würdigung zu erhalten.

Biogas aus Abwasser

»Wir haben alles sehr anschaulich dargestellt und erklärt, sodass die Prozesse verständlich wurden. Die Juroren kommen ja nicht aus der Branche«, sagt Schmid, die sich selbst als Quereinsteigerin bezeichnet, was die technischen Dinge betrifft. Sie zückt ein Papier, das sogleich einige Sachverhalte bildlich veranschaulicht. »Abfallstoffe sind Wertstoffe. Mit Biogas aus Abwasser lässt sich Strom gewinnen und wir können zudem noch die dabei entstehende Abwärme nutzen. Das war früher nicht denkbar, aber jetzt ist die Technologie da.«

Für viele Prozessinnovationen sei eine gewisse Mindestgröße des Betriebs erforderlich, aber es sei ein sehr spannendes und natürlich hochaktuelles Thema und man habe bereits weitere Projekte angestoßen, um dem Ziel der Klimaneutralität aus eigener Kraft und »auf der eigenen Scholle« noch näherzukommen.

Mehr zum »Grünen Weg« der Brauerei Ustersbacher gibt es unter:
www.ustersbacher.de

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