Nähe oder Zugehörigkeit

14. Januar 2016 - 8:12 | Gino Chiellino

Für seine Kolumne »Deutsch richtig und gut« hat Gino Chiellino Begriffe gesucht, die er paarweise umschreibt, um zu zeigen, wie er sie anders versteht als seine Gesprächspartner. Der siebte Teil behandelt: Nähe oder Zugehörigkeit.

Beim Einkaufen parke ich so weit, wie es geht, vom Haupteingang des angesteuerten Supermarkts entfernt, und zwar mit der Absicht, stressfrei parken, ungestört aus dem Wagen aussteigen und später die Einkäufe bequem einladen zu können. Das Vorhaben gelingt mir selten. Bei der Rückkehr zum Auto muss ich immer wieder feststellen, dass irgendjemand seinen Herdentrieb befriedigt hat und das Auto an meiner Fahrerseite abgestellt hat, obwohl ihm Parkplätze weit und breit zur Verfügung gestanden haben. Dieses Bedürfnis nach Nähe ist sehr menschlich. Anderswo sorgt es für sprachlichen Ärger, wenn man darauf besteht, dass Nähe kein Synonym von Zugehörigkeit ist bzw. keine Zugehörigkeit erzeugen kann.

Auf der nichtssagenden Sympathieskala, mit der Forschungsinstitute die Nähe der Einheimischen zu den Nichteinheimischen vermessen, stehen Exilierte ganz oben. Ihnen folgen alle, die sich als Einwanderer infolge bilateraler Anwerbeverträge im Lauf der letzten 60 Jahren in Deutschland niederlassen haben, sehr weit unten sind Asylanten und Armutsflüchtlinge (wer sind sie?) anzutreffen. Aber wie entsteht eine solche Wahrnehmungsabstufung von Menschen, die in Westeuropa pseudowissenschaftlich gepflegt wird?

Über die existierende Priorität politischer Flüchtlinge hat zum Beispiel der chilenische Exilierte Antonio Skármeta angemerkt: »Das weltweite Verständnis für unseren Zustand, die warmherzige Solidarität der Mehrheiten dieses Planeten […] Im allgemeinen wird das Exil von diesen Mehrheiten nicht als Stigma, sondern als eine Art Ehre angesehen« (Heimkehr auf Widerruf – Chile im Umbruch, 1989, S. 85). Wenn es so ist, bringt das Empfinden von Sympathie für Exilierte reinen Gewinn, denn Flüchtlinge aus faschistoiden Regimen gelten mit Recht als ehrenhafte Menschen, die für jene Rechte, die wir aus sicherer Entfernung für antastbar reklamieren, unter Lebensgefahr vor Ort kämpfen. Am häufigsten wird Nähe zu exilierten Kulturschaffenden durch Stipendien und Preise hergestellt, um sie an den eigenen Kulturbetrieb anzubinden und ihnen dadurch ein Gefühl von beschützender Zugehörigkeit zu vermitteln.

Aber wie geht man bei den klassischen Einwanderern vor? Hier reicht ein Possessivpronomen, um einseitige Nähe herzustellen. Jahrzehntelang war in Deutschland zum Beispiel die Rede von »unseren« ausländischen Mitbürgern und Einheimische gehen nach wie vor sehr gerne zu »ihrem« Italiener, Türken, Griechen, Spanier usw. um die Ecke essen.

Nähe zu Flüchtlingen jeder Herkunft stellt sich fast von selbst ein. Sie befriedigt das hochwertige Grundbedürfnis der christlich-europäischen Kultur, sich um die Leidenden zu sorgen. Derartige spontane, umsorgende Nähe ist jedoch nur als zeitbegrenzt zu verstehen, denn den Flüchtlingen wird nur eine vorübergehende Aufnahme unter der Voraussetzung gesichert, dass sie das Land verlassen werden, sobald sich die Lage in ihrem Herkunftsland stabilisiert hat. Wird die Abmachung seitens der Aufgenommenen nicht respektiert, zerbrechen sogar langjährige Freundschaften wie die zwischen Irena und Sylvie in Milan Kunderas Roman »Die Unwissenheit«, 2000.

Aber wieso erwächst aus erlebter, hilfreicher Nähe kein Gefühl der Zugehörigkeit bei Exilierten, Einwanderern und Flüchtlingen? Eine erste sprachliche Antwort würde lauten, dass zwischen Nähe und Zugehörigkeit keine Kausalverbindung besteht, anders gesagt, sie gehören zu unterschiedlichen Handlungsgebieten. Nähe kann man aus unterschiedlichen Gründen in sich aufkommen lassen und erleben. Zugehörigkeit entsteht nicht durch erlebte positive Handlungen, sondern durch paritätische Beteiligung an dem existenziellen, gemeinsamen Projekt einer Gemeinde, einer Republik, das Zukunft heißt.

Wie gesagt, für Exilierte, Einwanderer und Flüchtlinge ist es vernünftig, Deutsch richtig und gut zu lernen. Unvernünftig ist die damit verbundene Hoffnung, hinterher könne man sich mit den Staatsbürgern des Landes verstehen. In der Tat versteht man sich nicht, weil man die gleiche Sprache paritätisch spricht: Gesprächspartner verstehen sich, weil sie bereit sind, sich zu verändern und dabei Nähe und Zugehörigkeit nicht zu verwechseln.

»Deutsch richtig und gut« lautete der Titel der Fibel, mit der sich Chiellino 1970 in Düsseldorf Deutsch beibringen wollte. Der interkulturelle Literaturwissenschaftler, Dichter, Essayist, Herausgeber und Übersetzer wurde unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis für sein lyrisches Werk ausgezeichnet. Das neueste Buch Chiellinos, »Interkulturelle Literatur in deutscher Sprache: Das große ABC für interkulturelle Leser«, erschien beim Verlag Peter Lang, Bern.

www.chiellino.eu

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