Naturkunde gelebt, geliebt, gemalt

15. September 2020 - 14:34 | Gast

»Leus Tierleben« – die Herbst-Ausstellung der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg zeigt vom 16. September bis 6. November Werke des Augsburger Forschers Johann Friedrich Leu (1808–1882). Ein Gastbeitrag von Dr. Karl-Georg Pfändtner

Mit farbenfrohen Vögeln aus Augsburg, Schwaben und der Welt in großformatigen Bildern, mit Gouachen, Skizzen, Pausen und frühen Fotos von Fischen, Amphibien, Reptilien und Säugetieren – einzigartige Dokumente aus dem 19. Jahrhundert – öffnet die Staats- und Stadtbibliothek Augsburg wieder ihr überreiches Füllhorn.

In Kooperation mit dem Naturwissenschaftlichen Verein für Schwaben e.V. präsentiert sie in Auswahl eines der glanzvollsten, wertvollsten und wohl auch schönsten illustrierten Tierleben seiner Zeit mit Tausenden von Bildern, angelegt vom weit über Schwaben hinaus bekannten Augsburger Kürschner, Präparator, Tierforscher und Tiermaler Johann Friedrich Leu (1808–1882).

Der historische Untere Cimeliensaal der Bibliothek, 1893, also elf Jahre nach dem Tode Leus eingerichtet, ist geradezu prädestiniert für diese außergewöhnliche Schau, in der Texte und Illustrationen zu heimischen und exotischen Tieren den Betrachter in ihren Bann ziehen. Bunte Papageien (Abbildung: Gelbkopfamazone), Kolibris, einheimische Blauracken, Spechte, Adler und Eistaucher, Frösche, Schlangen, Paviane, Tiger, Löwen und Elefanten, Streifen-Backenhörnchen und Fledermäuse und viele mehr verwandeln den einzigartigen Ausstellungsraum des 19. Jahrhunderts für zwei Monate in ein wahres Naturalienkabinett.

Die Bilder entführen in die Zeit lange vor Farbfotografie und filmischer Tierdokumentation, in der neugegründete naturwissenschaftliche Vereine sich um die erste systematische Erfassung von Flora und Fauna nicht nur der eigenen Umgebung, sondern der ganzen Welt bemühen. Auch Leu ist international vernetzt, mit Kontakten bis nach Südamerika.

Als gesammelte Naturgeschichte der Wirbeltiere angelegt, erfasst und systematisiert er in seinem monumentalen, bis heute unpublizierten Werk die Welt der Tiere wissenschaftlich, diskutiert die seinerzeit gängigen Forschermeinungen kritisch, bisweilen zynisch in roter Tinte, beklagt bereits früh die Bedrohung der Artenvielfalt durch intensivierte Naturnutzung, Verfolgung aus Aberglaube, Überjagung und Flussregulierung. Als einer der ersten in Bayern fordert er Naturschutzgebiete und engagiert sich gegen Tierquälerei.

Einige der hier porträtierten Arten sind heute in Schwaben ausgestorben, etwa die Rotschenkel, Trappen und Lachseeschwalben, einst in Scharen in den Augsburger Lech-Auen beheimatet, andere selten geworden wie etwa die Nasen, die im 19. Jahrhundert während der Laichzeit noch mit Eimern aus Lech und Wertach geschöpft werden konnten, oder die prächtigen Mauerläufer mit ihren roten Flügelfedern und das Schneehuhn.

Die Natur faszinierte Leu bereits seit seiner Jugend. In einem Hochzeitsgedicht aus dem Jahre 1836 spöttelte sein Bruder: »Er, der nur Papillonen fing / Nach Raupennestern spürte, / Und statt daß er zu Mädchen gieng / Im Dreck nach Käfern stierte …«. 1846 war er Mitbegründer des heute noch sehr agilen Naturwissenschaftlichen Vereins in Augsburg, dessen Ziel die »Förderung der naturwissenschaftlichen Studien überhaupt und die Kenntniß der in Augsburgs Umgebungen vorkommenden Naturschätze insbesondere« war. Er fungierte als Konservator des von »seinem Verein« auch in Augsburg eingerichteten Naturalienkabinetts, für das er unzählige Präparate selbst herstellte. Alfred Brehm, Zeitgenosse Leus und bis heute durch sein »Illustrirtes Thierleben« bekannt, hob bei einem Besuch in Augsburg die Vollkommenheit dieser Sammlung heraus, die großteils durch die Bomben des Zweiten Weltkriegs vernichtet wurde. Einen Eindruck von Leus Perfektionismus auf diesem Gebiet vermitteln in der Ausstellung frühe Fotos, Originale können im Naturmuseum Königsbrunn, in den Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen Donaueschingen bzw. im Naturmuseum Augsburg betrachtet werden. Ein Gelege eines Zwergtauchers aus Augsburg fand seinen Weg gar in die Sammlung des Naturhistorischen Museum Wien.

Die Ausstellung zeigt die schönsten und aussagekräftigsten Blätter dieses Schatzes der frühen Naturforschung und Naturillustration des »schwäbischen Brehm«. Gleichzeitig sind die eigens erstellten Volldigitalisate der heute noch 95 Handschriften umfassenden unveröffentlichten Enzyklopädie, von Leu dem Naturwissenschaftlichen Verein geschenkt und 1957 über diesen in die Staats- und Stadtbibliothek Augsburg gelangt, über unseren Online-Katalog kostenfrei im Internet abrufbar, ja die ganze Schau lässt sich demnächst bequem und kostenlos als virtuelle Ausstellung vom heimischen Computer aus oder vom mobilen Endgerät ansehen.

Die aufwändig bebilderte Begleitpublikation zur Ausstellung, von Renate Pfeuffer M.A., der Kuratorin der Ausstellung, verfasst (Band 6 der Reihe »Cimeliensaal« der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, Wißner-Verlag 2020, 240 Seiten) und maßgeblich vom Naturwissenschaftlichen Verein für Schwaben e.V. finanziert, ist zum Preis von 19,90 Euro in der Bibliothek erhältlich bzw. bestellbar. Ebenso in der Bibliothek zu haben sind die 20 schönsten Motive auf Ansichtskarten, je zum Preis von 1 Euro.

Aufgrund der Covid-19-Pandemie ist der Eintritt nur für fünf Personen gleichzeitig gestattet. Führungen von Kleingruppen (bis 5 Personen) bzw. Familien sind auf Anfrage möglich (Kontakt: sekretariat@sustb-augsburg.de oder Tel. 0821–71013-2738).

www.sustb-augsburg.de

Dr. Karl-Georg Pfändtner, geboren 1965, studierte Kunstgeschichte, Theologie und Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit an den Universitäten Bamberg und München. Seit 2017 ist er Leiter der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg.

 

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