Neu verhandeln

3. Juni 2019 - 11:48 | Jürgen Kannler

Es ist höchste Zeit, die verbleibenden Kulturorte im Glaspalast für die Zukunft aufzugleisen. Eine Analyse von Jürgen Kannler

Der Glaspalast im Augsburger Textilviertel hatte alle Optionen, zu einem der wichtigsten Kulturorte für Gegenwartskunst im süddeutschen Raum zu werden. Das Zusammenspiel zwischen Staat, Stadt und dem Besitzer der Immobilie verlief jedoch kläglich. Falscher Ehrgeiz, Eitelkeiten und Besserwissereien gehören zu den Wegmarken dieses Scheiterns. Der Glaspalast ist ein trauriges Fallbeispiel dafür, wie Politik, Wirtschaft und Verwaltung der Entwicklung unserer Kulturregion im Weg stehen können.

Vor etwas mehr als einem Jahr berichtete die a3kultur-Redaktion über den Rückzug der Pinakotheken aus dem Glaspalast. Seither läuft die Diskussion um die weitere Nutzung der 1.200 Quadratmeter Industriekultur in zentraler Lage über den genannten Schließungstermin am 31. Dezember 2020 hinaus. Die Begehrlichkeiten auf diesen beeindruckenden Raum wurden schnell spürbar. Das mag ein Hauptgrund dafür sein, dass es bisher zu keinem öffentlichen Diskurs darüber kam, ob und in welcher Form der Glaspalast auch zukünftig Adresse eines städtischen und/oder staatlichen Kulturorts sein wird und zu welchen Bedingungen dies geschehen sollte. Eine unerhörte Situation, vor allem wenn man sich in Erinnerung ruft, dass gegenwärtig sogar ein Bürgerbeteiligungsprozess zum Thema Museumslandschaft von der Stadt abgehalten wird, in dem das Thema bisher keine Rolle spielt.

Das Ende dieser Zweigstelle der Staatsgemälde­sammlungen in Augsburg war seit längerer Zeit absehbar. Bernhard Maaz, Generaldirektor der Pinakotheken, zeigte nie wirkliches Interesse, sich für seine Niederlassung im Glaspalast zu engagieren. Er sagt, ihm fehlten dafür die Mittel, und zeigt sich enttäuscht über seine Gesprächspartner aufseiten der Stadt. Von dieser Stelle kamen keine Angebote, so der Museumsmann. Nun zieht sich sein Haus in seine zweite Augsburger Dependance zurück, die Katharinenkirche mit ihren Alten Meistern. Auch hier teilen sich die Pinakotheken mit den Kunstsammlungen über das Schaezlerpalais einen Eingang. Die Nachbarschaft funktioniert, bringt aber keinen spürbaren Mehrwert für die beiden Kulturorte. Den durch die Schließung im Glaspalast frei werdenden Etat wird Maaz nicht über die gemeinsame Schwelle tragen. Sofern es ihn je gab, war er nie für Augsburg vorgesehen.

Ins Portemonnaie greifen für die Staatsgemäldesammlungen andere. Mehr als 600.000 Euro jährlich zahlt die Stadt Augsburg pro Jahr an Miete und Unterhalt für die 2006 eröffnete Zweigstelle der Pinakotheken und das über denselben Zugang erschlossene H2 – Zentrum für Gegenwartskunst der Kunstsammlungen und Museen Augsburg. Eine stolze Summe und ein glänzendes Geschäft für den Eigentümer der Immobilie, Ignaz Walter. Der Unternehmer ist selbst leidenschaftlicher Sammler. Er unterhält im Glaspalast sowohl die Galerie Noah als auch ein eigenes Kunstmuseum.

Man möchte meinen, das wären insgesamt gute Bedingungen gewesen, um einen Hotspot Gegenwartskunst in einem prosperierenden Stadtteil zu etablieren. Weit gefehlt. Die Gründe dafür sind vielfältig. So ignorierten die Pinakotheken die Eröffnungsankündigung ihres damaligen Generaldirektors Reinhold Baumstark, jährlich eine neue Schau im Glaspalast auszurichten. Solch ein Unterfangen hätte Schubkraft gegeben. Die gegenwärtig gezeigte Ausstellung, die Bernhard Maaz zu verantworten hat, ist hochkarätig, wird aber insgesamt rund fünf Jahre ohne Veränderungen an den Wänden gehangen haben und macht den Glaspalast auf Kosten der Augsburger Steuerzahler*innen zum teuersten Museumsdepot der Republik. Die horrenden Mietzahlungen für den toten Raum binden zudem Mittel, die der Kulturarbeit vor Ort fehlen. So ist H2-Leiter Thomas Elsen gezwungen, ohne städtischen Einkaufsetat zu agieren und seine Ausstellungsprojekte mit bescheidensten Mitteln umzusetzen.

Auch Ignaz Walter hat zu wenig dafür getan, seinen Glaspalast zu einem einladenden Kulturort und nicht nur zu einer sprudelnden Einnahmequelle zu formen. So genügte die von ihm vorgehaltene Bewirtschaftung im Eingangsbereich zu keiner Zeit den Anforderungen an eine zeitgemäße Museumsgastronomie. Dass sich diese Anforderungen und die von Walter geschätzten Vorzüge einer ambitionierten Küche nicht ausschließen, zeigt eine Reihe beachtlicher Beispiele auch in nächster Nachbarschaft.

Zuweilen agiert der Unternehmer und Kunstsammler Walter wie ein Mann, der um seine Platz in der öffentlichen Wahrnehmung für seine Person fürchtet. Großmut und Gelassenheit scheinen nicht zu seinen Grundtugenden zu gehören. Jedes Vermögen selbstironischer Betrachtung ist ihm offenbar fremd. Dennoch, Walter gehört zu den großen Sammlerpersönlichkeiten, nicht nur in unserer Region. Seine Erwerbungen, seine Kontakte und seine Fähigkeiten als Unternehmer hätten helfen können, den Glaspalast zu einer der ersten Adressen für Kunst der Gegenwart zu machen. Doch statt wirkungsvolle Kooperationen mit den Nachbarn einzugehen, verwehrte er schon den kleinsten gemeinsamen Nenner und setzte sein dickes »Walter« weit über alle anderen kulturellen Mitspieler im Glaspalast (Foto).

Vor diesem Hintergrund scheint es mehr als angebracht, die Zukunft des Glaspalasts als Ort einer städtischen Kultureinrichtung offen zu diskutieren und gegebenenfalls neu zu verhandeln. Mitte der nächsten Dekade endet der Mietvertrag zwischen Walter und der Stadt. Bevor neue Nutzungen vor und nach diesem Stichtag fixiert werden, sollte man klären, zu welchen Bedingungen diese stattfinden. Welche Parameter müssten sich ändern, um die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Arbeiten vor Ort zu verbessern? Hier müsste sich wie schon gesagt Walter bewegen, aber auch die Stadt. Zum Ersten verlangt ein Haus wie das H2 nach einem Ausstellungsetat, der dem großartigen Ort mit seinen 2.000 Quadratmetern im Ansatz gerecht wird. Zum Zweiten muss der Glaspalast entschieden besser an den öffentlichen Nahverkehr angebunden werden als bisher.

Darüber hinaus fehlen Angebote für Radfahrer­*innen und Spaziergänger*innen, das Textilviertel als Ganzes in seiner kulturellen Vielfalt zu entdecken. Mit dem Staatstheater im martini-Park, dem Kulturtriptychon auf dem Gelände der ehemaligen NAK aus Stadtarchiv, Archäologischem Zentraldepot und Staatlichem Industrie- und Textilmuseum tim an der Spitze sowie kleineren, aber extrem lebendigen Kulturorten wie dem Auktionshaus Rehm, dem Provino Live Club und dem Sensemble Theater ist das einstige Scherbenviertel längst ein entscheidender Motor für die gesamte Kulturregion.

Diese Vorzüge nutzen Unternehmen, die im Textilviertel in die durch Kultur aufgewertete Nachbarschaft investieren und gute Gewinne daraus abschöpfen. Mit diesen Qualitäten pokern aber ebenso Politik und Verwaltung, wenn auch nicht immer mit dem Fokus darauf, unsere Kulturregion zu stärken.

So standen eine Zeitlang die Chancen für einen möglichen Umzug der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit vom Münchner Arabellapark in den Glaspalast überaus gut. Die historischen Industriehallen der Pinakotheken würden bald frei werden und der Mietvertrag auf Kosten der Stadt ist noch zu erfüllen. Es würde lediglich die eine staatlich gelenkte Institution der anderen weichen. Der Vertraute von OB Gribl, Richard Goerlich, damals noch »Stadtsprecher«, führte bei den Verhandlungen dem Vernehmen nach das Wort, auch die Option vor Augen, nach dem Ausscheiden seines Gönners Kurt Gribl aus der Stadtpolitik zum Mai 2020 eine neue Wirkungsstätte im Glaspalast zu finden.

Die politischen Realitäten in München machten den Ambitionen aus der Verwaltung in Augsburg einen Strich durch die Rechnung – vorerst. Mit dem Wechsel in der bayerischen Staatskanzlei und der Bestätigung des Ministerpräsidenten Söder durch die Landtagswahl schwand auch der Einfluss des Seehofer-Zöglings Kurt Gribl in München. Die Sonderzuwendungen an Augsburg drohen zu stagnieren. Die hohen Investitionen und Förderungen für die Uniklinik, das neue Staatstheater oder die Mobilitätsdrehscheibe rufen im Rest Bayerns Argwohn hervor. Bei einem auf den 2. Mai dieses Jahres gesetzten Termin im Glaspalast mit Ministerpräsident Markus Söder sollte der Umzug der Landeszentrale für politische Bildung perfekt gemacht werden. Der Termin wurde kassiert, die Bemühungen Goerlichs, die Landeszentrale nach Augsburg zu holen, sind vorerst gescheitert. Bitter für ihn, aber nicht zwingend bitter für Augsburg. Kurze Zeit später verließ der Tausendsassa seine Amtsstube, um Wahlkämpfer zu werden. Diesmal nicht für Gribl, sondern für die designierte CSU-OB-Kandidatin Eva Weber. Die Auszeit ist auf ein Jahr begrenzt, einem späteren Wiedereinstieg in eines der städtischen Referate steht formell wohl nur noch ein entsprechendes Wahlergebnis im Wege, das es nun einzufahren gilt.

Die weitere Zukunft der Landeszentrale in Augsburg wird nun in einem Viererteam aus je einem Verwaltungsduo aus München und Augsburg verhandelt. Ihre Aufgabe beschreibt die Institution damit, »auf überparteilicher Grundlage das Gedankengut der freiheitlich-demokratischen Staatsordnung im Bewusstsein der Bevölkerung zu fördern und zu festigen«. Eine ebenso wichtige wie schöne Aufgabe, die zu unterstützen unserer Region gut zu Gesicht stehen würde. Ob der Glaspalast für diese Option jedoch der passende Rahmen ist, bleibt fraglich. Die Räume, in denen die Außenstelle der Pinakothek noch residiert, sind hervorragend für Kunstausstellungen geeignet. Eine Charakteristik, für die es auch ohne die Staatsgemäldesammlungen in unserer Kulturregion Bedarf gibt. Diese architektonische Qualität wegen der spezifischen Anforderungen, die eine Einrichtung wie die Landeszentrale für politische Bildungsarbeit mit sich bringt, zu brechen, muss kritisch hinterfragt werden. Das gegenwärtige Gedankenspiel, die Landeszentrale räumlich mit einem ernstzunehmenden »News Museum« zu verbinden, würde das Aus für alle diesbezüglichen Pläne im Glaspalast bedeuten.

Das Thema Nachrichten und Medien museal aufzuarbeiten, ist eine wichtige Aufgabe und bedeutet zugleich eine große Verantwortung zu übernehmen. Die in dem Kontext immer wieder ins Spiel gebrachte Einbeziehung der Sammlung von Martin und Sabine Welke kann sinnvoll sein, sofern deren historische Druckmaschinen und Zeitungsarchive nur den kleineren Teil des Konzepts ausmachen. Das Hauptaugenmerk muss auf einem Spiel- und Arbeitsfeld liegen, das auf aktuelle technische Möglichkeiten zurückgreifen kann, um eine fruchtbare Diskurs-, Präsentations- und Lehrsituation zu gewährleisten. Dieser Verantwortung sollte auch mit entsprechenden Etat- und Raumressourcen entsprochen werden. Die Finanzierung muss in diesem Fall weitgehend beim Staat liegen. Die Stadt Augsburg verfügt jedoch mit der Halle 116 über eine geschichtsträchtige Immobilie, deren historischer Kontext sowohl als Wehrmachtskaserne und Kaserne für US-Streitkräfte als auch als Außenstelle des KZ Dachau eine Empfehlung für die Platzwahl der neuen Landeszentrale ist. Die Halle befindet sich, wenn auch am anderen Ende der Stadt, doch in vergleichbarer Lage zum Glaspalast. Ihr Raumvolumen ist bedeutend größer als die vorhandene Fläche im Textilviertel und um die Nutzung des Ortes wird gegenwärtig ein breiter bürgerschaftlicher Dialog geführt.

Unsere Kulturregion zeichnet sich durch Lebendigkeit und ein breites Spektrum aus. Diese Angebote sind oft von hoher, zuweilen bestechender Qualität und damit ein unverzichtbarer Teil der Infrastruktur, die allen Menschen, die hier leben, zugutekommen sollte. Funktionierende kulturelle Szenen und Orte sind für eine hohe Lebensqualität wichtig. Ihre Macher*innen tragen entscheidend zum Wohlbefinden aller bei. Politik und Gesellschaft tragen dem jedoch zu wenig Rechnung.

Gute Kulturarbeit verdient einen vergleichbaren Stellenwert wie die Verlässlichkeit der Energieversorgung, der Zugang zu modernen Kommu­nikationstechnologien oder die Qualität der Verkehrssysteme. Genau wie diese Faktoren macht Kulturarbeit an politischen, kaum alltagstauglichen Grenzen nicht halt – und wird dennoch genau dort zu oft ausgebremst.

Es wird Zeit, unser Bewusstsein für den Wert der hier erbrachten kulturellen Leistungen deutlich zu schärfen und die damit verbundenen Chancen zu erkennen. Die Geschichte des Glaspalastes zeigt, dass wir unsere Kulturregion nicht mit der gebotenen Sorgfalt pflegen. Das sollten wir ändern, denn außer den Menschen, die hier leben, kann diesen Job niemand erledigen.

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