Neue Grottenau, alte Fehler

28. September 2020 - 11:15 | Jürgen Kannler

Die Stadt ignoriert bei der Neugestaltung des ehemaligen Postgebäudes weitgehend die Belange der Bürger*innen. Ein Kommentar von Jürgen Kannler

Beim ehemaligen Postgebäude an der Grottenau hat die Stadt einiges richtiggemacht. Sie hat die Immobilie in bester Lage für die Augsburger*innen gesichert. Ein Nutzungskonzept wurde entwickelt, das vorsieht, neben dem Leopold-Mozart-Zentrum (LMZ) der Universität auch Teile der städtischen Verwaltung (Amt für Kinder, Jugend und Familie sowie Verkehrsüberwachungs- und Ordnungsdienst) dort unterzubringen.

Nachdem die städtischen Mitarbeiter*innen den neuen Ort schon beleben, steckt das LMZ gegenwärtig noch mitten im Umzug. In den kommenden Monaten sollen die Räume für rund 250 studierende Musiker*innen aus aller Welt und 150 Angestellte und Lehrende für den universitären Ausbildungsbetrieb startklar sein. Die Zusammenlegung der bisher auf mehrere Immobilien verteilten LMZ-Räume in die neue Grottenau wird einvernehmlich als Verbesserung gewertet. Über die beiden obersten Stockwerke der neuen Grottenau erstrecken sich Übungsräume verschiedener Größen und Büros samt einer großzügigen Lounge mit spektakulärem Blick über die Dächer der Stadt. Die ehemalige Schalterhalle im Erdgeschoss wird zum Konzertsaal mit 155 Plätzen. Doch die Stimmung zwischen Stadt und LMZ scheint nicht ungetrübt.

So fehlte beim Presserundgang kurz nach den Sommerferien auch eine offizielle Stimme des LMZ. Diese Seite wurde von der Stadt zu dem Termin schlicht nicht geladen. So blieben einige wesentliche Fragen offen. Beispielsweise die nach der Öffnung des Saals für ein Publikum außerhalb des universitären Kontexts oder mögliche Optionen für Programmmacher*innen, diese neueste städtische Infrastruktur zu nutzen. Diese Fragen sind nicht unerheblich, bietet die neue Grottenau nach gegenwärtigem Stand der Dinge doch kaum Angebote für die Menschen dieser Stadt. Kein Bürger*innentreffpunkt, kein Café, keine Mensa, keine erkennbare Infrastruktur, die den neuesten Kulturort der Stadt auch als Anlaufstelle für die Bürger*innen auszeichnen würde. Stattdessen kartoffelsackfarbene Vorhänge, die die Welt der Musik von der Welt der Verkehrsüberwachung trennen.

Diese Punkte sind auch deshalb bemerkenswert, weil die Stadt beim Diskurs um die Entwicklung des Theaterquartiers – dessen Kern das umstrittene Bauvorhaben für das Staatstheater ist – gerne auch die neue Grottenau als Teil ihres neuen, offenen und diversen Kulturverständnisses anführt. Gegenwärtig sieht es so aus, als mache die Stadt auch bei neuen Projekten die alten Fehler.

Foto: WBG-Chef Dr. Mark Dominik Hoppe im neuen Konzertsaal

 

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