Neue Kunst – ganz real

27. Mai 2020 - 16:29 | Bettina Kohlen

Drei neue Ausstellungen in Augsburg machen Lust auf Kunst der Gegenwart – real und unmittelbar zu erleben in der Neuen Galerie im Höhmannhaus und im tim.

Ein erster Blick mag täuschen, doch dann machen eine spiegelnde Scheibe oder irritierende bauliche Details klar: Pflanzen und Tiere in Asja Schuberts Fotografien, die jetzt in der Neuen Galerie im Höhmannhaus zu sehen sind, werden nicht als für sich stehende Phänomene oder Porträts inszeniert, sondern die Fotokünstlerin zeigt eine Natur, die ihren speziellen Lebensraum im Tropenhaus eines botanischen Gartens, eines Zoos oder der ausgestopften Ordnung eines Museums gefunden hat. Die Künstlerin fokussiert in ihren vielfach großformatigen Arbeiten auf das Verhältnis von Mensch und Natur, das in solchen Einrichtungen, die gleichermaßen dem Zurschaustellen wie dem Erforschen dienen, besonders deutlich zu Tage tritt, verstärkt durch die farbige Hochglanz-Brillianz dieser Bilder, die das Durchdringen der Natur mit reiner Oberfläche kontert. Die Bildserie »Nachsaison« betrachtet lakonisch urbane und touristische Randgebiete, denen, nachdem die Menschen gegangen sind, durch die zurückgebliebenen Artefakten ein eigenartig wehmütiger Nachklang innewohnt.

Der hohe ästhetische Reiz der Fotografien der sehenswerten Schau (Kuratorin: Jana Schwindel) wird hier zum Katalysator für das Nachdenken über Natur und uns, die wir Teil davon sind.

Neue Galerie im Höhmannhaus | in natura – Fotografien von Asja Schubert
| bis 31. August
Foto: Asja Schubert – Terrarium, 2019

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de


Im Staatlichen Textil- und Industriemuseum tim liefern gleich zwei neue spannende Ausstellungen Anlass für einen Besuch. Nachdem Corona der Eröffnung im März einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte, sind nun endlich die Arbeiten der Bildhauerin Esther Irina Pschibul zu sehen, Rund 50 Skulpturen, textile Arbeiten und Skizzen interagieren in 15 Stationen mit der Dauerausstellung, darunter eine eindrucksvolle raumgreifende Draperie, eigens entworfen und auf Maschinen des tim gefertigt. Ausgangspunkt des Projektes ist eine bronzene Medusentochter Pschibuls, die bereits seit 2011 im Atrium des Museums residiert und nun für die Zeit der Ausstellung ins Foyer umgezogen ist. Zu sehen ist auch eine Installation aus Schweinsblasen; vielleicht erinnert sich die eine oder andere an Pschibuls (auch geruchs-)intensive Inszenierung im Kunstverein Bobingen vor einigen Jahren, bei der diese Blasen eine Rolle spielten. Pschibuls Kernthema sind der menschliche Körper und seine Außengrenzen, die Künstlerin verhandelt in ihrem Werk die Beziehung von innen und außen. Unter diesem Aspekt ist ihre (auch hintersinnige) Intervention mit der dem Textil gewidmeten Dauerausstellung des tim nur folgerichtig, da Textilien Grenzen setzen und Schwellen schaffen, Haut werden, dabei gleichzeitig in der Lage sind, Raum zu generieren.

Eine umfangreiche Sonderausstellung im ersten Stock rückt 50 historische Quilts der amerikanischen Glaubensgemeinschaft der Amish aus der Zeit von 1878 bis 1950 in den Fokus. Mit diesen in Musterung und Farbigkeit überraschend modern anmutenden Steppdecken treten Werke von 14 zeitgenössischen Künstler*innen wie Julius von Bismarck, Urs Lüthy oder Beate Passow in einen Dialog, eine Annäherung, die sich nicht in erster Linie an formalen Kriterien, sondern vor allem an der Struktur der Lebenswelt der Amish orientiert: So wird Ordnung, wesentlich für die Amish, mit dem gegensätzlichen Begriff Chaos gepaart, Muster/Täuschung, Demut/Hochmut und weitere Koppelungen markieren einen Ausgangspunkt für das offene Nachdenken mit Kunst und über Kunst. So systematisch wie die Gestaltung eines Quilts zeigt sich auch das Ausstellungskonzept, so werden beispielsweise Winfried Gauls konkreter Malerei Decken mit den rautenförmigen Diamantmotiven zur Seite gestellt – reine Form als Thema der Kunst. Die Objekte von Jan Kuck hingegen kritisieren ironisch luxuriösen Konsum, reiben sich an der Amish-Tugend der Armut. Die Quilts der Amish sind explizit nicht als Kunstwerke zu verstehen – auch als hochkomplexe Artefakte von hoher ästhetischer Qualität bleiben sie Gebrauchsgegenstände. Gerade dieser Ausgangspunkt macht die Gegenüberstellung und Ergänzung durch explizite Kunstwerke überaus reizvoll, anregend und unbedingt sehenswert.

beyond surface? | Künstlerische Arbeiten von Esther Irina Pschibul
| bis 18. Oktober

Amish Quilts meet Modern Art
| bis 25. Oktober

www.timbayern.de

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