Neue Perspektiven

13. März 2015 - 11:19 | Jürgen Kannler

Michael H. Rohde eröffnet den Blick von unten.

Michael H. Rohdes Leben verlief nicht linear. Der gelernte Maschinenbauingenieur weiß, wie es ist keinen Job zu haben und er kennt die Obdachlosigkeit. Diese Erfahrung haben sein Sinn für Dinge geschärft, die nur gesehen werden, wenn man bereit und in der Lage ist, die Perspektive zu wechseln. Rohde spielt mit dem Blick von unten. Akribisch dokumentiert er mit seiner Kamera Wohn- und Geschäftsräume bei Freunden, Nachbarn und Auftraggebern. Auf den ersten Blick wirkt das Ganze, als hätte er mit einer Säge Wände, Möbel, Menschen, Tiere, also all das was Räume ausmacht, vom Boden getrennt, auf eine Glasplatte gesetzt und aufgebockt, um diese intimen Welten aus der Perspektive des darunter Liegenden zu fotografieren. Ein starker Effekt, der seine Wirkung nicht verfehlt. Irritation erfährt dieser Eindruck durch gezielte Manipulationen, die Rohde in seine Bildwerke einbaut. Proportionen geraten ins Wanken, Abstände verzerren, Fluchtpunkte verschieben sich. Durch diese punktgenauen Operationen geraten die Motive in Bewegung, Badezimmer drehen sich, Küchen tänzeln und ganze Apartments wirken so, als hätte eine starke Welle zeitgleich jedes Objekt oberhalb der Bodenkannte für den Bruchteil eines Augenblicks angehoben. Zum Zeitpunkt der Aufnahme landen diese Objekte mit individueller Geschwindigkeit im Raum.

Diese Eindrücke sind das Ergebnis eines langwierigen Prozesses, den Michael H. Rohde mit der Fotosession nur einleitet. Für seine zweiteilige Arbeit, die fotografisch im Augsburger Brechthaus entstand, nahmen allein die Aufnahmen knapp drei Tage in Anspruch. Ungleich länger beschäftigt sich der Künstler danach mit der Wiederzusammenfügung oder vielleicht besser gesagt der Komposition seiner Bilder. Diese Ergebnisse besitzen eine Sogwirkung, der sich die Betrachter gern hingeben, denn es bereitet viel Vergnügen Rohdes »New Perspectives« zu betrachten. Das liegt neben den schon erwähnten höchst spielerisch verlockenden Varianten der Bilder und der brillanten technischen Umsetzung auch am eigentlich verbotenen Blick, der hier gewährt wird. Michael H. Rohde schafft einen voyeuristischen Zugang in private Reiche, der ansonsten verwehrt bleibt, auch den Bewohnern der Räume. Dies geschieht von Seiten Rohdes aus mit dem nötigen Respekt. Auch dieser Aspekt ist nicht selbstverständlich in einer Medienwelt, die keine Tabus beim ausspähen und posten intimster Ansichten zu kennen scheint. Zu Recht wurde Michael H. Rodes vor kurzem bei photo edition berlin für 30 Euro erschienener 74 Seiten starker Band »New Perspectives« für den deutschen Fotobuchpreis 2015 nominiert. Die Essays im Band stammen im Übrigen von Stephan Berg und Thomas Elsen, der bei den Kunstsammlungen Augsburg die Gegenwartskunst verantwortet und in dieser Funktion auch als Kurator die laufende Schau nach Augsburg holte.

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de
www.michael-h-rohde.de

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