Neue Perspektiven

24. September 2018 - 17:23 | Renate Baumiller-Guggenberger

Neustart als Staatstheater Augsburg mit Theaterfest und »Auftakt – Die Spielzeitshow« im martini-Park

So ganz selbstverständlich ging das »Staatstheater Augsburg« noch nicht einmal Intendant André Bücker über die Lippen, der es sich nicht hatte nehmen lassen, die »Auftakt-Spielzeitshow« zu moderieren. Die gab es samt Theaterpreis (Preisträger s.u.) auf der großen Bühne im martini-Park zum Finale des bestens besuchten Theaterfests. Das gewährleistete am Sonntag unter dem Motto »Feiern« ganztägig in geistreichen Formaten (Speed-Dating, Bühnenbild-Auktion, Torwandschießen) und öffentlichen Proben informative Einblicke auf kommende Premieren samt Begegnungen mit dem Theaterteam, Ensemblemitgliedern und zahlreichen Gästen. 

Im Logo jedenfalls machen sich die sechs neuen Buchstaben in der ersten Reihe sehr gut. Dank der STAATS-»Beigabe« also soll unser bewährtes Theater Augsburg ab sofort im höherwertigen Modus operieren. Für die Betriebsumwandlung absolviert es einen fraglos komplexen Organisations-und Strukturprozess inmitten der ohnehin mächtigen Herausforderungen durch die Großbaustelle Generalsanierung, um dann mittelfristig inmitten der Interim-Konditionen die gehegten Erwartungen auf »glänzende künstlerische Perspektiven« zu erfüllen. So zumindest formuliert Bücker es im hausgemachten Interview, das in der aktuellen Theaterzeitung nachzulesen ist. Dort wird auch die Frage nach der direkten Wahrnehmbarkeit des Augsburger Statuswechsels für das Publikum gestellt. Spannung verspricht die Eröffnung des Ofenhauses als zweiter Spielstätte im Gaswerk. Das Staatstheater Augsburg wird sich zwangsläufig noch geraume Zeit als Besonderheit in der deutschen Theaterlandschaft behaupten und Raumnöte mit künstlerischen Tugenden ausbalancieren müssen.

Bei der eher nüchtern inszenierten Gala zumindest blieb alles noch beim »Alten«:  Im vollbesetzten Saal war es stickig, dank der engen Bestuhlung durfte man sich einmal mehr an der unfreiwilligen Tuchfühlung mit dem ausladenden Nachbarn freuen und auch die Klimaanlage sorgte wie oft für unschöne Nebengeräusche. Gefühlt war dies kein glamouröser Beginn einer verheißungsvollen Staatstheater-Ära. Inhaltlich wettzumachen, was das Gebäude-Ambiente nicht leisten konnte, gelang in den gewählten Theater-Appetizern in weiten Teilen: Die Spielzeit 18/19 verspricht manch Sehenswertes, in jedem Fall also mehr als nur »Viel Lärm um nichts«. Klassisch kredenzten die Augsburger Philharmoniker unter GMD Domonkos Héja die Ouvertüre aus Donizettis »Don Pasquale« (Premiere am 25. Mai 2019), hoch verdiente Bravi erntete Jihyun Cecilia Lee mit ihrer wahrlich exquisiten Arie »So anch‘io la virtu« der Norina. Auch Kate Allen und Olena Sloia dürften neben der frisch mit dem ARD-Preis ausgezeichneten Mezzosopranistin Natalya Boeva (leider nicht anwesend) für intensive Gänsehaut-Momente in Musiktheater-Produktionen wie »Die Zauberflöte« (Premiere: 2. Dezember) oder der europäischen Erstaufführung von David T. Littles Oper »JFK« (Foto: Kate Allen, © Jan-Pieter Fuhr) sorgen. Der von André Bücker betonte Reiz der (zu) selten gespielten Smetana-Oper »Dalibor« vermittelte sich im gewählten Auszug noch nicht. Auch die Szenen aus den Schauspiel-Produktionen »Amadeus« von Peter Shaffer und der vor fast 2.500 Jahren entstandenen »Orestie« als Erfindung eines (vor-)demokratischen Staatswesens deuteten darauf hin, dass sich deren Qualität und aktuelle Relevanz erst im Ganzen vermitteln lässt. Mit intensivem Beifall bedacht wurde einmal mehr das Ballettensemble, das lässig hereinschneite und Vivaldis »Vier Jahreszeiten« (Ch: Ricardo Fernando) bewarb.

Das Augsburg Journal und die Theaterfreunde Augsburg kürten als diesjährige Gewinner: Sängerin Jihun Cecilia Lee, Schauspieler Thomas Prazak und Tänzerin Jiwon Kim Doede  mit dem Preisgeld von 1.000 Euro. Den Publikumspreis erhielt Ricardo Fernando für seine Choreografie des Ballettklassikers »Schwanensee«. Komponist Stephan Kanyar und Texter Andreas Hillger wurden für das Fugger-Musical »Herz aus Gold«, das diesen Sommer seine Uraufführung auf der Freilichtbühne am Roten Tor feierte, mit dem sogenannten »Sonderpreis« ausgezeichnet.

www.staatstheater-augsburg.de

Weitere Positionen

12. Dezember 2018 - 12:16 | Jürgen Kannler

Mit Tilo Grabach gewinnt das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg einen hervorragenden Wissenschaftler und erfolgreichen Ausstellungsmacher. Und Augsburg hat das Nachsehen. Ein Porträt

zauberfloete_staatstheater augsburg 2018_foto_jan-pieter fuhr
8. Dezember 2018 - 14:18 | Bettina Kohlen

Drei Damen in Blaumann sitzen in einem engen Technikraum und stricken emsig an einer gewaltigen Schlange. So geht es los mit der Zauberflöte, dem Opern-Dauerbrenner, den das Staatstheater Augsburg jetzt zeigt.

8. Dezember 2018 - 8:04 | Patrick Bellgardt

Lange bevor der Serienhit »Babylon Berlin« ein ungeahntes Interesse an der Weimarer Republik entfachte, sorgte Max Raabe für eine musikalische Renaissance der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Ein Interview

6. Dezember 2018 - 10:36 | Dieter Ferdinand

Das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben setzte am 27. November seine Reihe »Die europäische Dimension des Holocaust« mit dem Vortrag über Italien fort.

5. Dezember 2018 - 9:24 | Thomas Ferstl

Projektor, die a3kultur-Filmkolumne im Dezember

4. Dezember 2018 - 10:50 | Susanne Thoma

Wie kann man die Grundlagen demokratischer Meinungsbildung lebendig und begreifbar machen? Ganz klar: Durch die verantwortungsbewusste Teilhabe an politischen Entscheidungen.

3. Dezember 2018 - 15:18 | Iacov Grinberg

Ausstellung »Petit Fours. Kleine Besonderheiten der bildenden Kunst und Kunstschmuck« in der Maxgalerie

3. Dezember 2018 - 15:08 | Michael Friedrichs

Was beim Jubiläum 500 Jahre Luther/Cajetan leicht übersehen wird.

29. November 2018 - 9:48 | Martin Schmidt

Das Buch »Potzblitz« versammelt Lieblingserklärungen an die Popmusik. Der Mitherausgeber und Augsburger Musiker Sebastian Schwaigert klopfte bei Musiker-Prominenz und Freunden nach Berichten, Beichten und Erinnerungen an.

28. November 2018 - 13:44 | Renate Baumiller-Guggenberger

In der Vorweihnachtszeit laden allüberall Konzerte zur Einstimmung auf die Festtage samt Jahreswechsel ein. Ganz klassisch! – eine Kolumne von Renate Baumiller-Guggenberger