Neue Perspektiven, bitte!

13. Juli 2020 - 16:06 | a3redaktion

Nur weil die Augsburger Stadtregierung nicht in der Lage ist, die Baukosten für den Umbau des Stadttheaters in seriöses Fahrwasser zu bringen, muss das noch nicht das Aus für das Sanierungsprojekt bedeuten. Von Jürgen Kannler

Eines vornweg: Unsere Kulturregion braucht das alte Stadttheater am Kennedy-Platz. Es kann für unsere Gesellschaft keinen Grund geben, diesen Kulturort wirklich aufzugeben. Auch wenn die Kapriolen der Lokalpolitik seit Generationen suggerieren, nur dieses Ziel verfolgen zu wollen. 

Herzkammer

Ein Ortstermin Mitte Juni auf der Baustelle Bauteil 1 – großes Haus lässt einiges von den Möglichkeiten erahnen, die in diesem alten Theaterbau stecken. Einige dieser Optionen wurden in den Jahren vor der Zwangsschließung erlebbar. Es waren Dreispartenhaus, Festivalzentrale, Bühne für Popkultur, Literatur und Kabarett, Diskursort, Parkett für den Opernball und Party-Location.

Die Bürger*innen haben ein Recht, diesen Kulturort in bester Lage, zeitgemäß renoviert, gut ausgestattet und offen für alle Szenen und Milieus, wieder in Betrieb zu nehmen. Viele empfinden den Bau als eine der Herzkammern unserer Stadt. Sie haben Lust, dort Theater, große Oper und Ballett zu erleben, aber auch, und wie gehabt, Künstler*innen wie Patty Smith, Django Asül, Ingo Schulze und Thomas Thieme oder Gastspiele des Berliner Ensembles.

Verwahrlosung

Der Befriedigung dieses Verlangens steht vor allem die anhaltend schlechte handwerkliche Planung und völlig unzureichende inhaltliche Betreuung des Projekts durch die Augsburger Politik entgegen. Die Verantwortungsträger*innen der Gegenwart stehen damit in peinlicher Tradition mit vorhergehenden Entscheidergenerationen. 

Die Jahrzehnte lange, systematische bauliche Verwahrlosung, zu verantworten von Politik, Bürgerschaft, aber auch den wechselnden Intendanten, gipfelte vor vier Jahren in der umstrittenen Zwangsschließung des Hauses durch Alt-OB Gribl, im Zuge eines sich seit Jahren hinziehenden Planungs- und Kommunikationschaos‘.

Rechenspielchen

Aus dieser Kopflosigkeit resultieren auch die völlig aus dem Ruder laufenden Kosten für das Projekt. Allein in den letzten vier Jahren hat sich der 2016 beschlossene Kostenrahmen von 186 Millionen Euro um rund 70 Prozent erhöht. Die skandalösen, von der Politik vorgetragenen Rechenspielchen haben Potential, das gesamte Bauprojekt (bestehend aus Bauphase 1 – großes Haus und Bauphase 2 – Neubau) zu stoppen und endgültig zu Fall zu bringen. Die Opposition im Rathaus formiert sich, ein Bürgerbegehren zum Thema könnte den politischen Herbst dominieren.  

Folgt man dem Rechenbeispiel der Schwarz-Grünen Regierungsmehrheit im Augsburger Rathaus, können bis 2026 Rechnungen über satte 428 Millionen Euro auflaufen. (Das entspricht ziemlich genau der Summe, mit der die letzten beiden Stadtregierungen Augsburg in die Miesen getrieben haben.) Doch wir leben in einem der reichsten Länder der Welt. Unter Umständen wären diese Kosten mit Hilfe der Staatsregierung zu stemmen. Dennoch wecken diese Summen den begründeten Argwohn all jener, die kommunale Kulturarbeit nicht nur im Bau von Leuchtturmprojekten sehen. So erzählt der fast noch druckfrische Schwarz-Grüne Koalitionsvertrag zwar von einem Bekenntnis der Regierung zur vereinbarten Sanierung des Großen Hauses, aber nur vom Anstreben von Mittelerhöhungen für die Kulturarbeit der freien Szenen und der zukünftig fairen Honorierung für Kulturschaffende im städtischen Auftrag. Das ist alles in allem reichlich vage, zu vage.

Perspektivwechsel

Wie aber sähe die Situation aus, wenn wir die Position und damit den Blick auf das Thema einmal wechseln. Lassen wir uns in diesem Beitrag auf ein Planspiel ein, in dem Quartiersentwicklung und die Vernetzung unserer Kulturzentren ebenso behandelt wird, wie der faire Zugang zu diesen und einige der allgemein bekannten Forderungen an die Kultur-Bau-Politik der Stadt aufgegriffen werden. Tun wir also für einige Augenblicke die Scheuklappen beiseite.

Gehen wir also einmal davon aus, dass die Stadt den Kulturetat in Augsburg um jährlich 2,5 – 5 Prozent erhöht. Das entspricht der städtisch akzeptierten Steigerungsrate im Baugewerbe. Gehen wir weiter davon aus, das Große Haus am Kennedy-Platz (Bauteil 1), wird mit den bestätigten Kosten von rund 114 Millionen fertig gestellt. Das Programm startet 2026 mit all den Inhalten, die beim so genannten Bürgerbeteiligungsprozess um die Theaterlandschaft ermittelt wurde.

Theaterquartier

Bauteil 2 wird bei dieser Simulation nicht gebaut. Unkalkulierbare Baukosten werden vermieden, die Brache kann auf Erbpacht einem seriösen Bauprojekt überlassen werden. Die Erlöse aus diesem Geschäft könnten in die dringend benötigte Entwicklung des Theaterquartiers zwischen Altem Stadttheater, Grottenau, Neuer Stadtbücherei und Kinodreieck fließen. Hier könnte die Stadt neben ihrem Herzen auch eine Seele entwickeln. Eine Hausverwaltung ist unter diesen Bedingungen der Intendanz des Staatstheaters nicht zuzumuten. Das Staatstheater wird im alten Stadttheater privilegierter Mieter und die Verwaltung übernimmt ein Träger wie beim Erfolgsmodell Kongress am Park, bei dem Stadt und Staatstheater seit Jahren problemlos (mit den Augsburger Philharmonikerinnen) kooperieren und so genügend Platz und Luft für andere Programmacher*innen bleibt. 

Gaswerk

Diese Entwicklung bliebe nicht ohne Konsequenzen für die gesamte Entwicklung der Kulturstadt Augsburg. Im Gegenzug für die Streichung der Bauphase 2 wird am Gaswerk die schon in Teilen beim Ofenhaus bestehende Infrastruktur des Staatstheaters optimiert. Diesmal bitte richtig (* siehe unten). Die Interimsspielstätte im martini-Park könnte fristgerecht geräumt werden. Dieser Umzug würde dem gegenwärtig stockenden Entwicklungsprozess des Gaswerkareals zur rechten Zeit einen wichtigen Schub geben. Schließlich soll das Kreativquartier zukünftig Strahlkraft im gesamten süddeutschen Raum entwickeln. Dorthin ist noch ein weiter Weg. Bisher reicht die Strahlkraft kaum über Gersthofen hinaus. Doch das Beste kommt noch: die Entwicklungs- und Baukosten blieben in der Familie, da die Immobilie der swa, einer 100-prozentigen Tochter der Stadt Augsburg, gehört. Eine Baugrundüberlassung zum symbolischen Preis auf Erbpachtbasis steht eigentlich nichts im Weg.

Damit nicht genug. Eine weitere Aufwertung würde das Gaswerk mit der Ansiedlung des schon lange geforderten Generaldepots und Werkstättenzentrums der Museen und Kunstsammlungen Augsburg bekommen. In dem Zusammenhang sollte auch der Umzug des H2 aus dem Glaspalast auf das Areal diskutiert werden. Die bisherige Miete für die Hallen im Glaspalast ist grotesk hoch, der Ort aus diversen Gründen schlecht zu entwickeln und der Vertrag mit dem Besitzer läuft in den kommenden Jahren aus.

So würde für ein echtes Zentrum für Gegenwartskunst in Augsburg entstehen, das auch Anziehungskraft für den BBK und andere Galerieprojekte entwickeln könnte. In Verbindung mit den auf dem Gaswerkareal bestehenden Ateliers, dem Start des neuen Kulturpark West auf dem benachbarten BayWa Gelände und der systematischen Ansiedlung von Clubs, Bars und Restaurants entstünde so ein Hotspot, dessen Strahlkraft über die Grenzen Süddeutschlands hinaus gehen könnte. Welches Potential dieses Areal samt Scheibengaskessel für die Errichtung eines Römischen Museums haben könnte, mögen andere beurteilen. 

Textilviertel

Die frei werdenden Kulturraumkapazitäten im martini-Park würden in Teilen von freien Kultur- und Programmmacher*innen besetzt werden. Das Sensemble Theater hat bereits Interesse angemeldet. Zudem könnte man sich weit schlechtere Orte für ein UNESCO-Weltkulturerbe-Informationszentrum zum Thema Wasser vorstellen, als den von Kanälen durchzogenen Park einer ehemaligen Textilfabrik in Zentrumsnähe. Die Nachbarschaft zum Kultur-Triptychon aus tim, Stadtarchiv und archäologischem Zentrum, sowie gute Erreichbarkeit von Freilichtbühne (dem zweiten Planungs- und Kommunikationschaos in Sachen Theaterentwicklung in Augsburg) und historische Wassertürme an den Wallanlagen am Roten Tor, machen aus diesen Orten ein weiteres, in sich geschlossen erfahrbares Kulturquartier in der Stadt.     

Wittelsbacher Park

Der Kongress am Park hat sich seit seiner Renovierung zu einem starken Kulturort entwickelt. Im Gegensatz zum Theater ist seine Renovierung eine Erfolgsgeschichte mit Nachhaltigkeitszertifikat, die auch die Augsburger Politik für sich verbuchen kann. Mit seinem Konzertsaal ist er das Stammhaus der Augsburger Philharmoniker. Die ehemalige staatliche Kunsthalle befindet sich in unmittelbarer Nähe. Sie wird heute von der Stadt als Depot genützt, wäre aber diskussionswerte Alternative als Probenzentrum für das wichtigste Orchester der Region.  

Konversionsflächen

Über die größte Parkanlage der Stadt ist das brach liegende Rosenaustadion zu erreichen. Auch dieser Ort steckt voller Charme und Potential. Keine zwei Kilometer entfernt befindet sich das einzigartige Parktheater. Ebenso nah, vom Kongress am Park aus gesehen, liegt der Bahnpark. Das größte museale Freigelände der Region. Zum Kinder- und Jugendtheaterzentrum (in Entwicklung), dem Kulturhaus Abraxas, dem kulturellen Hotspot im benachbarten Stadtteil Kriegshaber, sind es gerade einmal drei Kilometer. Mit diesem städtischen Kulturzentrum auf dem Gelände der ehemaligen Reesekaserne und dem Gedenkort Halle 116 im fast angrenzenden Sheridanpark könnte die Stadt die angekündigte kulturelle Pionierarbeit in Sachen Quartiersentwicklung in diesen, dank Konversionsflächen, rasant wachsenden Vierteln leisten.

Positionsänderung

Ein Perspektivwechsel bedarf zuweilen einer Positionsänderung. Wagen wir in diesem Planspiel also einen Schritt zurück und betrachten den Stadtraum in Ruhe und mit etwas Abstand. Am besten legen wir dabei auch für einen Augenblick liebevoll gepflegten Vorbehalte und in Zement gegossenen Positionen ab.

Mit etwas Phantasie lassen sich nun die in den im Beitrag skizzierten Kulturorten als Perlenkette erkennen, die das zentral gelegene Theaterquartier umfließt. Wir sehen eine kulturelle Aufwertung der Innenstadt und eine Entwicklung der Quartiere über starke Zentren für Begegnung, Kunst und Kultur. Wir erkennen eine gerechtere Verteilung der Kulturzentren unserer Stadt als bisher. Manche werden mit diesem Abstand vielleicht auch die Möglichkeit einer rascheren Umsetzung und besseren Finanzierbarkeit der skizzierten Projekte erkennen. Andere nicht. Doch diese kann man ja versuchen weiterhin zu überzeugen, sofern sie bereit sind, in diesem Sommer für einen Augenblick auf ihre Scheuklappen zu verzichten und neue Perspektiven zu wagen.

(* Wer wissen möchte, wie großes Theater zeitgemäß, termingerecht und im Kostenrahmen gebaut wird, kann sich auf der Homepage der Stadt München über den Bau des Volkstheaters informieren. Ein Generalunternehmer realisiert die neue Spielstätte samt Bühnenturm, Werkstätten, Gastronomie und drei Zuschauerbereichen zwischen 600 und 200 Plätzen, in vier Jahren Bauzeit, zu einem Preis von rund 140 Millionen Euro.

Bild: Gerd Merkle begleitet als Baureferent der Stadt Augsburg das Desaster um das Stadttheater seit Jahren in leitender Funktion. Präsentierte er beim Presserundgang neue Perspektiven für den Kulturort ? Leider nein.

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