Neuer Fassadenschrank im Schaezlerpalais

23. Dezember 2014 - 3:30 | Iacov Grinberg

Wenn Sie wieder einmal ins Schaezlerpalais hineinschauen, beachten Sie das neue Exponat – den Schrank, der auf dem 1. Stock im Zimmer mit den Porträts des Geschlechtes der Schaezler steht.

Diesen Schrank hat Herr Viermetz, der bekannte Augsburger Mäzen und Ehrenbürger, auf einer Kunstauktion erworben und der Stadt geschenkt.

Im 18. Jahrhundert war die Stadt Augsburg nicht nur durch ihre Gold- und Silberschmieden, sondern auch durch ihre Kunsttischler berühmt, die schöne, prächtig geschmückte Möbel und Fassadenschränke herstellten. Solche Schränke mit dem typisch architektonischen Schmuck – mit Kolonnen und Giebeln, mit Intarsien und Holzschnitzwerk mit Rocailledekor (es war doch die Epoche des Rokoko) - waren damals in Süddeutschland sehr modisch.

Warum sollte man nun einen Schrank für diesen Palast auf einer Auktion ersteigern? Als der Palast gebaut wurde, war er natürlich voller Möbel. Sie unterlagen leider nur dem Schicksal der meisten altertümlichen Möbel, von ihnen blieben nur Darstellungen auf den Zeichnungen der damaligen Zeit.

Goldene und silberne Erzeugnisse dieser Periode sind zahlreich erhalten geblieben. Sie waren keine Gegenstände des täglichen Gebrauchs, sie wurden bewahrt, bei Bränden wurden in erster Linie sie gerettet. Freilich wurden auch viele gewöhnliche Stücke eingeschmolzen, da sie dem Geschmack der nachfolgenden Generationen nicht mehr entsprachen, aber der wesentliche Teil des „Familiensilbers“ blieb doch erhalten. Möbel aber waren in der täglichen Benutzung. Ein Teil der Möbel wurde einfach abgenutzt, ein Teil ist dem Geschmack der nachfolgenden Generationen zum Opfer gefallen. Schreibschränke und Kabinette sind noch erhalten blieben, Haushaltsmöbel aber wurden erbarmungslos durch die modernere ersetzt. Eine große Rolle haben auch die bei Ofenheizung häufigen Brände gespielt.

Heute haben wir uns an kurzlebige montierbare Möbel gewöhnt, die beim nächsten Umzug weggeworfen werden. Damals jedoch wurden Schränke von handwerklichen Meistern auf individuelle Bestellung hin hergestellt und, wie man sagt, «auf Jahrhunderte». Sie können im Augsburger Handwerkermuseum eine in der Tusche ausgeführte, mehr als 2 Meter breite Werkstattzeichnung der Vorderseite eines solchen Schrankes sehen, die für die Abstimmung mit dem Auftraggerber angefertigt wurde. Ebenfalls individuell war auch der Innenausbau der Schränke. In diesem Exponat gibt es ein enges Abteil, wo die Oberbekleidung hängen sollte, daneben ein Regal, und an dessen Rand eine enge Abteilung ohne Regale oder Kleiderhaken. Obwohl der Erstbesitzer (und der Besteller) dieses Schrankes nicht bekannt ist, zwingt das zu der Annahme, dass der Schrank für einen Offizier bestimmt war: es gibt Platz gerade für eine Paradeuniform, die entsprechende Wäsche, einen Militärbanner, Kanonenstiefel und, eventuell, für ein Gewehr.

Es ist merkwürdig, wie alle dekorativen Elemente gut erhalten geblieben sind, ungeachtet der zahlreichen Generationen von Kindern, die sich um diesen Schrank getummelt haben mögen. Ich erinnere mich selbst, wie ich als Kind ein Stückchen des Schnitzwerks von einem alten Schrank abkratzte. Auch ist ein kompliziertes, bis heute fließend arbeitendes Schloss von damals mit uns heute gewöhnlicher Klinke und geschnitztem Schlüssel erhalten geblieben.

Den Fortschritt der Technik verbindet man gewöhnlich mit Waffen. Gerade dort herrschte allgegenwärtige Konkurrenz, denn Waffen schützten das Leben. Aber es war auch der zweite Zweig der Entwicklung der Technik, mit nicht weniger harter Konkurrenz – der Schutz des Eigentums, die Schlösser und Verschlüsse. Die Feinmechanik wurde speziell für die Verschließtechnik weiterentwickelt. Das aber wäre eine eigene Geschichte.

Fassadenschränke dieser Art wurden nicht für „Mietwohnungen“, sondern für „Eigenheime“ bestellt. Wobei dieser Schrank mit einer Höhe von 2,90 m und einer Breite von mehr als 2 Metern ein Haus mit höheren Dimensionen erforderte als es die üblichen Häuser von Handwerkern waren, ein Haus mit breiten Eingangstüren und Treppen, um ihn in die Wohnräume hinein befördern zu können. Im Schaezlerpalais steht neue Exponat sehr harmonisch – ein Schrank des 18. Jahrhunderts in einem prächtigen Gebäude des 18. Jahrhunderts auf einem echten Fußboden des 18. Jahrhunderts. Sehen Sie ihn an, es lohnt sich.
(Iacov Grinberg)

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