Nicht dem Vergessen preisgeben

14. September 2018 - 11:24 | Jürgen Kannler

Der Förder- und Freundeskreis tim e.V. hat eine Stiftung auf den Weg gebracht.

Die Textilindustrie war einst der Stolz der Region. Mehr als 20.000 Menschen fanden dort in den besten Zeiten Beschäftigung in zahlreichen Betrieben. Ihre Produkte wurden in alle Welt exportiert und machten Augsburg zu einer wohlhabenden Stadt. Die Herzkammer der Produktion lag im Textilviertel zwischen Altstadt und Lech angesiedelt. Der Niedergang der Branche zeichnete sich ab den 1970er-Jahren ab, erst schleichend, doch der Strukturwandel war nicht aufzuhalten und erwischte schließlich auch den hiesigen Standort mit voller Wucht. »In den Achtzigerjahren kam die wirklich bittere Zeit«, erinnert sich Werner Heidler, damals hauptamtlicher Sekretär der Textilgewerkschaft und in dieser Funktion mit der harten Aufgabe betraut, an der Abwicklung einst blühender Firmen mitzuwirken. Die Stimmung der ehemaligen Arbeiterinnen und Arbeiter, viele von ihnen waren in den Sechziger- und Siebzigerjahren für die Augsburger Textilindustrie aus ihren Heimatländern im Süden und Südosten Europas angeworben worden, lag am Boden. Doch einige unter ihnen wollten das Geschaffene nicht dem Vergessen preisgeben. »›So gehen wir nicht!‹ Diese Worte eines Kollegen waren so etwas wie das Startsignal zu einem nicht nur in unserer Region einmaligen Projekt«, so Heidler. Es formierte sich eine Gruppe, in der Hauptsache ehemalige Beschäftigte der Textilindustrie, die heute als Förder- und Freundeskreis tim e.V. maßgeblichen Anteil an der Erfolgsgeschichte des Staatlichen Textil- und Industriemuseums tim hat und ihre eigene Geschichte so in Erinnerung hält. Werner Heidler ist als Vorsitzender von Anbeginn an eine treibende Kraft des heute rund 500 Mitglieder zählenden Vereins.

Auch Karl Borromäus Murr, der Leiter des Museums, weiß die Arbeit der Förderer zu schätzen. So konnte beispielweise der imposante Maschinenpark des Hauses nur durch unzählige Arbeitsstunden der Ehrenamtlichen zum Laufen gebracht werden. Heute ist er ein Markenzeichen des tim. Ebenso wie das freundlich-kompetente Aufsichtspersonal, das sich zu Teilen ebenfalls aus Vereinsmitgliedern rekrutiert. Seine wirtschaftliche Unabhängigkeit sichert sich der Verein mit dem Betrieb des Museumsshops. Seine hochwertigen, oft im Haus gefertigten Angebote finden mittlerweile Abnehmer auch über den Museumsbetrieb hinaus. Der Ertrag fließt wiederum in verschiedene Museumsprojekte. Auch dieses Modell ist ein Novum und findet überregional Nachahmer.       

Als einen der größten Erfolge, an denen der Verein beteiligt war, nennt Heidler den Verbleib der historischen NAK-Stoffmusterbücher in Augsburg. Für das 1,2 Millionen Motive zählende Archiv lagen schon Kaufangebote aus aller Welt vor. Quasi in letzter Minute wurde ein Konsortium aus Stadt, Land und der Stadtsparkasse Augsburg geschmiedet, das den Ankauf sicherte und damit den Verbleib der einzigartigen Sammlung in Augsburg. Heute ist dieses Archiv die Seele des tim.

Der Kontinuität und Qualität der Arbeit des Fördervereins ist es zu verdanken, dass ihm im Lauf der Jahre immer wieder kleinere, aber auch einige größere Spenden zufielen. Als sich vor einigen Jahren eine Erbschaft über eine Stiftung eines ehemaligen Textilbetriebs ankündigte, war für Heidler und seine Mitstreiter die Zeit reif, einen neuen Weg einzuschlagen. In Zusammenarbeit mit dem »Haus der Stifter – Stiftergemeinschaft der Stadtsparkasse Augsburg« wurde ein Konzept erstellt, das in diesem Sommer unter dem Titel »Förderstiftung tim e.V.« der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

»Ziel ist es, eine langfristige Basis für die Erhaltung und Pflege dieser einzigartigen Industriekultur zu schaffen«, so Heidler. Ein erstes Projekt hat die Stiftung bereits auf den Weg gebracht. So konnte das tim ein überraschend aufgetauchtes, aber leider sehr beschädigtes Ölgemälde mit einzigartigem Bezug zur Augsburger Textilindustrie nach allen Regeln der Kunst restaurieren lassen. Es zeigt Anton Friedrich Merz, der 1839 die AKS gegründet »und damit das Tor zum Industriezeitalter für Augsburg aufgestoßen hat«, wie Museumsleiter Murr bei der Vorstellung der Stiftung und Präsentation des Gemäldes bemerkte. Heute ist das tim in den ehemaligen Fabrikhallen der AKS zu Hause.

Beratung und Unterstützung bei der Umsetzung der Stiftungsidee fand der Förderverein beim Haus der Stifter. In Kooperation mit der Deutschen Stiftungstreuhand DT bietet die Sparkasse dort eine Plattform für diverse Stiftungsformen. »Wir sehen uns zuallererst als menschliche Ansprechpartner für alle, die sich mit dem Gedanken beschäftigen, in dieser Form bleibende Werte zu hinterlassen«, formuliert Susanne Stippler als Verantwortliche bei der Stadtsparkasse ihre Aufgabe für diesen Geschäftsbereich. »Die Umsetzung und die Betreuung der Stiftung sind dann die folgenden Schritte.« Die unter ihrem Dach vereinten Stiftungen reichen von Jugendhilfe und Sport bis zur Kultur und zum Naturschutz und sind in der Regel offen für Zuwendungen Dritter.

So schließt auch Werner Heidler weitere Spenden für die Förderstiftung tim e.V. in Zukunft nicht aus. Um die Einsatzbereitschaft des Vereins auch in Zukunft auf dem bisherigen Niveau zu halten, braucht es jedoch mehr als nur finanzielle Mittel. »Wir sind ein Mitmachverein und suchen immer nach Leuten, die sich bei uns einbringen«, erklärt der Vorsitzende. Auch vor diesem Hintergrund lädt der Verein am 16. September zum ersten tim open, einem Tag der offenen Tür im Museum, bei dem nicht zuletzt die Aufgaben und die Arbeit des Fördervereins hautnah bei einem bunten Programmangebot erlebt werden können.

Wer das Ziel der Förderstiftung unterstützen möchte, hat dazu Gelegenheit unter: HAUS DER STIFTER – Stiftergemeinschaft der Stadtsparkasse Augsburg, IBAN: DE03 7205 0000 0000 0781 21, Verwendungszweck: Förderstiftung tim e.V.


tim open, 16. September von 9 bis 18 Uhr
Der Museumserlebnistag mit dem Förder- und Freundeskreis tim e.V. Der Eintritt ist frei.
9–18 Uhr: Der Förder- und Freundeskreis tim e.V. stellt sich vor // 10–17 Uhr: Workshop Textildruck // 10 Uhr: Technikführung, Depotführung // 11 Uhr: Führung durch das Textilviertel, Technikführung // 12 Uhr: Depotführung // 13 Uhr: Führung durch das Textilviertel, Technikführung // 14 Uhr: Technikführung, Depotführung // 15 Uhr: Führung durch das Textilviertel, Technikführung // 16 Uhr: Technikführung, Depotführung

www.timbayern.de


Foto: »Bleibende Spuren«, unter diesem Motto präsentiert das Haus der Stifter – Stiftergemeinschaft der Stadtsparkasse Augsburg sein Stiftungsprogramm. Im tim vertritt Cornelia Kollmer vom Vorstand des Geldhauses bei der Vorstellung der Förderstiftung tim e.V. ihr Institut. Das Foto zeigt sie flankiert von Werner Heidler (rechts), dem Vorsitzenden des Fördervereins, und Karl B. Murr, dem Leiter des Museums, vor dem mit Mitteln des Vereins restaurierten Bildnis von Anton Friedrich Merz. (Foto: tim)

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