Festival

Nicht durchdrehen, kein Mörder werden

Julian Stech
2. März 2016

Während ein Festivalgig den anderen jagt, ist die 32-Jährige so international erfolgreich wie kaum einer ihrer Landsleute zuvor. Im Jahr 2015 erschien ihr sechstes Studioalbum »Supermoon«, auf dem sie ihre Kompositionen in Deutsch, Englisch, Französisch und Schweizerdeutsch wiedergibt. Freut euch auf den 4. März, an dem euch um 22:15 Uhr eine großartige Künstlerin im Großen Haus erwartet.

Du trittst nun in die Fußstapfen von Nina Hagen, die im Jahr 2014 der Headliner der Langen Brechtnacht in Augsburg war. Hast du ihr mittlerweile mitgeteilt, dass sie deine Mutter ist? (Anmerkung: Ohne mit der Wimper zu zucken, behauptete Sophie das in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk – natürlich aus purem Spaß.) Nein.

Mir gefällt, wie verspielt du oft in Interviews agierst und Journalisten und Showmaster mit deinen Antworten und Aussagen immer wieder aus der Reserve lockst – ob bewusst oder unbewusst. Könntest du gerne auf Interviews verzichten oder sind sie neben der Musik eine weitere wichtige Möglichkeit, den Menschen deine Ansichten und Gedankengänge näherzubringen? Ich habe dazu keine Theorie. Ich glaube, wie auch immer, es ist ein dünner Grad, auf dem man geht, man kann schnell fallen. Die Medien sind sehr mächtig, außerdem hat man keine Kontrolle über das, was sie mit einem machen. Es ist also ein Spiel mit dem Feuer.

Bist du schon einmal in Augsburg aufgetreten? Was verbindest du mit dieser Stadt? Ich glaube nicht. Ich stelle mir vor, dass ich da ohne Weiteres Schweizerdeutsch reden kann und die Leute verstehen es, also ich stelle es mir insgesamt sehr schweizerisch vor. Also schüchterne, liebenswerte Menschen, die nur heimlich bösartig sind, gerne draußen essen und wissen, wie man Feuer macht.

Dein Konzert in Augsburg findet in der wunderschönen Kulisse des Großen Hauses statt. In welchen Locations spielst du am liebsten? Sind es Festivals, Clubs oder eher große Hallen? Clubs mit einem Publikum von 600 bis 800 Leuten, der Hauptraum mit Stehplätzen aber ohne Crash-Barrieren, sodass die Leute direkt vor uns sind, und mit einer Galerie oben, in Hufeisenform, wo es Sitzplätze gibt, für die, die sitzen wollen oder müssen.

Eine Gemeinsamkeit, die du mit Bertolt Brecht teilst, ist eure Emigration nach Berlin. Inwieweit beeinflusst diese Metropole dein künstlerisches Schaffen? Es hält einen künstlerisch wach, da man ständig vor Augen geführt bekommt, was in den Künsten aktuell geschieht. Man kann sich also schlecht einbilden, dass man besonders speziell ist. Andererseits habe ich, anders als Brecht, nicht schon vier Kinder mit drei verschiedenen Frauen gezeugt, was einigen Leuten hier schnell passiert.

Brecht ist nach dem Krieg nur für zwei kurze Zwischenstopps in seine Geburtsstadt Augsburg zurückgekehrt. Kannst du dir vorstellen, jemals wieder für längere Zeit oder für immer in die Schweiz zurückzukehren? Nein. Also zum Sterben, ja. Aber nicht davor.

Das Brechtfestival in Augsburg ist ein Event zu Ehren des berühmtesten Dramatikers und Lyrikers der Stadt. Was sind deine Gedanken über diesen Künstler? Meine Gedanken über Brecht? Dazu genügt diese Seite nicht. Ich sage nur so viel, er hat Glück gehabt, er war ein Mann. Meine Lieblings- idee von ihm und gleichsam ein typisches Brechtmotiv ist, dass er mal gesagt hat, er hätte es in neun Jahren Volksschule nicht geschafft seine Lehrer zu erziehen. Dieser Gedanke sagt schon ziemlich viel über ihn aus.

Brecht war stets ein Kritiker seiner Zeit. Auch in deinen Texten höre ich immer wieder gesellschaftskritische und politische Themen durch. Was läuft deiner Meinung nach auf diesem Planeten momentan so richtig falsch? Der Kapitalismus, der eigentlich ein Teilsystem unserer Demokratien sein sollte, ist zu ihrem alleinigen Herrscher geworden.

Ich habe gelesen, dass du alles andere als ein materieller Mensch bist und dass du dir außer Instrumenten und Büchern eigentlich nichts kaufst. Ist also deine Telecaster der wertvollste Gegenstand, den du besitzt, oder etwas anderes? Ich habe eine Gibson von 1952, das ist mein wertvollstes Instrument, aber am Ende ist das Wertvolle immer noch das, was man darauf spielt oder eben nicht. Und das ist immer gratis.

Welche persönlichen und musikalischen Ziele möchtest du im Laufe deines Lebens noch erreichen? Nicht durchdrehen, kein Mörder werden, mein möglichstes tun in meinem Wirkungsbereich.

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