Nicht verzagen und alles wagen

7. September 2018 - 14:51 | Gast

Staatstheater, Fuggermusical und Leitbildprozess: Intendant André Bücker im Gespräch mit Iris Steiner über sein erstes Jahr am Theater Augsburg

Die erste Spielzeit von Intendant André Bücker am Theater Augsburg war in jeder Hinsicht eine Wundertüte. Ganz abgesehen von der neuen Interimssituation mit einer Spielstätte, die erst in letzter Minute zur Verfügung stand, bis hin zur Staatstheatererhebung im Eilverfahren war alles geboten. Wir fragen nach – mit ein paar Tagen Abstand und im Rückblick auf eine Theatersaison, die alles andere war als gewöhnlich.


Herr Bücker, das letzte und entscheidende »Puzzleteil« Ihrer ersten Spielzeit war mit einer Uraufführung auf der Freilichtbühne zugleich auch ein großes Wagnis: Wie zufrieden sind Sie mit dem Erfolg des Fuggermusicals »Herz aus Gold«?

André Bücker: Das Stück ist sehr gut angekommen, besser hätte es kaum laufen können. Fast 35.000 Besucher und 81 % Gesamtauslastung in einem Monat – die zahlenmäßig viertbeste Inszenierung der letzten elf Jahre –, und das mit einem völlig unbekannten Stück! Alle Kritiker haben uns darüber hinaus eine sehr hohe künstlerische Qualität bescheinigt, was ja nicht unbedingt gleichbedeutend mit wirtschaftlichem Erfolg ist. Ich finde, es ist ein tolles Musical für Augsburg geworden, bedient wunderbar das Genre und hat etwas mit den Menschen und dem Ort zu tun. Das war in jeder Vorstellung zu spüren.

Im Vorfeld gab es auch zweifelnde Stimmen, ob so ein Projekt überhaupt gut gehen kann …

Die Freilichtbühne ist etwas Besonderes für die Augsburger und hat einen hohen Stellenwert im sommerlichen Kulturprogramm. Wenn da plötzlich jemand von außen kommt und etwas ganz Unbekanntes spielt, das noch dazu inhaltlich das historische Image der Stadt thematisiert, ist es ganz normal, wenn man zunächst skeptisch ist. Übrigens hatten wir von Anfang an einen sehr herzlichen Kontakt zur Familie Fugger, die unser Projekt begeistert begleitet hat.

Wird das Musical wiederaufgenommen?

Ich habe immer gesagt, dass dieses Stück, wenn die Menschen es mögen, jedes Jahr ein paarmal gespielt werden sollte. Zu dieser Aussage stehe ich. Das Fuggermusical braucht einen festen Platz im Augsburger Kalender. Nach diesem Erfolg und der großen Nachfrage sind wir nun am Überlegen, ob und wie das vielleicht schon im kommenden Jahr klappen kann. Die Logistik mit zwei verschiedenen Produktionen auf der Freilichtbühne ist aufwendig und geht nur, wenn man dispositionell und technisch so plant, dass möglichst kein Vorstellungstag verloren geht und der Umbau von einer Produktion zur anderen nicht zu viel Zeit verschlingt. Wir haben ja nur dieses kurze Zeitfenster im Sommer.

Wie würden Sie dieses Theaterjahr im Rückblick insgesamt bewerten?

Das Wichtigste zuerst: Das Publikum hat den martini-Park angenommen, unser Stammpublikum ist den Weg mitgegangen und es kommen vermehrt Leute, die zuvor den Weg ins Theater nicht gefunden haben. In Relation zum Großen Haus sind wir mit unseren Zahlen etwa auf der gleichen Höhe und liegen sogar ein wenig über unseren eigenen Prognosen. Für eine Interimssituation im ersten Jahr ist diese Bilanz fantastisch, ich bin damit überaus zufrieden und hatte gehofft, dass es so läuft. Ein bisschen Glück gehört natürlich immer dazu – und Mitarbeiter, die am selben Strang ziehen. Im Nachhinein betrachtet ist es schon ein kleines Wunder, dass alles so reibungslos geklappt hat. Wenn man bedenkt, dass wir zwei Wochen vor der ersten Premiere noch in einer leeren Halle gesessen sind, kann man nicht hoch genug einschätzen, was allein die technischen Abteilungen geleistet haben. Neben ihrem eigentlichen Job, Inszenierungen auf eine Bühne zu bringen, haben sie die gesamte Spielstätte zeitgleich noch eingerichtet.

Sie hatten angekündigt, das Theater mehr in die Stadtgesellschaft hinein zu öffnen …

Wir haben das auf vielen Ebenen bereits getan. Zunächst mit dem inhaltlichen Augsburgbezug beim Fuggermusical und mit der sehr populären »Tatort«-Reihe. Dann durch viele Kooperationen mit anderen Kultureinrichtungen, intensive Theaterpädagogik auch außerhalb des Hauses, Kooperationsverträge mit Schulen und natürlich interdisziplinäre Theaterarbeit mit Künstlern der freien Szene. Dieses Thema ist mir persönlich sehr wichtig. Unsere deutsche Erstaufführung »Das Spiel der Schahrazad« unter der Regie von Ferdi Değirmencioğlu, der seit vielen Jahren in Augsburg Kulturarbeit in der freien Szene macht, war eine ganz wunderbare Produktion – und ich bin sicher, dass wir in Zusammenarbeit mit Künstlern der Stadt noch sehr viel Spannendes auf die Beine stellen werden. Übrigens bin ich auch stolz darauf, dass wir für ein »Wasserprojekt« in Kooperation mit einem Ensemble aus Kapstadt die Förderung der Kulturstiftung des Bundes gewinnen konnten und damit aktiv zum UNESCO-Antrag der Stadt beitragen.

Ab der kommenden Spielzeit sind auch die Brechtbühne und der Hoffmannkeller geschlossen und werden durch die zweite Interimsspielstätte Gaswerk – genannt »Brechtbühne im Ofenhaus« – ersetzt. Was wird sich dann ändern?

Das »Ofenhaus« selber wird am 12. Januar 2019 als Spielstätte eingeweiht und im Inneren der Brechtbühne sehr ähnlich sein. Davor und bis zur Fertigstellung gibt es bereits zwei Premieren im sogenannten »Kühlergebäude«. Und noch eine gute Nachricht: Die Erreichbarkeit des Geländes ist sehr gut, für Autofahrer gibt es ein Parkhaus direkt daneben und ab dem 12. Januar wird die Buslinie 21 regulär zum Gaswerk vertaktet. Vor diesem Termin fährt ein Shuttleservice ab dem Bahnhof Oberhausen.

Wir sind Staatstheater. Auch daran muss man sich erst mal gewöhnen. Was ändert sich deshalb bereits in der kommenden Spielzeit? Merkt der Zuschauer überhaupt etwas?

Ich glaube, der Zuschauer wird erst einmal nicht so viel merken, außer dass wir das Logo anpassen. Da wir von dieser Entwicklung ebenfalls überrascht wurden, war ein Staatstheaterbetrieb für die nächste Saison natürlich nicht Bestandteil unserer Planung. Es gibt allenfalls eine Perspektive, zu wachsen und mit ansteigenden Mitteln künstlerisch zusätzliche Akzente zu setzen.

Was ändert sich für die Mitarbeiter des Theaters?

Wir sind ab dem 1. September die »Stiftung Staatstheater Augsburg« und nicht mehr Eigenbetrieb der Stadt. Bisher sind unsere Mitarbeiter mit öffentlichem Dienstvertrag TVöD städtische Mitarbeiter, die beim Theater arbeiten, zukünftig wird die Stiftung der Arbeitgeber sein. Niemand, der jetzt schon bei uns arbeitet, wird durch den Wechsel inhaltlich schlechter gestellt. Das ist sicher die wichtigste Information. Formal werden Neuverträge ab sofort in den Tarifvertrag TVL eingegliedert, der sich in einigen Punkten vom TVöD unterscheidet. Insgesamt sind diese Unterschiede aber nicht sehr groß.

Kurz vor Spielzeitende war in der Augsburger Allgemeinen zu erfahren, dass sich langjährige Sponsoren von der Theaterleitung unfair behandelt fühlten. Was war der Grund dafür?

Der Ärger beruht wahrscheinlich auf einem großen Missverständnis. Wir wollten natürlich auf keinen Fall langjährige Sponsoren ausbooten oder verärgern. Das wäre auch widersinnig. Im Moment sortieren wir lediglich unsere Angebote neu und gleichen über die Jahre eingeschlichene Ungleichbehandlungen an. Es gibt eindeutig Bedarf, die Sponsorenvereinbarungen klarer zu definieren, transparenter zu machen und fair zusammenzufassen. Das hat ein langjähriger Förderer des Theaters wohl in den falschen Hals bekommen. Es gibt keinen Zusammenhang mit der Umwandlung zum Staatstheater, selbst wenn das mehrfach so zu lesen war. Es geht vielmehr darum, die Prozesse zu vereinfachen und Dinge transparenter zu machen. Schon aus steuerlichen Gründen müssen wir da sehr penibel sein. Um die Abwicklung etwas zu vereinfachen, wollen wir in Zukunft für alle Sponsoren unter 10.000 Euro keine komplizierten Verträge mehr machen, sondern einen Katalog mit Leistungen anbieten, die man zusammen aussuchen und zu einem Paket schnüren kann. Selbstverständlich freuen wir uns über jeden, der uns unterstützt – und darüber, dass wir zahlreiche Anfragen bekommen, die gut strukturiert sein wollen.

Sie sind jetzt ein Jahr Intendant hier in Augsburg. Was haben Sie in diesem ersten Jahr »gelernt«?

Wenn man wie ich schon eine Zeit lang in diesem Geschäft arbeitet, weiß man, dass Theater ein großer Organismus ist und einen gewissen Geist hat. Den kann man nur »von innen« richtig sehen und in der Zusammenarbeit mit den Menschen am jeweiligen Ort. Das ist etwas anderes, als nur im Beobachterstatus draufzuschauen. Vertrauen muss wechselseitig entstehen, das geht nicht von heute auf morgen, und im Alltagsgeschäft ist dazu nicht immer genug Zeit. Es geht um Strukturen aus Tradition, die Arbeitsweise der technischen Abteilungen und einiges mehr. Ich bin überzeugt, dass das Publikum spürt, in welcher Atmosphäre künstlerische Prozesse entstehen. Deshalb ist eine gute Energie innerhalb des Hauses sehr wichtig.Um dieses interne Klima mehr zu pflegen, werde ich deshalb auch im nächsten Jahr einen »Leitbildprozess« anstoßen, in dem wir uns eine Art »innere Verfassung« geben, einen Kodex, wie man im Betrieb miteinander umgeht und besser zusammenarbeitet. Das Ganze wird ein Prozess über einen längeren Zeitraum sein, mit externen Experten gemeinsam erarbeitet und in Workshops umgesetzt.

Was wünschen Sie sich für die nächste Spielzeit?

Ich freue mich, wenn das Publikum unseren neuen Spielort im Gaswerk genauso neugierig aufnimmt wie den martini-Park und es eine ähnlich schöne Spielzeit wird wie die vergangene – mit großen Höhepunkten in allen Sparten.


Dieses Interview erschien im August in der Augsburger StadtZeitung, die uns den Beitrag freundlicherweise zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat.

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