Niemand hält es aus, künstlich zu sein

24. April 2018 - 14:57 | Dieter Ferdinand

Rainer Werner Fassbinders »Welt am Draht« hatte auf der brechtbühne des Theaters Augsburg Premiere.

Das Publikum hört zu Beginn Sirenen; sieht im Hintergrund eine Wand, dahinter die Kommandozentrale; seitlich einen Baum, dessen Früchte aus Goldstaub bestehen; baukastenmäßig aufgebaute Requisiten; roboterhaft sich bewegende Menschen.

Der Wissenschaftler Professor Vollmer hat einen Supercomputer entwickelt, der Tausende simulierter Menschen schaffen soll: Projekt »Simulacron«. Die Simulierten sind »Identitätseinheiten« und Nummern. Vollmer erlebt, was er da in Gang gesetzt hat, es klopft in seinem Herzen, er fällt zusammen und stirbt. Sein Nachfolger Fred Stiller fragt sich, ob sein Freund Vollmer ermordet wurde, weil er zu viel wusste.

Stromstöße versetzen Menschen in künstliche Welten. Krankheiten werden durch »Projektionsschaltung« geheilt. Das System sorgt für Spaß, wilden Tanz und absurdes Theater. Doch der Zweifel bohrt; denn »keiner hält es aus, künstlich zu sein«. Fred Stiller und Eva Vollmer, die Tochter des Professors, kommen sich näher. Sie erschießt ihn – und er erhält von ihr per Kontakt ein neues Bewusstsein. Beide steigen die Stufen hinauf in eine neue Welt des bewussten Seins.

Rainer Werner Fassbinder drehte seinen Science-Fiction-Thriller 1973. Er sah voraus, welches Machtinstrument die Herrschenden mit einem Supercomputer in die Hand bekommen. Zugleich war ihm klar, dass Menschen auf Dauer nicht so leben können und sich befreien wollen.

Es gibt wieder Doppel- und Mehrfachrollen. Gerald Fiedler überzeugt als Prof. Vollmer und als erläuternder Psychologe. Karoline Stegemann lebt die Vollmer-Tochter Eva und die Roboter-Sekretärin. Kai Windhövel spielt den freundlich-brutalen Chef Siskin. Nur Patrick Rupar als Fred Stiller lebt seine Zweifel und Ängste aus und kämpft.

Die Inszenierung von David Ortmann fragt, wie wir die heutige Situation beurteilen. Lebe ich in dieser realen Welt oder in und mit einer Computersimulation? Den Zuschauer*innen wird ihre individuelle Antwort überlassen; denn »die Simulationswelt wird weiterleben«.

Viel Applaus für die gelungene Ensembleleistung und die Ankunft des befreiten Paars in höheren Sphären.

Die nächsten Termine: 26. April sowie 4. und 26. Mai.

www.theater-augsburg.de

Foto (Jan-Pieter Fuhr): Gerald Fiedler, Patrick Rupar

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