Nimmersatte Liebe

1. Juni 2019 - 9:46 | Renate Baumiller-Guggenberger

Natalya Boeva fasziniert im Rokokosaal beim 3. Liederabend des Staatstheaters Augsburg mit stimmlicher Urgewalt.

Endlich! Lange musste man darauf warten, die Mezzosopranistin Natalya Boeva, die im Vorjahr erst den renommierten ARD-Wettbewerb im Fach Gesang für sich entscheiden konnte, nicht nur auf der Opernbühne, sondern ganz »pur«, ganz in Rot und damit als in jeder Hinsicht überwältigende Lied-Interpretin zu erleben.

Verlässlich, einfühlsam und mit ähnlich intensivem Temperament wurde sie beim 3. Liederabend des Staatstheaters im Rokokosaal von Kapellmeister Ivan Demidov am Flügel begleitet. Beide starteten ihr Musikstudium in ihrem Heimatland am St. Petersburger Rimsky-Korsakow-Konservatorium. So war es wenig verwunderlich, dass knapp die Hälfte der vorgetragenen Kunstlieder aus der Feder russischer Komponisten wie Anton Arsensi, Sergei Rachmaninow, Sergei Tanejew, Nikolai Medtner oder P.I. Tschaikowsky stammten.

Sie bereicherten das bemerkenswerte Programm, das natürlich auch Brahms, Schubert, Schumann und Hugo Wolf als »Klassiker« des deutschen Kunstlieds auf den Plan rief, mit einer kontrastreichen Dichte, die vom Interpreten höchste Liedkompetenz erfordert. Dem hielt Natalya Boeva höchst souverän, stilsicher und immer konzentriert stand und brachte voller Dynamik und expressiver Raffinesse jedes Stimmungshoch und jedes Stimmungstief der Serenaden und später insbesondere die melancholischen Umschreibungen der »unmöglichen Liebe« atemberaubend klar artikuliert zum Leuchten. Als Hörer tauchte man mit gern in die sprichwörtlichen Tiefen der slawischen Seele. Boevas vokale Potenz gleicht einer Ur-, einer Naturgewalt, die sich zum rauschenden Orkan steigern kann, der bisweilen das Raumvolumen des Rokokosaals zu sprengen schien, um dann wieder sanft und sinnlich dem Sehnsuchtsgehalt und der Poesie der Lieder nachzuspüren.

Nicht von ungefähr gewählt war natürlich auch der Übertitel »Nimmersatte Liebe«. So heißt es in Eduard Mörikes von Hugo Wolf vertontem Gedicht, mit dem dieser wirklich bemerkenswerte Liederabend krönend abschloss, an einer Stelle: »…die Lieb hat alle Stund‘ neu wunderlich Gelüsten«. All die unterschiedlichen Facetten der schönsten aller Gefühlsregungen wurden im Laufe des Abends klanglich differenziert gespiegelt. Heimliche und humorvolle Liebesschwüre lösten die träumerischen, spätromantischen Kompositionen ab. Nimmersatt dürfte aber auch ein Publikum sein, was den Genuss von Natalya Boevas Präsenz als charakterstarke und charismatische Sängerin betrifft und natürlich fragt man sich, wie lange man ein derartiges »Kaliber« wie sie hier am Staatstheater wohl noch halten können wird. Das Konzert wurde übrigens vom BR mitgeschnitten – der Sendetermin wird demnächst auf der Website des Staatstheaters Augsburg bekannt gegeben. Dann aber unbedingt reinhören!

www.staatstheater-augsburg.de

Thema:

Weitere Positionen

22. Januar 2021 - 14:46 | Martin Schmidt

Mit »In Exile« (Stream | CD) legen On The Offshore ihr erstes Album seit elf Jahren vor.

18. Januar 2021 - 13:18 | Bettina Kohlen

Die letzten beiden der insgesamt sieben Wegekapellen, die von der Siegfried und Elfriede Denzel Stiftung initiiert wurden, sind im September und Dezember 2020 errichtet und ökumenisch gesegnet worden. Der Kreis ist somit geschlossen.

14. Januar 2021 - 9:43 | a3redaktion

Im Rahmen der Reihe »Kulturregion trotz Corona« präsentiert a3kultur Podcasts mit Teilnehmer*innen des Kunstprojekts qp. Der Quartier-Parcours zeigt 24 Interventionen von Künstler*innen und Kulturgruppen im Gaswerkquartier.

11. Januar 2021 - 6:00 | Thomas Ferstl

Projektor – die a3kultur-Filmkolumne im Januar: Regisseur David Fincher hat mit »Mank« seinen vielleicht persönlichsten Film gemacht.

8. Januar 2021 - 6:40 | Gudrun Glock

Der Naturpark Augsburg – Westliche Wälder steckt voller Überraschungen. Einige kreative Macher*innen erschließen dieses Potenzial auf vielfältige Weise und lassen dabei ihrem Einfallsreichtum freien Lauf. Ein Interview mit Anja Dördelmann, Eva Liebig und Stephanie Schmid

6. Januar 2021 - 6:40 | Gast

»2021 – schon was vor? Oder lassen Sie es erst mal auf sich zukommen?« – a3kultur bat Kulturschaffende aus der Region um einen Gastbeitrag zum Jahreswechsel. Teil 5: Dr. Christof Trepesch, Kunstsammlungen und Museen Augsburg

5. Januar 2021 - 6:40 | Gast

»2021 – schon was vor? Oder lassen Sie es erst mal auf sich zukommen?« – a3kultur bat Kulturschaffende aus der Region um einen Gastbeitrag zum Jahreswechsel. Teil 4: Marius Müller, Stadtbücherei Augsburg/Buch-Haltung

4. Januar 2021 - 6:40 | Gast

»2021 – schon was vor? Oder lassen Sie es erst mal auf sich zukommen?« – a3kultur bat Kulturschaffende aus der Region um einen Gastbeitrag zum Jahreswechsel. Teil 3: Daniela Bergauer und Michael Hehl, Liliom Kino

3. Januar 2021 - 6:02 | Gast

»2021 – schon was vor? Oder lassen Sie es erst mal auf sich zukommen?« – a3kultur bat Kulturschaffende aus der Region um einen Gastbeitrag zum Jahreswechsel. Teil 2: Valentin Holub, bayerische kammerphilharmonie

2. Januar 2021 - 6:40 | Gast

»2021 – schon was vor? Oder lassen Sie es erst mal auf sich zukommen?« – a3kultur bat Kulturschaffende aus der Region um einen Gastbeitrag zum Jahreswechsel. Teil 1: Anne Schuester, Sensemble Theater