Klassik

Nimmersatte Liebe

Renate Baumille...
1. Juni 2019

Endlich! Lange musste man darauf warten, die Mezzosopranistin Natalya Boeva, die im Vorjahr erst den renommierten ARD-Wettbewerb im Fach Gesang für sich entscheiden konnte, nicht nur auf der Opernbühne, sondern ganz »pur«, ganz in Rot und damit als in jeder Hinsicht überwältigende Lied-Interpretin zu erleben.

Verlässlich, einfühlsam und mit ähnlich intensivem Temperament wurde sie beim 3. Liederabend des Staatstheaters im Rokokosaal von Kapellmeister Ivan Demidov am Flügel begleitet. Beide starteten ihr Musikstudium in ihrem Heimatland am St. Petersburger Rimsky-Korsakow-Konservatorium. So war es wenig verwunderlich, dass knapp die Hälfte der vorgetragenen Kunstlieder aus der Feder russischer Komponisten wie Anton Arsensi, Sergei Rachmaninow, Sergei Tanejew, Nikolai Medtner oder P.I. Tschaikowsky stammten.

Sie bereicherten das bemerkenswerte Programm, das natürlich auch Brahms, Schubert, Schumann und Hugo Wolf als »Klassiker« des deutschen Kunstlieds auf den Plan rief, mit einer kontrastreichen Dichte, die vom Interpreten höchste Liedkompetenz erfordert. Dem hielt Natalya Boeva höchst souverän, stilsicher und immer konzentriert stand und brachte voller Dynamik und expressiver Raffinesse jedes Stimmungshoch und jedes Stimmungstief der Serenaden und später insbesondere die melancholischen Umschreibungen der »unmöglichen Liebe« atemberaubend klar artikuliert zum Leuchten. Als Hörer tauchte man mit gern in die sprichwörtlichen Tiefen der slawischen Seele. Boevas vokale Potenz gleicht einer Ur-, einer Naturgewalt, die sich zum rauschenden Orkan steigern kann, der bisweilen das Raumvolumen des Rokokosaals zu sprengen schien, um dann wieder sanft und sinnlich dem Sehnsuchtsgehalt und der Poesie der Lieder nachzuspüren.

Nicht von ungefähr gewählt war natürlich auch der Übertitel »Nimmersatte Liebe«. So heißt es in Eduard Mörikes von Hugo Wolf vertontem Gedicht, mit dem dieser wirklich bemerkenswerte Liederabend krönend abschloss, an einer Stelle: »…die Lieb hat alle Stund‘ neu wunderlich Gelüsten«. All die unterschiedlichen Facetten der schönsten aller Gefühlsregungen wurden im Laufe des Abends klanglich differenziert gespiegelt. Heimliche und humorvolle Liebesschwüre lösten die träumerischen, spätromantischen Kompositionen ab. Nimmersatt dürfte aber auch ein Publikum sein, was den Genuss von Natalya Boevas Präsenz als charakterstarke und charismatische Sängerin betrifft und natürlich fragt man sich, wie lange man ein derartiges »Kaliber« wie sie hier am Staatstheater wohl noch halten können wird. Das Konzert wurde übrigens vom BR mitgeschnitten – der Sendetermin wird demnächst auf der Website des Staatstheaters Augsburg bekannt gegeben. Dann aber unbedingt reinhören!

www.staatstheater-augsburg.de

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