Norm oder Andersartigkeit

19. Juli 2015 - 8:34 | Gino Chiellino

Für seine Kolumne »Deutsch richtig und gut« hat Gino Chiellino Begriffe gesucht, die er paarweise umschreibt, um zu zeigen, wie er sie anders versteht als seine Gesprächspartner. Der fünfte Teil behandelt: Norm oder Andersartigkeit.

Der Philosoph Hans-Georg Gadamer schließt Teil II seines Werkes »Wahrheit und Methode« mit folgender Aussage ab: »Die Verständigung über eine Sache, die im Gespräch zustanden kommen soll, bedeutet daher notwendigerweise, daß im Gespräch eine gemeinsame Sprache erst erarbeitet wird.

Das ist nicht ein äußerer Vorgang der Adjustierung von Werkzeugen, ja es ist nicht einmal richtig zu sagen, daß sich die Partner einander anpassen, vielmehr geraten sie beide im gelingenden Gespräch unter die Wahrheit der Sache, die sie zu einer neuen Gemeinsamkeit verbindet. Verständigung im Gespräch ist nicht ein bloßes Sichausspielen und Durchsetzen des eigenen Standpunktes, sondern eine Verwandlung ins Gemeinsame hin, in der man nicht bleibt, was man war.«

Gadamers Aussage stammt aus dem Jahr 1957, d.h. aus einer Zeit, in der das öffentliche und private Leben der bundesrepublikanischen Staatsbürger sich in ungetrübter Deutschsprachigkeit vollzog. Bei seiner Aussage setzt daher Hans-Georg Gadamer voraus, dass die »Verständigung über eine Sache« in einer Sprache geführt wird, welcher sich die Partner von ihrer Geburt an zugehörig fühlen und sind.

Seine Aussage gewinnt umso mehr an richtungsweisender Intensität, wenn man sie in den Kontext der heutigen deutschsprachigen Interkulturalität überträgt. Die Übertragung ergibt sich aus Gadamers strikter Absage an die gegenseitige Anpassung der Gesprächspartner als Voraussetzung für das Gelingen des Gespräches.
Somit wird eine Absage an den Kernwunsch der Aufnahmegesellschaften, d.h. der dortigen Muttersprachler, erteilt, die der bequemen Meinung sind, dass dem Einwanderer erst durch die sprachliche Anpassung das Gespräch, d.h. das Zusammenleben mit den Einheimischen, gelingen wird.

In der Tat: Um »unter die Wahrheit der Sache« zu geraten, wird von Gadamer die Bereitschaft der Partner verlangt, sich so weit zu verwandeln, dass man am Ende des Gesprächs »nicht bleibt, was man war«.

Wenn es so ist, wie könnte sich »die Wahrheit der Sache« in einem interkulturellen Alltag konkretisieren? Und wie könnte das angestrebte Gemeinsame aussehen, welches die Gesprächspartner in Bezug auf ihre gemeinsame Zukunft verbinden würde?

Um unter die Wahrheit der Sache zu geraten, sollte sich als Erstes die schwierige, unangenehme Vorstellung durchsetzen, dass ein interkulturelles Gespräch keine Begegnung zwischen ungleichen Partnern ist, in dem Sinne, dass ein Partner die Norm und der andere die Andersartigkeit verkörpert.

Beide sollten sich bewusst werden, dass sie bei ihrem Gespräch zwei sich begegnende Andersartigkeiten darstellen. Erst dann kann ausgehandelt werden, wie die jeweilige Veränderung der Gesprächspartner ausfallen soll, um eine gemeinsame Zukunft zu erreichen, in der beide sich aufgehoben fühlen, weil sie dafür die eigene Veränderung als Preis bezahlt haben.

Im Bereich des interkulturellen Alltages hat es der einheimische Gesprächspartner schwer, sich von der öffentlichen, festgefahrenen Vorstellung zu lösen, er stelle die Norm dar. Anders gesagt, da er bei sich lebt und bleibt, fällt es ihm nicht leicht, den Lernprozess durchzumachen, dem Einwanderer ausgesetzt sind, die im fremden Land unmittelbar spüren, dass sie nicht die Norm darstellen.

Allerdings tun sich die Einwanderer schwer, das Gespräch als paritätische Andersartigkeit zu führen. Um dies zu erreichen, müssten sie den Gesprächspartner, d.h. ihren Gastgeber, von jeder Verantwortung ihnen gegenüber freisprechen und zugleich die völlige Verantwortung für sich selbst übernehmen. Leider ist eine einfachere Möglichkeit, »unter die Wahrheit der Sache« zu geraten und die »Verwandlung ins Gemeinsame« zu erreichen, nicht in Sicht.

Wie gesagt, für Einwanderer ist es vernünftig, Deutsch richtig und gut zu lernen. Unvernünftig ist die damit verbundene Hoffnung, hinterher könne man sich mit den Staatsbürgern des Landes verstehen. In der Tat versteht man sich nicht, weil man die gleiche Sprache paritätisch spricht: Gesprächspartner verstehen sich, weil sie bereit sind, sich zu verändern und dabei keine Wörter zu unterschlagen.

Die Kolumne erscheint im Original online in der Kultur- und Literaturzeitschrift www.interessen.org. »Deutsch richtig und gut« lautete der Titel der Fibel, mit der sich Chiellino 1970 in Düsseldorf Deutsch beibringen wollte. Der interkulturelle Literaturwissenschaftler, Dichter, Essayist, Herausgeber und Übersetzer wurde unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis für sein lyrisches Werk ausgezeichnet.

www.chiellino.com

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