Nostalgische Sicht auf die Vergangenheit

24. Juni 2016 - 8:24 | Iacov Grinberg

Die Ausstellung »Ein Blick zurück« im Grafischen Kabinett zeigt alte Fotografien aus Augsburg.

Die neue Ausstellung im Grafischen Kabinett präsentiert den Besuchern historische Fotografien aus den Archiven des Kabinetts, die in 1860er-Jahren von den Brüdern Carl und Alfred Jochner gemacht wurden. Die Fotografien zeigen zwischen heute noch bekannten auch zahlreiche schon nicht mehr existierende oder stark veränderte Stadttore.

Vom 15. bis ins 18. Jahrhundert waren die Städte meist von einer Burgmauer umgeben. Anfang des 19. Jahrhunderts hatten diese Mauern ihre militärische Bedeutung verloren und wurden fast überall zusammen mit ihren Toren abgetragen, die dazu gehörenden Graben wurden zugeschüttet. In Augsburg waren sie nach dem Willen des bayerischen Königs auf 60 Jahre stehengeblieben. Grund dafür war die einstige Rivalität.

In der frühen Neuzeit war Augsburg ein großes Handels- und Industriezentrum. In den alten Karten Europas waren die freien Reichsstädte Nürnberg und Augsburg eingezeichnet, es gab dagegen keine Stadt-Residenz München. Die Kartographen jener Zeit hatten ihren eigenen Maßstab: auf denselben Karten gibt es Krakau – das Bollwerk des polnischen Katholizismus, aber es gab keine Stadt-Residenz Warschau. Keine große Sympathie genoss das meist evangelische Augsburg in den Augen der katholischen bayerischen Herrscher. Als 1806 infolge der napoleonischen Kriege Augsburg den Status einer freien Reichsstadt verlor und Teil des neu geschaffenen bayerischen Königreiches wurde, erklärte der König sie zur Stadt-Festung, was ihr nicht ermöglichte sich außerhalb des Rahmens der städtischen Mauern auszudehnen. Alles innerhalb 1.000 Metern Entfernung von den städtischen Mauern Gebaute, konnte laut Befehl des Königs ohne Kompensation abgetragen werden, weil es »die Verteidigung stören konnte«.

Aber längst wurde es der Stadt in den alten Grenzen zu eng, die Industrie entwickelte sich und in den 1860er-Jahren kaufte die Stadt dem König das Recht ab, über die alten Mauern hinaus zu wachsen, die jetzt zunehmend anfingen zu stören. Man begann dann sie allmählich abzutragen. Die Fotografen haben festgehalten, was verloren gehen sollte.

Die Fotografie war zu jenen Zeiten eine komplizierte und arbeitsintensive Sache, nicht nur Aufnehmen und Abdrücken, sondern auch die lichtempfindlichen Materialien musste man selbst fertigen. Über den Wert der Aufnahmen können wir nach der alten Theaterregel richten: Der König wurde von den Knechten und Dienern gespielt. Wie auch ein Schauspieler auf der Bühne gekleidet ist und wie er sich dort auch benimmt, seine königliche Würde können nur die Diener mit ihrer Beziehung zu ihm vorführen. Die auf der Ausstellung ausgestellte reich geschmückte Schatulle mit einem Schloss, in der in einem Privathaus die Fotografien bewahrt wurden, sagt mehr als alle Zahlen.

Für wen machten die Fotografen diese Aufnahmen, von denen sie eine Kopie in ihrem Archiv aufbewahrten? Nicht auftragsgemäß von der Stadt und kaum bloß zum Vergnügen.Vermutlich im Auftrag von Privatpersonen. Warum? Erinnern Sie sich an sich selbst. Es kommt doch auch Ihnen unangenehm vor, wenn an den Orten Ihrer Jugend die alten, Ihnen so viel sagenden Bauten durch, wenn auch sehr schöne, Neubauten ersetzt werden. Das ist einfach die Nostalgie nach den Orten Ihrer Jugend. Genauso wollte der eine oder andere Bürger der Stadt die Orte seiner Jugend und was er mit ihnen verband festhalten, wenn auch nur auf der Fotografie. Die Nostalgie nach der Jugend – sie gab es zu allen Zeiten.

Wir kennen die Namen der Auftraggeber nicht, wir sollen ihnen aber jetzt dafür dankbar sein, sehen zu können, wie früher die Orte aussahen, die die Namen dieses oder jenes Tores heute tragen. Nostalgie, die gewöhnlich negativ bewertet wird, kann auch gute Früchte tragen.

Man kann die Ausstellung bis zum 9. Oktober bewundern, der Eintritt ist frei.
(Iacov Grinberg)

Foto: Abbruch des Gögginger Tors 1861

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