Offenbarungsbücher: Literatur und Religion

26. Februar 2020 - 16:16 | Martin Schmidt

Der Theologe Prof. Dr. Georg Langenhorst (Uni Augsburg) beleuchtet in seinem neuen, im Herder Verlag erschienenen Buch religiöse Motive in der modernen Literatur.

Religion und Literatur: ein mächtiger Link. Nicht nur gilt die Bibel selbst als Weltliteratur (und Lager zahlreicher Symbole, Motive, Bilder und Sprachwendungen) – und Poesie sogar als Urgattung der Heiligen Schrift. Religion als thematisches Hintergrundrauschen durchzieht die neuerer Gegenwartsliteratur, und sei es dadurch, dass der Religion eine Absage erteilt wird oder eben Weltensinn ertastet wird. Zum Hintergrundrauschen kommt aber auch das Explizite. Der Lyriker Uwe Kolbe näherte 2017 sich als Atheist in seinem Band »Psalmen« einer Zwiesprache mit Gott. »Das Gedicht. Zeitschrift für Lyrik, Kritik und Essay« widmete seinen Jubiläumsband #25 (2017/18) ausdrücklich dem Thema »Religion im Gedicht«. Und ganz aktuell: Im März 2020 wird der Band »Gottesanbieterin« von der Trägerin des Ingeborg-Bachmann-Preises 2015 und bekennenden Christin Nora Gomringer erscheinen.

Thematische Querschnitte & der Status quo

Dr. Georg Langenhorst (Universität Augsburg) widmet sich in seinem just erschienenen Buch »›In welchem Wort wird unser Heimweh wohnen?‹ – Religiöse Motive in der neueren Literatur« (Herder Verlag, 320 Seiten) dem Komplex Religion und Dichtung. Langenhorst ist Inhaber des Lehrstuhls für Didaktik des Katholischen Religionsunterrichts und Religionspädagogik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Augsburg. Entsprechend aus theologischer Perspektive beleuchtet er gemeinsame Themen von Religion und Literatur. (Neben seinen anspruchsvollen wissenschaftlichen Veröffentlichungen ist Langenhorst Autor von Krimis, die im kirchlichen Milieu spielen.) »›In welchem Wort wird unser Heimweh wohnen?‹« ist Langenhorsts zweite Untersuchung des literarisch-religiösen Spannungsfelds, 2014 erschien sein Werk »›Ich gönne mir das Wort Gott‹: Annäherungen an Gott in der Gegenwartsliteratur« (ebenfalls Herder). Das neue 2020er-Werk steht für eine neue Zugangsart und zeichnet als komplett neu konzipierter Entwurf mit Zwischenarbeiten und thematischen Querschnitten einen Stand der Dinge. Für die nächsten Jahre sind zwei ergänzende Buchpublikationen geplant.

Himmel, Sehnsucht, Ewiges Leben

Nachdem Langenhorst im Vorwort einen Überlick auf Literatur zum Thema, zu Forschungsarbeiten und Anthologien skizziert, beleuchtet er die ersten Höhepunkte theologischer, noch streng im Katholizismus verankerter Literaturdeutung im 20. Jahrhundert (Romano Guardini, Hans Urs von Balthasar), die über Paul Tillichs Verfahren der Korrelation in eine dialogische Literaturdeutung (Dorothee Sölle, Dietmar Mieth, Karl-Josef Kuschel) übergehen. Langenhorst gibt einen Abriss der Begriffsgeschichte von »Christlicher Literatur« und untersucht Stoffe und Motive: »Brot und Wein« (von Novalis, Rilke, Trakl und Hölderlin bis Rudolf Aexander Schröder, Kurt Marti und Andreas Knapp), das Kerzenanzünden (Ralf Rothmann, Hanns Josef-Ortheil, Ulla Hahn), Beichte (u.a. bei Felicitas Hoppe, Albert Ostermaier und Daniel Kehlmann) und Transzendenzmotive wie Himmel, Sehnsucht und Ewiges Leben.

Gegenwart- und Zukunftsbilder
Die Rede vom Himmel (so u.a. bei Christa Wolf, Bertolt Brecht, Ulla Hahn und Nelly Sachs) ist für Langenhorst – als Sehnsuchtsrede, Hoffnungsrede – eins der »schönsten Gegenwarts- und Zukunftsbilder«. Dem Transzendemotiv Sehnsucht – »ein Urthema der Literatur überhaupt« – spürt Langenhorst u.a. bei Hilde Domin und abermals Ulla Hahn und Karl-Josef Kuschel nach. Das Motiv »Ewiges Leben« findet kontrastreiche Beleuchtung vor allem durch literarische Beispiele atheistischer Ablehnung und nichtchristliche Jenseitsbilder, Brecht steht hier neben Kurt Marti, Hans Magnus Enzensberger neben Marie Luise Kaschnitz. Anhand Ian McEwan, Thomas Hürlimann und Pascal Mercier zeichnet Langenhorst Atheismus in autobiografischer Prosa nach.

Der Schritt zu Literatur und Religionskritik ist hier sehr nah und Langenhorst geht ihn am Beispiel von Amos Oz oder der Untersuchung von kritischen Spiegelungen des Islam in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (Christoph Peters). Und: Der Autor widmet sich literarischen Variationen des Anti-Christ (»Nero, Hitler, Stalin«) – das Buch scannt entsprechend Werke von Stefan George, Reinhold Schneider, Erich Fried, Albert Steffen und Joseph Roth.

Gottlose Mystik und Fundgrube

Informativ auch ist Langenhorst Nachzeichnung der Veränderung der literarischen Gottesrede in den letzten Jahrzehnten. Der Autor beleuchtet hier Heinrich Böll, die »gottlose Mystik« Hans Magnus Enzensbergers, den Gottsucher und Exiliraner SAID oder auch Sibylle Lewitscharoff und landet bei den zwei wohl spannendsten Exponenten zeitgenössischer religiöser Lyrik: Christian Lehnert und Andreas Knapp. Beide sind Pfarrer, Lehnert evangelisch, Knapp katholisch, beide leben in Leipzig.

Für Langenhorst ist Literatur Übersetzung – Übersetzung dessen, was religiös »in festgefügter Sprache überliefert wurde«. Und damit »Fundgrube und Inspiration« sprachgewaltiger Antwortperspektiven auf das Leben. Dabei sieht er aber eine Ohnmachtsspirale religiöser Rede: Sprache und Denksystem des Glaubens verbleiben gefangen im »Theotop«, der eigenen Glaubensblase, in der zum einen immer weniger Menschen leben, deren Inhalt zum anderen eher gehütet als vermittelt wird und wo zuletzt die religiöse Rede längst zu religiöser Fremdsprache geronnen ist und echte religiöse Praxis ausbluten lässt.

Georg Langenhorst sieht eine Perspektive in der Sprachschule der Ordensfrau Silja Walters (1919 – 2011). Die religiöse Rede, das Sprechen von Gott: ein Leiden an der Unzulänglichkeit der Worte, ein Stottern, eine Poesie, die in Paradoxien zu schildern versucht. Für Langenhorst sind so Poesie und Narration, und damit: Literatur, die »eigentlichen Sprachformen religiöser …. und [!] theologischer[!] …. Rede« [Einschübe vom Rezensenten]. Getragen vom »Möglichkeitssinn« (Robert Musil) bildet sie Zukunfthorizont und Sinnboden. Literatur – für Langenhorst nicht weniger als: »eine Neubuchstabierung der Theologie«.

Das Buch »›In welchem Wort wird unser Heimweh wohnen?‹ – Religiöse Motive in der neueren Literatur« von Georg Langenhorst ist erschienen im Herder Verlag, 320 Seiten, erhältlich als gebundene Ausgabe und als E-Book (pdf).

Bild: ninocare | Pixabay

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