Oh du plötzliche

7. Dezember 2017 - 8:14 | Thomas Ferstl

Ein Kinobesuch während der Feiertage? Ob sich das lohnt, lesen Sie in der a3kultur-Kinokolumne »Projektor«.

Jessas, Maria und Josef, plötzlich und unerwartet steht mal wieder Weihnachten vor der Tür. Haben Sie schon Geschenke? Nein? Ich auch nicht. Na ja, noch ist ein wenig Zeit, um sich durch die Annastraße, die brechend volle City Galerie oder den Mikrokosmos des Christkindlesmarktes zu drängeln und sich dabei gleich noch ein paar Glühwein- und Senfflecken abzuholen. Kleiner Tipp: Vorher schon ordentlich Kinderpunsch mit Schuss dudeln – angeschickert lassen sich die Menschenmassen besser ertragen. Kreativer beim Geschenkekauf ist man dann auch, zumindest hält man Socken oder einen Til-Schweiger-Film wirklich für das perfekte Weihnachtsgeschenk. Wenn Sie keine Kohle oder bis zum 24. verpennt haben, lassen Sie das mit den materiellen Gütern einfach sein. An Heiligabend einzukaufen ist unmenschlich. Schenken Sie Ihren Lieben lieber wertvolle gemeinsame Zeit, vielleicht auf dem Sofa beim Lieblingsfilm der Familie. Oder einen Kinobesuch während der Feiertage. Ob sich das lohnt, lesen Sie hier:

»Lieber leben« (14. Dezember, Kinodreieck) erzählt die Geschichte des jungen und schlagfertigen Sportlers Benjamin (Pablo Pauly), der sich bei einem schweren Unfall einen Halswirbel bricht. Er wird wohl für den Rest seines Lebens im Rollstuhl sitzen und selbst für die simpelsten Dinge auf die Hilfe von Pflegern wie der ungeschickten Christiane (Anne Benoît) oder dem stets gut gelaunten Jean-Marie (Alban Ivanov) angewiesen sein. In der Rehaklinik lernt  Benjamin eine Reihe von anderen Patienten kennen, darunter Farid (Soufiane Guerrab), der ebenfalls im Rollstuhl sitzt, sowie Toussaint (Moussa Mansaly) und Steve (Franck Falise), die sich wie Benjamin nicht unterkriegen lassen. Zu ihnen gehört auch Samia (Nailia Harzoune), in die er sich auf Anhieb verliebt. Schnell stellen Benjamin, Samia und die anderen fest, dass das Leben im Rollstuhl gemeinsam einfacher zu bewältigen und ihr Schicksal leichter zu ertragen ist.

Regie führte der französische Poetry-Slam-Künstler Grand Corpse Malade (dt.: großer kranker Körper). Dieser leidet nach einem Unfall selbst seit 20 Jahren an teilweiser Unterkörperlähmung. Der seit Jahren sozial engagierte Künstler gibt mit »Lieber leben«, unterstützt von Mehdi Idir, sein Filmdebüt. Man darf sagen, dass es ein gelungenes ist. Die Darsteller der »Rollstuhlgang« überzeugen alle mit hervorragendem Spiel zwischen Trauer, Ernsthaftigkeit, Witz und Romantik. Ein Film, der sich um ein Szenario dreht, das für viele Menschen einem Todesurteil gleichkäme, dem Zuschauer aber eine hemmungslose Lebensfreude vermittelt. Und so überraschen auch die Nominierungen für den SCORE Bernhard Winkel Preis und den AOK Filmpreis beim diesjährigen internationalen Filmfest Emden-Norderney keineswegs.

Auch »Dieses bescheuerte Herz« (21. Dezember, CinemaxX, Kinodreieck) dreht sich um einen kranken jungen Mann. David (Philip Noah Schwarz) ist 15 und von Geburt an schwer herzkrank. Lenny (Elyas M’Barek) hingegen ist fast 30 und lebt rücksichtslos in Saus und Braus. Als sein Vater (Uwe Preuss), ein anerkannter Herzspezialist, ihm die Kreditkarte sperrt, wird er auch noch dazu verdonnert, sich um David zu kümmern. Dabei prallen zwei sehr unterschiedliche Welten aufeinander. Lenny unternimmt mit David alles, was sich dieser schon immer gewünscht hat. Die Liste reicht von Sportwagenfahren bis Shopping. Alles eine spaßige Angelegenheit, bis sich Davids Gesundheitszustand verschlechtert und Lenny begreift, was das Leben wirklich für ihn bedeutet.

Bei Marc Rothemunds Verfilmung der Romanvorlage von Lars Amend und Daniel Mayer handelt es sich um eine Kranker-nichtkranker-Buddy-Dramödie, wie sie bereits zigfach existiert – etwa »Ziemlich beste Freunde«, »Im Weltraum gibt es keine Gefühle« oder Netflix’ »Unterwegs nach Hause«, um nur einige zu nennen. »Dieses bescheuerte Herz« ist sicherlich motivierend, dabei nicht gut oder schlecht, aber er hinterlässt beim Zuschauer bei Weitem nicht die gleichen lebensbejahenden Gefühle wie »Lieber leben«. Im Kino kein Muss, aber im zukünftigen Abendprogramm eines Privatsenders sicherlich eine Sichtung wert.

Foto: In »Lieber leben« verbindet Benjamin (Pablo Pauly) und Samia (Nailia Harzoune) nicht nur der Rollstuhl.

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