Oh mein Gott!

1. Juli 2019 - 12:57 | Renate Baumiller-Guggenberger

Premiere von Andrew Lloyd Webbers Rockoper »Jesus Christ Superstar« auf der Freilichtbühne am Roten Tor

Star-Qualität zeigte an diesem wettertechnisch mehr als idealen Premierenabend auf der Freilichtbühne insbesondere die Augsburger Rockband »Abyss«, die dem dezent zu hörenden Orchester unter dem musikalischen Leiter Ivan Demidov bewusst die Show stahl. Ebenso beindruckend wirkte das ästhetische, eindrucksvoll in die Naturkulisse der Wallanlagen eingebaute Amphitheater im marmorweißen Klagemauer-Look (Karel Spanhak).

Möglicherweise verhinderte gerade das so aufgeräumt, nobel und »hightech« wirkende Ambiente – trotz der dekorativen Feuerschale am rechten Bühnenrand – die nötigen dramatischen Flammen, die Andrew Lloyd Webbers Rockoper über die letzten Tage von Jesus in der Augsburger Staatstheater-Inszenierung hätten entzünden können. Oder hatten die künstlerisch fraglos kräftezehrenden, unzumutbaren Klima-Konditionen der heißen Endprobenwoche Tribut gefordert und die Front-Akteure (mit Ausnahme des schwungvollen Ballettensembles, das fast durchgängig präsent war, um gemeinsam mit dem Chor die Bühne zu füllen) ausgezehrt? Natürlich muss man dem gesamten Darstellerteam allein für die Tatsache, dies alles heil überstanden zu haben, großen Respekt zollen – aber »gerockt« hat dieser Abend definitiv nicht, der einem Vergleich mit der »Jesus Christ Superstar«-Inszenierung der Spielzeit 2006/07 mit einem fantastischen Darstellerteam um Andi Kuntz als »Judas« leider nicht ansatzweise standhalten konnte.

Wie bereits befürchtet, litt diese Inszenierung stark unter der Entscheidung für die deutschen Songtexte, die insbesondere zum Hemmschuh für David-Michael Johnson in der Rolle des stimmlich auf zugespitzte Aggression und Wut gepolten Judas wurde. Sidonie Smith im weißen Designerkleid schlug als Maria Magdalena die Skala der behutsam-warmen Töne an, um Jesus vom Segen weiblicher Zuwendung zu überzeugen. Als »Superstar« fühlte sich der charismatische Markus Neugebauer in seinen anspruchsvollen Songs am ehesten in den mittleren Lagen sicher, verlor in den gepresst wirkenden Höhen an Überzeugung. Kleine, aber feine Auftritte hatten Dennis Weißert als Simon und natürlich Christopher Ryan als fies-zynischer Herodes in der Schaumwanne.  

Hand aufs Herz: Wer auf die Freilichtbühne geht, um Webbers weltberühmtes und irgendwie doch schon leicht in die Jahre gekommenes Opus (Uraufführung 1971) zu erleben, freut sich auf und über stimmliche und darstellerische Power, vibrierende Energie und Emotion und muss nicht – wie Regisseur Jung glauben machen wollte – über in der deutschen Übersetzung holprig und teils albern klingende Texte zum Nachdenken über Handlungsspielräume im Kontext der Passionsgeschichte angeregt werden ... Das vermag eine starke Inszenierung von allein!

Hand in Hand also schritten Jesus und Maria Magdalena am Ende einer anderen, versöhnten, liebevolleren Welt entgegen – vollbracht das Leiden und die Menschheitserlösung, vorbei die schmerzliche Zerrissenheit, die tiefen Zweifel und die Ängste, hinter sich gelassen die Bürde, die seine messianische Heilsmission ihm abverlangte, verziehen der Verrat durch Judas, der ihn retten wollte, vergessen Spott, Hohn und irdische Pein durch Herodes und Kaiphas. In andächtiger Stille des musikalischen Epilogs klang die Rockoper »Jesus Christ Superstar« auf der Augsburger Freilichtbühne aus. Magisch in die Vertikale gebracht, blieb das erst rot, dann weiß erleuchtete Kreuz, das im Laufe der Handlung zum Treffpunkt, zum Abendmahltisch und Folterort wurde, als machtvolles Symbol der Christenheit auf der leeren Bühne zurück.

Natürlich sparte man diesmal auch das traditionell zum Finale entzündete Feuerwerk aus, das vermutlich der einzige »Knalleffekt« in der zumal im ersten Teil fast konzertant anmutenden Inszenierung von Cusch Jung gewesen wäre. Er selber trat als Pontius Pilatus auf und wirkte wie aus einem Asterix-Band gefallen in seinem Kostüm mit Purpurschleppe, das aus der Reihe der sonst zeitlos schicken Gewänder (Aleksandra Kica) stach, ähnlich wie die Schergen eher auf Araber getrimmten Faschingsfiguren glichen und mehr zum Schmunzeln denn Fürchten beitrugen.

Dennoch kam dieser »Jesus Christ Superstar«-Abend, der sicher auch als musikalischer Abschluss eines Kirchentags beste Chancen hätte, beim Premierenpublikum sehr gut an!

Weitere Termine:
www.staatstheater-augsburg.de/jesus_christ_superstar

Foto: Jan-Pieter Fuhr

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