Ohne Worte!

26. November 2018 - 13:56 | Renate Baumiller-Guggenberger

Die bayerische kammerphilharmonie präsentierte ihr Gedenkkonzert »80 Jahre Reichspogromnacht« in der Synagoge Augsburg.

Das sonntägliche Herbstkonzert der erlesenen Konzertreihe »un-er-hört« fand unter der Schirmherrschaft von Markus Ferber und ganz explizit im Zeichen des musikalisch tiefsinnigen Gedenkens an Diskriminierung, Terror und Verfolgung statt. Mit zwei Werken von Paul Ben-Haim (1897–1984) gab es zudem den lokalen Bezug zur Stadt, denn der in München geborene Komponist erhielt im Jahr 1924 den Posten des 1. Kapellmeisters am Stadttheater – allerdings wie fast überall auch hier nur solange, bis der damalige Intendant Erich Papst die NS-Kulturrichtlinien durch – und Paul Frankenburger (wie er damals noch hieß) vor die Tür setzte. Er emigrierte nach Palästina, wurde Professor in Jerusalem, lehrte auch am Konservatorium in Tel Aviv.

Dank der in Jerusalem geborenen Sopranistin Talia Or und ihrer innigen und dennoch stets spielerischen Interpretation fanden seine »3 Lieder ohne Worte« einen tief in die Seele dringenden Nachhall – auch gänzlich textfrei. Tonmalerisch eingefärbt mit orientalischen Temperament und einer spitzfindigen Quirligkeit kündeten »Arioso«, »Ballade« und die »Sephardische Melodie« von Licht und Schatten des Daseins. Ben-Haims vorangestelltes Konzert für Streichorchester dagegen blieb etwas verschwommen in Erinnerung; es verblasste neben dem emotional einnehmenden »Yizkor« – dem instrumentalen Klagelied für Viola und Streicher des 1907 in Budapest geborenen Komponisten Ödön Pártos. Als Solistin stellte sich Teresa Schwamm virtuos und andächtig zugleich ganz in den Dienst dieser mit rituellen Elementen spielenden musikalischen Kostbarkeit.

Das Konzertfinale in der gut gefüllten Synagoge unter Leitung von Konzertmeister Gabriel Adorján war mit der viersätzigen »3. Kammersinfonie für Streichorchester« dem in eine Warschauer Musikerfamilie hineingeborenen Mieczyslaw Weinberg gewidmet, der ab 1943 in Moskau schöpferisch umfangreich tätig war. Manche Passagen seines Werks, das von den Streichern ungemein transparent, hingebungsvoll und mit subtilem Glanz gespielt wurde, erinnerte an seinen berühmteren Freund Schostakowitsch, der wiederum sein Schaffen neidlos respektierte. Schnell wurde deutlich, wie sehr Weinberg das Komponieren als Trauerarbeit verstand, wie sehr er in seinem Werk Gräuel und Kriegsleid reflektiert, spätestens aber mit den im Pianissimo verklingenden Schlusstakten, die den Hörer aus der Drangsal des Diesseits gedanklich ins Mysterium eines versöhnlichen Jenseits mitnahmen.

www.kammerphilharmonie.de

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