Klassik

Operette im Fokus

Renate Baumille...
1. März 2020

Sie kann so viel, wenn sie mit Liebe und handwerklich fundiertem Können auf die Bühne gestellt wird. Operette verzahnt nahtlos Musik, Schauspiel und Tanz. In ihr finden sich neben Ohrwürmern meist auch eine große Portion Romantik, Leidenschaft, Witz und bestenfalls Anarchie und sie sollte endlich bei »Machern« wie Konsumenten kein Schamgefühl mehr auslösen. Ganz im Gegenteil soll und kann die Operette ihr Potential ausspielen, um einer offenen Gesellschaft den Weg zu ebnen und sie in allen Spielarten auszuleuchten. Das alles betonte Josef. E. Köpplinger (Staatsintendant am Münchner Gärtnerplatz) in seiner überzeugenden und prägnanten Dankesrede für die »Orpheus Nadel 2020«, die ihm im Rahmen des Faschings-Radiokonzerts von Iris Steiner als Chefredakteurin des Fachmagazins »Orpheus« nach ihrer Laudatio für sein intensives Engagement für zeitgemäße Operetteninszenierungen überreicht wurde.

Am Rosenmontag stand im gut besuchten martini-Park also die Operette im Fokus – unter dem Motto »Die wilden 20er« aufgemacht als konzertante Revue in Kooperation von Staatstheater Augsburg mit BR-Klassik sowie dem Opernmagazin ORPHEUS. Moderiert wurde von Franziska Stürz und Dr. Stefan Frey, die sich ganzjährig und Europaweit um Inszenierungen und »Ausgrabungen« des beim Publikum immer schon beliebten Bühnengenres kümmern und auf BR KLASSIK vorstellen. Dort wird der »Frosch« des Monats (natürlich in Reminiszenz an die berühmte Sprechrolle des Gefängniswärters in der »Fledermaus«)  vergeben sowie der »Frosch des Jahres«. Der ging heuer an die Produktion »Mam'zelle Nitouche« und »Yes!« und damit an die venezianische Stiftung Palazzetto Bru Zane, die sich der experimentierfreudigen französischen Musik des 19. Jahrhunderts verschrieben hat und weltweit Theaterproduktionen fördert. Wie gewohnt brillierten im vollen Haus die Augsburger Philharmoniker unter der Leitung ihres 1. Kapellmeisters Ivan Demidov, der voller Elan die klanglich forsche Fülle mit der dezenten Exotik zu garnieren verstand, die nicht zuletzt die »Chinesische Ballettsuite« aus dem »Land des Lächelns« zum Hörgenuss machte. Dem Jubilar Lehár (1870–1948) war der erste Programmteil gewidmet, in dem Olena Sloia und Roman Poboinyi stimmlich ihr Bestes gaben, um etwa als »anständige Frau« aus der Lustigen Witwe oder als Graf Luxemburg zu glänzen.

Mehr Glanz bzw. ein authentischeres 20er Jahre-Glamour hätte allerdings die Kostümwahl vertragen, die mit mehr Abwechslung auch das GALA-Feeling optimiert hätte. Erstaunlich eigentlich, dass das Staatstheater diese beiden Solisten ganz alleine ins Rosenmontags-Renner schickte und so das immense Werbepotential durch die BR Klassik-Übertragung nicht wirklich ausschöpfte – da wäre doch weitaus mehr vokales Funkeln und Facettenreichtum möglich gewesen mit Sängerinnen wie Jihyun C. Lee, Kate Allen, Natalya Boeva oder Sally du Randt? So wurde denn auch der Gast-Auftritt von Camille Schnoor – Solistin am Gärtnerplatz – mit ihrem atemberaubend souverän interpretierten »Vilja o Vilja«-Lied zum unbestrittenen Gänsehautmoment und Highlight nicht nur der zweiten Hälfte des Abends, der über die Frosch-Nominierungen auch weniger bekannte Operetten etwa von Hervé, E. Kálmán oder Offenbach ins Rampenlicht stellte. Nicht zu vergessen sei der auffallend präzise einstudierte Opernchor, der gemeinsam mit dem Orchester die hohe Qualität des Staatstheater Augsburg  hervorragend repräsentierte und entsprechend starken Beifall bekam, mit dem natürlich auch die Solisten, die Moderatoren sowie ein tapsig Charleston tanzender Schauspieler Sebastian Baumgart als »Geist des Danilo« im Finale gefeiert wurden.

Foto: Adrian Beck

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