#OutOfTheBox

11. September 2019 - 13:30 | lab binaer

Am Wochenende ging die Ars Electronica unter dem diesjährigen Motto »Out of the Box – The Midlife-Crisis of the Digital Revolution« zu Ende. Benjamin Stechele vom Augsburger Labor für Medienkunst LAB BINÆR berichtet für a3kultur vom Linzer Festival.

Seit 1979 bietet die Ars Electronica ein zu Hause für Visionär*innen verschiedenster Generationen und Fachrichtungen, die sich im Spannungsfeld zwischen »Kunst, Technologie und Gesellschaft« bewegen und dort Fragestellungen, Pointen, Lösungsansätze und Visionen zu den Themen der jeweiligen Zeit aufzeigen.

Wer auf »die Ars« fährt, braucht Zeit, Organisationstalent und Kondition! 500+ Events in 16 Locations an 5 Tagen sind eine klare Ansage an jede*n Besucher*in. Konferenzen, Vorträge, Workshops, Ausstellungen, Konzerte, Performances und Screenings sorgen für die nötige Abwechslung. 1.449 Künstler*innen und Wissenschaftler*innen aus 45 Ländern waren am Programm beteiligt. Mit rund 110.000 Besuchen ist die Ars Electronica 2019 auf ein noch nie da gewesenes Publikumsecho gestoßen.

Zum 40. Jubiläum stellte das Festival mit dem Motto »Out of the Box – The Midlife-Crisis of the Digital Revolution« die am Markt etablierten Methoden zur Gewinnmaximierung durch Kundenbindung mittels »digitaler Hundeleine« in Frage und zahlreiche »unbekannte Terrains« zur Horizonterweiterung in Aussicht. Details: ars.electronica.art/outofthebox/theme/

Eines von vielen möglichen Beispielen zur Veranschaulichung des Out of the Box-Spirits waren sicherlich die Auftritte von Ei Wada zusammen mit dem Linz Orchest-Lab (Foto oben). Mit ihren Instrumenten, die aus gebrauchter Consumer-Elektronik wie Röhrenfernsehern und Barcode-Scannern gemodded wurden, erzeugten sie rhythmische, elektronische Minimal-Bretter, die nach wenigen Takten den Vorplatz der Post City, der Main Venue des Festivals, zum kollektiven Schwofen animierten.

Ein weiteres, deutlich weniger publikumswirksames und trotzdem enorm relevantes  Beispiel war das »Projekt Alias« (Foto links). Ein Parasit, der sich über Amazons Alexa stülpt, um mittels eigens wählbarem Codewort sicherzustellen, dass der vermeintliche Assistent nur dann mithört, wenn sein Besitzer das auch explizit möchte.

Im neu gestalteten Ars Electronica Center, das ganzjährig als Anlaufstelle zur Verfügung steht, wurde anhand vielfältiger Beispiele erklärt, wie State of the Art-Innovationen funktionieren. Die Dauerausstellung zeigte, dass viel von dem, was in der Werbung als digitales Wunder propagiert wird, am Ende auch nur von Menschen entwickelt und mit natürlichen Grenzen versehen ist. Aktueller Schwerpunkt: die künstliche Intelligenz.

Für einen etwas breiteren, visuellen Eindruck der offizielle Link zur Best of-Bildergalerie: flickr.com/photos/arselectronica/sets/72157710106659441/
Und zum weiteren Eintauchen der offizielle YouTube-Kanal: youtube.com/playlist?list=PLKrmQr-thTw4JXY9FIOdEwq81GH_njIx9

Von einer Midlife-Crisis war während des Besuchs des Festivals also wenig zu spüren. Ein gutes Zeichen? Befindet sich die Szene also doch nicht in der Krise? Oder haben die Kurator*innen das selbstgewählte Thema verfehlt? Hätte zum Jubiläum auch schnell etwas depressiv werden können … Ganz im Gegenteil, das Festival hat damit bewiesen, dass es abseits vom Mainstream genügend optimistisch stimmende Strömungen gibt. Bleibt zu hoffen, dass es dem größten derartigen Event in Europa gelungen ist, auch den ein oder anderen Protagonisten des Mainstreams hinter dem Ofen hervorzulocken und zum Umdenken anzuregen. Anwesend waren immerhin einige, was nicht allen Veranstaltungen dieser Gattung gelingt, auch wenn das in den Konzeptpapieren oft anders beschrieben wird. 

Was die Organisatoren*innen zum Zeitpunkt der Themenwahl für das diesjährige Festivalmotto nicht vorhersehen konnten: Relativ zeitgleich zum Festivalstart sorgte das »MIT/Epstein-Debakel« in diversen Medien für Furore und abseits des regulären Programms für rege Diskussionen – unter Umständen ein erstes Anzeichen für eine weitere Midlife-Crisis abseits der Consumer-Märkte, direkt im Herzen von Wissenschaft und Forschung. Allgemein zusammengefasst geht es dabei um die ethische Zwickmühle in der sich wissenschaftliche Institute befinden, die einerseits der Notwendigkeit zur Finanzierung visionärer Forschung in Millionenhöhe hinterherrennen und andererseits dem ethischen Anspruch nachkommen sollten, Spenden aus illegalen Geschäften oder von dubiosen Geldgebern abzulehnen. Mehr zum Einstieg in den Themenkomplex und weiterführende Links finden sich hier:
theguardian.com/commentisfree/2019/sep/07/jeffrey-epstein-mit-funding-tech-intellectuals
newyorker.com/news/news-desk/how-an-elite-university-research-center-concealed-its-relationship-with-jeffrey-epstein
nytimes.com/2019/09/07/business/mit-media-lab-jeffrey-epstein-joichi-ito.html
medium.com/@lessig/on-joi-and-mit-3cb422fe5ae7

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