Packend wie eine Folge »Black Mirror«

12. März 2020 - 11:06 | Max Kretschmann

Mit »Waisen« gelingt dem Sensemble Theater ein Psycho-Drama im Stile eines Kammerspiels. Petra Wintersteller, Olaf Dröge und Heiko Dietz überzeugen durch ihre mitreißende Darstellung.

Nach der fatalen Gewalttat im Dezember 2019 am Augsburger Königsplatz und den Ereignissen von Halle und Hanau müssen wir uns fragen, welche Rolle Gewalt in unser aller Leben spielt. Obwohl sich unsere Gesellschaft in moralischen Fragen am liebsten als progressiv begreifen möchte, kommt es immer wieder zu Taten, die die tiefen Abgründe unserer ethisch vermeintlich reflektierten »Hochkultur« aufzeigen. Ein Begriff wie »toxische Männlichkeit«, der repressive und stereotype Tendenzen in aktuellen Männlichkeitsbildern beschreibt, scheint dabei nur eine Dimension der Lage darzustellen.

Anders als soziologische Theorien und politische Deutungen solcher Gewalttaten haben Kunst und Theater die Möglichkeit, sachlich Zusammenhänge aufzuzeigen, dabei aber auch auf emotionaler Ebene Situationen zu erproben und Hypothesen durchzuspielen, ohne sie immer gleich argumentieren zu müssen. Jörg Schurs Inszenierung von »Waisen« schafft es, die Frage nach der Gewalt in unserer Gesellschaft so atemberaubend zu stellen, dass die Zuschauer*innen in eine Ereignisspirale gezogen werden, bei der es höchstens in der (übrigens sehr gut gewählten) Pause ein Aufatmen gibt.

Die Story des Stücks ist schnell umrissen: Liam (Olaf Dröge) platzt blutverschmiert in das Esszimmer seiner Schwester (Petra Wintersteller), wo diese gerade mit ihrem Ehemann Danny (Heiko Dietz) ein privates Dinner hält. Er stammelt von einem blutenden, schwer verletzten Mann, den er gefunden habe, der mit einem Mal aus seiner Bewusstlosigkeit aufgewacht und weggerannt sein soll. Das Ehepaar ist in Alarmbereitschaft. Doch über den Verlauf des Stücks wird klar: So wie Liam die Geschichte am Anfang erzählt, kann sie nicht stattgefunden haben. So ringen die drei um die Wahrheit und das gemeinsame Vorgehen. Dabei bilden sich ständig neue Koalitionen und Konflikte innerhalb des Trios.

Die Zuschauer*innen tauchen ein in eine Story der urbanen Gewalt, die in ihrer düsteren Stimmung an einen Film Noir erinnert, sich aber so packend entwickelt wie ein Thriller – und das ohne je das Esszimmer des Ehepaars zu verlassen. Tatsächlich wirkt »Waisen« wie eine live dargebotene Episode der preisgekrönten Netflix-Serie »Black Mirror«. Es wird die Grundstimmung eines Erlebnisses erzeugt, das mit einer ungeheuren Rasanz aus einer scheinbaren Normalität heraus in eine prekäre Situation abrutscht. Verstärkt wird diese Psycho-Thriller-Atmosphäre durch den beklemmenden Sound von Lilijan Waworka. Die Figur des Junggesellen Liam wird so sprunghaft und wirr, in seiner Psyche so facettenreich-kaputt und problembehaftet von Olaf Dröge dargestellt, dass man schlicht von einer Meisterleistung sprechen muss. Doch auch Petra Wintersteller und Heiko Dietz lassen so gekonnte psychische Ambivalenzen und gebrochene Stereotypen in ihrer Charakterentwicklung durchblitzen, dass sie in ihrer Leistung keinesfalls hinten angestellt werden dürfen.

Durch das schlichte Bühnenbild eines modern-karg eingerichteten Esszimmers, das von Bauzäunen abgegrenzt wird, entsteht ein drastisches Bild von Innen und Außen – von (vermeintlicher) Harmonie und Chaos. Dabei versucht das Stück immer wieder alle Seiten der Lage zu betrachten. Probleme migrantischer Milieus werden ebenso aufgezeigt wie die rassistischen Grundzüge unserer »weißen heilen Welt«. Auch wenn das Stück mit Rollen und Rollenerwartungen spielt, kann Gewalt hier nicht als rein männliche Dimension verstanden werden. Immer wieder thematisiert die Figur der Helen eine »Blut-ist-dicker-als-Wasser«-Metaphorik, die ein »Wir-hier-drinnen« und »Die-da-draußen« erzeugt, das in seiner Drastik stark an die aktuelle Flüchtlingspolitik und die Lage an den griechischen Grenzen erinnert. Das Bühnenbild mit seinen Bauzäunen unterstreicht diese Metaphorik. Dabei wird u.a. die Frage danach gestellt, ob unterlassene Hilfeleistung nicht auch schon eine Gewalttat ist.

Einzig der Titel des Stücks mag ein wenig irreführend sein. Zwar handelt es sich bei Helen und Liam um Vollwaisen, deren Eltern in einem Feuer ums Leben gekommen sind, doch liefert die Vorgeschichte den Handlungen der beiden einen psychologischen Begründungsversuch, den es möglicherweise gar nicht benötigt hätte. Insbesondere weil die Figur des Danny keinen solchen Hintergrund zugewiesen bekommt. Er verbleibt in einer stereotypen Rolle, bis er von den abscheulichen Gewalttaten gebrochen und traumatisiert wird. Anstatt also eine gewisse psychische Grundkonditionierung aller Menschen vorauszusetzen (wie bei den Waisen), wird hier lediglich ein Stereotyp gebrochen. Allerdings stören diese Ungereimtheiten in keinster Weise. Stattdessen führt das Sensemble hier einen opulenten Psycho-Thriller mit viel Tiefe auf, bei dem es zu keiner der rund 100 Minuten langweilig wird.

Weitere Termine bis Ende April unter: www.sensemble.de

Weitere Positionen

1. März 2021 - 13:20 | Renate Baumiller-Guggenberger

Brechtfestival, Tag 3: fünf Autorinnen mit Auszügen aus ihren Werken, das Ehepaar Lina Beckmann/Charly Hübner mit »HelliBert & PandeMia« und zwei mitreißende Slampoet*innen.

28. Februar 2021 - 13:58 | Anna Hahn

Der zweite Abend des Brechtfestivals präsentierte unter anderem ein Konzert der »Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot«, Stefanie Reinsperger mit »Ich bin ein Dreck«, Corinna Harfouchs Kurzfilm »Fabriktagebuch/Die Mutter« und einen Beitrag von L-Twills zu Inge Müller.

27. Februar 2021 - 13:40 | Renate Baumiller-Guggenberger

Auftakt zu #digitalbrecht mit der Video-Adaption von Heiner Müllers »Medeamaterial«, Suse Wächters ersten Folgen des Hysterienspiels mit Puppen »Helden des 20. Jahrhunderts singen Brecht« und dem aus der Ukraine übertragenen Konzert des Frauenseptetts »Dakh Daughters«

25. Februar 2021 - 11:48 | Juliana Hazoth

Von Brecht bis heute: Hörspiele schaffen eine besondere Form der Intimität und können gesellschaftlich relevante Themen packend darstellen. Lesebedarf – die a3kultur-Literaturkolumne

24. Februar 2021 - 9:14 | Gast

Martyn Schmidt inszeniert auf seinem Album »kammerton a'a« den demokratischen Neubeginn nach 1945 als großartiges musikalisch-dokumentarisches Hörspiel. Von Gerald Fiebig

22. Februar 2021 - 15:13 | Anna Hahn

Das Staatstheater Augsburg zeigt in seiner Digitalsparte Einar Schleefs »14 Vorhänge« als Uraufführung im imposanten Bühnenbild.

22. Februar 2021 - 11:38 | Martin Schmidt

Der im Hirmer-Verlag erschienene Bildband »Klinger« tröstet über die größtenteils verhinderten 2020er-Jubiläumsschauen zum 100. Todestag des Bildhauers, Malers und Grafikers hinweg. Der Ausstellungskatalog: ein neues Standardwerk und Appetizer auf eine zu erhoffende Ausstellungsfortsetzung.

19. Februar 2021 - 14:04 | Bettina Kohlen

Bei »augsburg contemporary« geht das Projekt »Domestic Space« in die erste von drei Runden.

18. Februar 2021 - 9:30 | a3redaktion

Der Podcast »the ear in earth« präsentiert Audioculture aus Literatur, Poesie und Contemporary Classic

17. Februar 2021 - 6:40 | Gudrun Glock

Der Naturpark Augsburg – Westliche Wälder steckt voller Überraschungen. Einige kreative Macher*innen erschließen dieses Potenzial auf vielfältige Weise und lassen dabei ihrem Einfallsreichtum freien Lauf. Ein Interview mit Anja Dördelmann, Eva Liebig und Stephanie Schmid