Perspektivenwechsel, bitte!

2. August 2020 - 15:16 | Jürgen Kannler

Die Augsburger Politik ist nicht in der Lage, die Baukosten für den Umbau des alten Stadttheaters und den Neubau des Staatstheaters in seriöses Fahrwasser zu bringen. Die Neuabstimmung über das veraltete Konzept entschied die Schwarz-Grüne Rathausmehrheit für sich. Fest entschlossen, das Projekt voran zu treiben, wohin auch immer. Ein Kommentar von Jürgen Kannler

Die Augsburger Politik ist nicht in der Lage, die Baukosten für den Umbau des alten Stadttheaters und den Neubau des Staatstheaters in seriöses Fahrwasser zu bringen. Aus diesem Grund war für den 23. Juli eine Neuabstimmung über das veraltete Konzept im Stadtrat angesagt, die unsere schwarz-grüne Rathausmehrheit für sich entschied. Fest entschlossen, das Projekt voran zu treiben, wohin auch immer. Mit dieser Entscheidung sichert sich die Regierung die Option, die kulturelle Entwicklung unserer Stadt über Jahre zu verschleppen. Es besteht Grund zur Sorge, dass diese Option auch wahrgenommen wird. Das kulturelle Leben unserer Gesellschaft definiert sich nicht über einzelne Baumaßnahmen, so wichtig diese im Einzelnen auch sein mögen. Um die Komplexität der kulturellen Szenen, ihrer Aufgaben und Möglichkeiten zu erahnen, sind zuweilen Perspektivenwechsel angebracht.

Herzkammer

Unsere Kulturregion braucht das alte Stadttheater am Kennedyplatz. Es kann für unsere Gesellschaft keinen Grund geben, diesen Kulturort wirklich aufzugeben. Auch wenn die Kapriolen der Lokalpolitik seit Generationen suggerieren, nur dieses zu Ziel verfolgen zu wollen. Ein Ortstermin Mitte Juni auf der Baustelle Bauteil 1 – Großes Haus lässt einiges von den Möglichkeiten erahnen, die in diesem alten Theaterbau stecken. Einige dieser Optionen wurden in den Jahren vor der Zwangsschließung erlebbar: Dreispartenhaus, Festivalzentrale, Bühne für Popkultur, Literatur und Kabarett, Diskursort, Parkett für den Opernball und Party-Location.

Die Bürger*innen haben ein Recht, diesen Kulturort in bester Lage zeitgemäß renoviert, gut ausgestattet und offen für alle Szenen und Milieus, wieder in Gebrauch zu nehmen. Viele emp-finden den Bau als eine der Herzkammern unserer Stadt. Sie haben Lust, dort Theater, große Oper und Ballett zu erleben, aber auch, und wie gehabt, Künstler*innen wie Patty Smith, Django Asül, Ingo Schulze und Thomas Thieme oder Gastspiele des Berliner Ensembles.

 

Verwahrlosung

Der Befriedigung dieses Verlangens steht vor allem die anhaltend schlechte handwerkliche Planung und völlig unzureichende inhaltliche Betreuung des Projekts durch die Augsburger Politik entgegen. Die Verantwortungsträger*innen der Gegenwart stehen damit in peinlicher Tradition mit vorhergehenden Entscheidergenerationen. Die jahrzehntelange, systematische bauliche Verwahrlosung, zu verantworten von Politik und Bürgerschaft, aber auch den wechselnden Intendanten, gipfelte vor vier Jahren in der umstrittenen Zwangsschließung des Hauses durch Alt-OB Gribl, im Zuge eines sich seit Jahren hinziehenden Planungs- und Kommunikationschaos.

 

Rechenspielchen

Aus dieser Kopflosigkeit resultieren auch die völlig aus dem Ruder laufenden Kosten für das Projekt. Allein in den letzten vier Jahren hat sich der 2016 beschlossene Kostenrahmen von 186 Millionen Euro um rund 70 Prozent erhöht. Die skandalösen, von der Politik vorgetragenen Rechenspielchen haben Potenzial, das gesamte Bauprojekt (bestehend aus Bauphase 1 – Großes Haus und Bauphase 2 – Neubau) zu stoppen und endgültig zu Fall zu bringen. Die Opposition im Rathaus formiert sich, ein Bürgerbegehren zum Thema könnte den politischen Herbst dominieren. Folgt man dem Rechenbeispiel der schwarz-grünen Regierungsmehrheit im Augsburger Rathaus, können bis 2026 Rechnungen über satte 428 Millionen Euro auflaufen. (Das entspricht ziemlich genau der Summe, mit der die letzten beiden Stadtregierungen Augsburg in die Miesen getrieben haben.)

Doch wir leben in einem der reichsten Länder der Welt. Unter Umständen wären diese Kosten mit der bereits zugesicherten Hilfe der Staatsregierung zu stemmen. Dennoch wecken diese Summen den begründeten Argwohn all jener, die kommunale Kulturarbeit nicht nur im Bau von Leuchtturmprojekten sehen. So erzählt der fast noch druckfrische schwarz-grüne Koalitionsvertrag zwar von einem Bekenntnis der Regierung zur vereinbarten Sanierung des Großen Hauses, aber Mittelerhöhungen für die Kulturarbeit der freien Szenen und eine zukünftig faire Honorierung für Kulturschaffende im städtischen Auftrag werden dort nur angestrebt. Das ist alles in allem reichlich vage, zu vage.

 

Perspektivwechsel

Wie aber sähe die Situation aus, wenn wir die Position und damit den Blick auf das Thema einmal wechseln? Lassen wir uns in diesem Beitrag auf ein Planspiel ein, in dem Quartiersentwicklung und die Vernetzung unserer Kulturzentren ebenso wie der faire Zugang zu diesen behandelt und einige der allgemein bekannten Forderungen an die Kulturbaupolitik der Stadt aufgegriffen werden. Legen wir also für einige Augenblicke die Scheuklappen ab.Gehen wir also einmal davon aus, dass die Stadt den Kulturetat in Augsburg um jährlich 2,5 bis 5 Prozent erhöht. Das entspricht der städtisch akzeptierten Steigerungsrate im Baugewerbe. Gehen wir weiter davon aus, dass das Große Haus am Kennedyplatz (Bauteil 1) mit den bestätigten Kosten von rund 114 Millionen fertigge-stellt wird. Das Programm startet 2026 mit all den Inhalten, die beim sogenannten Bürgerbeteiligungsprozess um die Theaterlandschaft ermittelt wurden.

 

Theaterquartier

Bauteil 2 wird bei dieser Simulation nicht gebaut. Alternativen, die der sich wandelnden Stadtgesellschaft und ihren Bedürfnissen Rechnung tragen werden erarbeitet, unkalkulierbare Baukosten vermieden. Die Brache an der Kasernstraße kann auf Erbpacht einem seriösen Bauprojekt überlassen werden. Die Erlöse aus diesem Geschäft könnten in die dringend benötigte Entwicklung des Quartiers zwischen Theater, Grottenau, Neuer Stadtbücherei und Kinodreieck fließen. Hier könnte die Stadt neben ihrem Herzen auch eine Seele entwickeln. Eine Hausverwaltung wäre unter diesen Bedingungen der Intendanz des Staatstheaters nicht zuzumuten. Das Staatstheater wird im alten Theater privilegierter Mieter und die Verwaltung übernimmt ein Träger wie beim Erfolgsmodell Kongress am Park, bei dem Stadt und Staatstheater seit Jahren problemlos (mit den Augsburger Philharmonikern) kooperieren, wobei genügend Platz und Luft für andere Programm-Macher*innen bleibt.

 

Gaswerk

Das bliebe nicht ohne Konsequenzen für die gesamte Entwicklung der Kulturstadt Augsburg. Im Gegenzug der Streichung von Bauphase 2 wird am Gaswerk die schon in Teilen beim Ofenhaus bestehende Infrastruktur des Staatstheaters optimiert – diesmal bitte richtig (*siehe unten). Die Interimsspielstätte im martini-Park könnte fristgerecht geräumt werden. Dieser Umzug würde dem gegenwärtig stockenden Entwicklungsprozess des Gaswerkareals zur rechten Zeit einen wichtigen Schub geben. Schließlich soll das Kreativquartier zukünftig Strahlkraft im gesamten süddeutschen Raum entwickeln. Dorthin ist es noch ein weiter Weg. Bisher reicht die Strahlkraft kaum über Gersthofen hinaus. Doch das Beste kommt noch: Die Entwicklungs- und Baukosten blieben in der Familie, da die Immobilie der swa, einer hundertprozentigen Tochter der Stadt Augsburg, gehört. Einer Baugrundüberlassung zum symbolischen Preis auf Erbpachtbasis steht eigentlich nichts im Weg.

Damit nicht genug. Eine weitere Aufwertung würde das Gaswerk mit der Ansiedlung des schon lange geforderten Generaldepots und Werkstättenzentrums der Museen und Kunstsammlungen Augsburg erfahren. In dem Zusam-menhang sollte auch der Umzug des H2 aus dem Glaspalast auf das Areal diskutiert werden. Die bisherige Miete für die Hallen im Glaspalast ist grotesk hoch, der Ort aus diversen Gründen schlecht zu entwickeln und der Vertrag mit dem Besitzer läuft in den kommenden Jahren aus.So würde ein echtes Zentrum für Gegenwartskunst in Augsburg entstehen, das auch Anziehungskraft für den BBK und andere Galerieprojekte entwickeln könnte. In Verbindung mit den auf dem Gaswerkareal bestehenden Ateliers, dem Start des neuen Kulturparks West auf dem benachbarten BayWa-Gelände und der systematischen Ansiedlung von Clubs, Bars und Restaurants entstünde so ein Hotspot, dessen Strahlkraft über die Grenzen Süddeutschlands hinausreichen könnte. Welches Potenzial dieses Areal samt Scheibengaskessel für die Errichtung eines Römischen Museums haben könnte, mögen andere beurteilen.

 

Textilviertel

Die frei werdenden Kulturraumkapazitäten im martini-Park würden in Teilen von freien Kultur- und Programmmacher*innen besetzt werden. Das Sensemble Theater hat bereits Interesse angemeldet. Zudem könnte man sich weit schlechtere Orte für ein UNESCO-Welterbe-Informationszentrum zum Thema Wasser vorstellen als den von Kanälen durchzogenen Park einer ehemaligen Textilfabrik in Zentrumsnähe. Die Nachbarschaft zum Kultur-Triptychon aus tim, Stadtarchiv und archäologischem Zentrum sowie die gute Erreichbarkeit der Freilichtbühne (dem zweiten Planungs- und Kommunikationschaos in Sachen Theaterentwicklung in Augsburg) und der historischen Wassertürme an den Wallanlagen am Roten Tor machen aus diesen Orten ein weiteres, in sich geschlossen erfahr-bares Kulturquartier in der Stadt.

 

Wittelsbacher Park

Der Kongress am Park hat sich seit seiner Renovierung zu einem starken Kulturort entwickelt. Im Gegensatz zum Theater ist seine Renovierung eine Erfolgsgeschichte mit Nachhaltigkeitsgarantie, die auch die Augsburger Politik für sich verbuchen kann. Mit seinem Konzertsaal ist er das Stammhaus der Augsburger Philharmoniker. Die ehemalige staatliche Kunsthalle befindet sich in unmittelbarer Nähe. Sie wird heute von der Stadt als Depot genutzt, wäre aber eine diskussionswerte Alternative als Probenzentrum für das wichtigste Orchester der Region.

 

Konversionsflächen

Über die größte Parkanlage der Stadt ist das brachliegende Rosenaustadion zu erreichen. Auch dieser Ort steckt voller Charme und Potenzial. Keine zwei Kilometer entfernt befindet sich das einzigartige Parktheater. Ebenso nah, vom Kongress am Park aus gesehen, liegt der Bahnpark, das größte museale Freigelände der Region. Zum Kinder- und Jugendtheaterzentrum (in Entwicklung), dem Kulturhaus abraxas, kultureller Hotspot im benachbarten Stadtteil Kriegshaber, sind es gerade einmal drei Kilometer. Mit diesem städtischen Kulturzentrum auf dem Gelände der ehemaligen Reesekaserne und dem Gedenkort Halle 116 im fast angrenzenden She-ridanpark könnte die Stadt die angekündigte kulturelle Pionierarbeit in Sachen Quartiersentwicklung in diesen dank Konversionsflächen rasant wachsenden Vierteln leisten.

 

Positionsänderung

Ein Perspektivwechsel bedarf zuweilen einer Positionsänderung. Wagen wir in diesem Planspiel also einen Schritt zurück und betrachten den Stadtraum in Ruhe und mit etwas Abstand. Am besten legen wir dabei auch für einen Augenblick liebevoll gepflegte Vorbehalte und in Beton gegossene Positionen ab. Mit etwas Fantasie lassen sich nun die in dem Beitrag skizzierten Kulturorte als Perlenkette erkennen, die sich um das zentral gelegene Theaterquartier schmiegt. Wir sehen eine kulturelle Aufwertung der Innenstadt und eine Entwicklung der Quartiere über starke Zentren für Begegnung, Kunst und Kultur. Wir erkennen eine gerechtere Verteilung der Kulturzentren unserer Stadt als bisher. Manche werden mit diesem Abstand vielleicht auch die Möglichkeit einer rascheren Umsetzung und besseren Finanzierbarkeit der skizzierten Projekte erkennen. Andere nicht. Doch diese kann man ja versuchen weiterhin zu überzeugen, sofern sie bereit sind, in diesem Sommer für einen Augenblick auf ihre Scheuklappen zu verzichten und neue Perspektiven zu wagen.

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(* Wer wissen möchte, wie großes Theater zeitgemäß, termingerecht und im Kostenrahmen gebaut wird, kann sich auf der Homepage der Stadt München über den Bau des Volkstheaters informieren. Ein Generalunternehmer realisiert die neue Spielstätte samt Bühnenturm, Werkstätten, Gastronomie und drei Zuschauerbereichen zwischen 600 und 200 Plätzen in vier Jahren Bauzeit zu einem Preis von rund 140 Millionen Euro.

 

 

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