Politik & Gesellschaft

Pfingsten: Speaking in tongues

Martin Schmidt
15. Mai 2016

»Und sie wurden alle vom Heiligen Geist erfüllt und fingen an, in anderen Sprachen zu reden, wie der Geist es ihnen auszusprechen gab«, heißt es zu Pfingsten in der Apostelgeschichte. Ein kleiner Schleichweg in Stadtbergen neben der Burger-Sportbar »Fifty Fifty«, beginnend bei der Haltestelle »Stadtberger Hof«, führt zu einer Pfingstgemeinde, deren spiritueller Kern der Heilige Geist ist: der Church of Pentecost (CoP).

Hier, mitten im Wohngebiet, befindet sich seit 2013 das neue Gemeindezentrum. Hinter von Wertstofftonnen verborgenem Maschendrahtzaun steht ein flaches Gebäude mit dem Schuhkarton-Charme einer Industriegebietslagerhalle oder einer Kfz-Werkstätte. Der Eindruck reiner Funktionalität weicht beim Betreten des Gebäudes. Prägend ist ein weitläufiger, warm und freundlich wirkender Saal. Wohl 20 Meter breit, ist er mit grauem Teppichboden ausgelegt, die Stirnwand schmückt auf ganzer Breite ein schwerer, gerüschter purpurfarbener Vorhang. Gut 90 Stühle stehen, gepaart in zwei Reihenkolonnen, bereit. Durch drei Stufen ist eine die ganze Saalbreite einnehmende Bühne abgesetzt, die oberste Stufe verziert ein LED-Lichtschlauch, er leuchtet in wechselnden Farbphasen, in Pink, Orange, Gelb, Grün und Blau.

Paulinisch, aber modern: Neben Videobeamer sind Smartphones und iPads Bestandteile beim sonntäglichen einstündigen Bible Study und bei dem folgenden zweistündigen Gottesdienst: Man googelt Bibelstellen, liest Texte mit. Auch der Pfarrer, Pastor Osahene A. Boateng, ein kleiner, drahtiger Mann wird während Predigt und Abendmahl am Smartphone hantieren, ja sogar das Handy selbst für eine Parabel benutzen.

Die afrokulturellen Kodizes sind spürbar: Viele Besucherinnen tragen afrikanische Tracht (die Männer meist Anzug), die Lieder haben afrikanische Melodieführungen mit Wechsel- und Harmoniegesang, traditionelle Tanz-, Bewegungs- und Rhythmusfiguren prägen die Liturgie. Die Church of Pentecost (CoP), zu deutsch Pfingstkirche, hat ihren Ursprung und bis heute globalen Hauptsitz in Ghana, Westafrika. Der Staat an der Elfenbeinküste hat eine unglaublich hohe Zahl an Sprachen, verschiedene Quelle geben zwischen 46 bis über 100 an. So ist es Englisch, die Amtssprache Ghanas, die für die Verständigung unter den Mitgliedern der CoP sorgt. Zudem: Die Ghanaer sind in der Stadtberger Gemeinde in der Minderzahl. Die meisten Mitglieder stammen aus Nigeria und Togo, weitere aus Kamerun und Uganda. Für sie alle ist damit Englisch die gemeinsame Verständigungssprache.

Ist die CoP eine rein afrikanische Kirche? Eine Exilgemeinde? »We are an international church«, sagt mir eine Gottesdienstbesucherin, »anyone can come.« Pfarrer Boateng wird mir später antworten: »No, we are not a black church.« Der agile 56-Jährige wünscht sich gar eine deutsche Leitung, er will die Gemeinde integrieren. Sie zähle momentan zwei, drei deutsche Mitglieder weißer Hautfarbe. »But they are all married to Africans.« 

In the mighty name of Jesus

Der Gottesdienst wird von einer mehrköpfigen Live-Band plus Gospel-Sängerinnen begleitet. Die Predigt ist eine Ergriffenheitsperformance aus Körper, Stimme und Bewegung. Pastor Boateng spricht, ruft, skandiert, lässt seine Stimme in den Raum brechen; sie ist bestimmend, überwältigt und überwältigend, scharf und sanft, berührend und aufrüttelnd; Boateng sammelt alle Konzentration der Menge auf sich. Die Energie seiner Worte lässt er auf seinen ganzen Körper übergreifen. Er gestikuliert, schreitet, rennt, stoppt, macht Ausfallschritte, kniet, reckt sich, sein Bewegungsradius füllt die ganze Breite des Saals.

Immer neben ihm: seine deutsche Übersetzerin. Sie füllt seine Atempausen mit der Übertragung ins Deutsche, manchmal simultan zu Boateng; sie nimmt den expressiven Verve Boatengs in ihre Stimme auf. Sie und Boateng werden schnell ein psychomotorisches Duo, das sich mit Blickwechseln und in spiegelnder Körperrhetorik aufeinander einspielt. »Ich bereite meine Predigt zunächst vor«, wird Boateng mir erklären. »Dann bete ich darüber. Wenn ich dann im Gottesdienst stehe, überlasse ich alles Gott.«

Zeitgleich findet eine Sunday School für die Kinder statt. Diese gehen auch ein und aus im Erwachsenengottesdienst, bei dem sogenannte Ushers, eine Mischung aus Saalordner und Platzanweiser, für geordneten Publikumsfluss sorgen. Die Kinder miteinberechnet, zählt die Stadtberger CoP-Gemeinde 189 Mitglieder. Diese kommen alle aus der Großregion Augsburg; die nächste Gemeinde befindet sich in München. Im Schnitt kommen 85 Besucher zum Gottesdienst. Normalerweise besteht eine Gemeindeleitung aus sechs sogenannten Älteren (Elders), in Stadtbergen ist es ein Viererteam aus Pastor Boateng, einem Elder und zwei Deacons (Diakonen). Der Pastor muss seinen Lebensunterhalt aus den Spenden (Offerings) der Gemeinde bestreiten, die anderen arbeiten ehrenamtlich.

Boateng, verheiratet, drei Kinder, ist seit 2013 Pastor der Gemeinde. Er lebt seit 29 Jahren in Deutschland. 1986 floh er vor dem Militärregime in Ghana. Das Land zählt weit über 100 Völker, Boateng ist ein Akan Twi. Als CoP-Pastor bleibt er nur ein paar Jahre in einer Gemeinde, wechselt nach ein bis fünf Jahren in eine andere Stadt. Boateng war vorher in Hamburg, wo auch der deutsche Hauptsitz der CoP ist, davor in Frankfurt, Dortmund, Düsseldorf. In Düsseldorf hatte Boateng in der Textilbranche gearbeitet. Ein Bürojob. Bis ihn der Ruf Gottes erreichte. Er, der vorher kein Christ war, gründete daraufhin in Düsseldorf eine Gemeinde.

»Und ich hörte etwas wie die Stimme einer großen Volksmenge und wie ein Rauschen vieler Wasser und wie Rollen starker Donner« – von der Offenbarung 19,6 direkt nach Stadtbergen: Erst langsam, dann plötzlich findet man sich mitten in einem anschwellenden, meerartigen Rauschen aus Stimmen wieder; Murmeln, Rufe, englische Wortgebete und rhythmisch-melodische Zungenrede. Wie Perlen alle aufgefädelt auf einem Faden, der aus Boatengs mantraartig wiederholtem, beschwörendem Ruf »In the mighty name of Jesus!« besteht. Unter den Gemeindemitgliedern – sitzend, stehend, zirkelnd umhergehend – entlädt sich die Ergriffenheit in Gestikulieren, Tanzen, Ausrufen, spontanen Gebetsworten, Fingerschnippen, Singen und immer wieder tranceartiger Glossolalie, dem Speaking in tongues. Ein Gottesdienst – aus Stimme, Körper, Rhythmus, Bewegung, Klang.

Was ist, wenn neue oder auch alte Gemeindemitglieder nicht oder noch nicht in Zungen sprechen können? »We teach them«, lautet Boatengs einfache Antwort. »Wir lehren sie. Wir lehren sie, auf sich zu hören. Der Heilige Geist ist in unserem Inneren. Damit ist es einfach eine Frage der Fertigkeit. Man gibt sich selbst: Jedes Mal, wenn Sie beten, haben Sie Verlangen: Ich möchte in Zungen reden. Und eines Tages wird es kommen. Egal, ob man darauf beim Beten, Schlafen oder Baden wartet – irgendwann. Wenn du an Jesus glaubst: Your baptism will take over

Church of Pentecost Stadtbergen
Pferseer Str. 50, 86391 Stadtbergen

Pastor: Osahene A. Boateng
E-Mail: osaheneboateng@yahoo.de
Sonntägliche Bibelarbeit / Sunday Bible Study: 11:30–12:30 Uhr
Sonntagsgottesdienst / Sunday Meeting: 12:30–14:30 Uhr
Gebetstreffen / Prayer Meetings: freitags 7–9 Uhr und mittwochs 10–11:30 Uhr

Die CoP ist Mitglied im Bund freikirchlicher Pfingstkirchen (BfP). Weltweit bestehen 15.800 Gemeinden mit mehr als 2,1 Millionen Mitgliedern. Der globale Hauptsitz ist in Accra, Ghana, die Zentrale in Deutschland befindet sich in Hamburg. Die CoP gilt als am schnellsten wachsende Kirche in Ghana. Die Gemeinde in Stadtbergen ist Verwaltungssitz der sogenannten South Area (entspricht der Region Deutschland ab Frankfurt südwärts). www.copgermany.com


Die CoP ist eines von sechs Gotteshäusern, mit denen sich Reinhard Gupfinger im Rahmen seiner Artist-in-Residence-Zeit in Augsburg künstlerisch auseinandersetzen wird. Mehr Infos zum Projekt unter:
www.welcome-in-der-friedensstadt.de

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