Pionierarbeit

23. Juni 2016 - 14:59 | Jürgen Kannler

Das Auktionshaus Georg Rehm hat seine Geschäftsräume seit gut 30 Jahren im Textilviertel. Ein Interview mit dem Chef des Hauses.

a3kultur: Herr Rehm, wir haben uns in Ihrem Auktionshaus getroffen, um über das Textilviertel zu sprechen. Würde man den geografischen Mittelpunkt des Quartiers ermitteln, läge er wohl nicht weit von hier entfernt. Unmittelbar hinter Ihrem Grundstück befindet sich das tim und von Ihrem Eingang sieht man gegenüber in den martini-Park. Als Sie Ende der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts Ihr Geschäft in dieses Viertel verlagert hatten, wurde in den Fabriken ringsum noch produziert. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
Georg Rehm: Wir hatten damals unser Auktionshaus im Bleigässchen, also direkt in der Innenstadt. Die Geschäfte liefen trotz einer gewissen Konkurrenzsituation gut, gleichzeitig war die Raumsituation beengt. Wir mussten also dringend erweitern. Für mich war es wichtig, dass wir verkehrstechnisch gut erreichbar sind und das Gebäude einen guten, repräsentativen Eindruck macht. Zu der Zeit stand gerade eine der AKS-Direktorenvillen zur Vermietung, also haben wir zugegriffen, für uns passend umgebaut und waren mit der Entscheidung zufrieden.

Warum sind Sie einige Jahre später quasi über die Straße in dieses Gebäude hier gezogen?
Weil es zum Verkauf stand. Wir wollten ja eigentlich in der Villa bleiben und 1994 unseren Mietvertrag verlängern oder die Villa erwerben. Das war aber zum damaligen Zeitpunkt nicht möglich. Die AKS-Grundstücksgesellschaft, an der die AKS damals nur noch mit wenigen Prozenten beteiligt war, hat wohl befürchtet, dass wir als Eigentümer mitten im Gelände eine spätere Bebauung des Areals erschweren würden. Wenn Sie heute aus dem Fenster blicken, sehen Sie, dass die Entscheider in diesem Punkt falsch lagen. Die Direktorenvillen stehen heute noch, und ringsherum neue Wohnblocks.

Was befand sich früher in Ihren heutigen Räumen?
Das war einmal die Krankenkasse der AKS. Wir sind nun seit 1997 hier. Nach den vielen Jahren, die wir schon in den Standort investiert hatten, war es für uns wichtig, hier im Viertel zu bleiben. Wir wollten der Gegend treu bleiben, die unsere Kundschaft inzwischen kannte.  

Wie haben Sie hier die Stimmung in der 70er-Jahren erlebt, als eine Firma nach der anderen zumachte?
Es ist langsam ruhiger geworden. Zwar haben wir am Anfang noch die Streiks miterlebt, mit denen die Gewerkschaften für eine Weiterbeschäftigung kämpften, und auch die Freude der Menschen, als sie ihren vermeintlichen Sieg feierten. Aber ich dachte mir damals schon, dass das wohl nur ein Pyrrhussieg ist. Leider habe ich damit letztendlich Recht behalten. Kurz danach war dann Schluss. Es waren eben die letzten Atemzüge der Textilindustrie.

Hielt danach so etwas wie eine Depression Einzug im Viertel?
Nicht wirklich. Die Beteiligten waren wohl ganz gut auf die Situation vorbereitet. Es war den meisten vermutlich klar, was kommen würde.

Wie gefällt Ihnen das Textilviertel heute?
Ich finde es sehr angenehm. Es hat immer noch etwas Ursprüngliches. Mir gefällt das. Man findet hier zum Beispiel die unterschiedlichsten Unternehmen: große und kleine, Industrie, Handwerk und Künstler. An jeder Ecke tut sich was.

Wie haben Sie die Veränderungen des Quartiers erlebt?
Nicht nur positiv. Wegen der Umbauarbeiten hatten wir eine Zeit lang ernsthafte Probleme. Unsere Kunden kommen ja auch von weit her und verkehrstechnisch liegt hier noch einiges im Argen. Wir sind aber abhängig davon, dass unsere Kunden uns auch finden. Außerdem wäre es wunderbar, wenn einige von den Mauern und Zäunen, die das Textilviertel zurzeit viel zu eng parzellieren, fallen würden.

Sprechen Sie von der Idee, den martini-Park zu öffnen?
Nicht nur, aber auch. Solche Maßnahmen würden die Aufenthaltsqualität für die Besucher des Textilviertels enorm erhöhen.

Was bekommen Sie mit, wenn sich Ihre Kunden über das Textilviertel unterhalten?
Wer erst einmal hierhergefunden hat, dem gefällt es in der Regel auch.

Vor sechs Jahren wurde in Sichtweite von Ihrem Auktionshaus das tim eröffnet, vor zwei Jahren das neue Stadtarchiv und in einigen Jahren soll die Archäologische Sammlung der Stadt folgen. Wie macht sich eine solche Nachbarschaft für Sie bemerkbar?
Das tim war für das Textilviertel schon eine einschneidende Veränderung. Und wenn man als Auktionshaus neben einem Museum steht, ist das ja gar nicht mal so schlecht.

Was wünschen Sie sich für das Viertel?
Ich wünsche mir, dass die herrschende Vielfalt nicht komplett von neuem Wohnraum zugemauert wird und dass wir auch in Zukunft ein bisschen mehr Luft haben als in anderen Vierteln. Eine gute Atmosphäre ist wichtig, um sich wohlfühlen zu können, in mehrerlei Hinsicht. Man sollte deshalb auch an morgen denken und mehr für die Kunst und die Kultur tun. Auch im Kleinen.

Nächste Auktion: 30. Juni und 1. Juli
www.auktionshaus-rehm.de

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