Platzt die Bombe?

19. November 2018 - 10:01 | Renate Baumiller-Guggenberger

Premiere von Daniel Kehlmanns »Heiliger Abend« im Sensemble Theater

Die Uhr tickt bedrohlich… bringt Zuschauerpuls und Fantasie auf Trab. Kein Wunder, denn der Zeitmesser spielt an und in diesem fiktiven Heilig Abend – Daniel Kehlmanns »Stück für zwei Schauspieler und eine Uhr« – eine in der Tat bedeutsame Rolle. Das Premierenpublikum durfte am Ende des in 90 Minuten Echtzeit geschriebenen Kammerspiels, das auf der Studiobühne des Sensemble Theaters unmittelbare Nähe ermöglicht, insbesondere aber über eine Frage spekulieren: Platzt sie am Ende oder nicht, die Bombe? Gab es sie überhaupt oder war das alles (vorerst) nur »Bluff«, ein brisant-provokatives Gedanken-Manöver, um die Staatssicherheit zu aus der Reserve zu locken?

Sebastian Seidel hat das dramatische Verhör-Duell, das den Ermittler Thomas und Judith, die Philosophie-Professorin, an die Grenzen ihrer Belastbarkeit bringt, in Psycho-Thriller-Manier so authentisch in Szene gesetzt, dass dem Publikum fast durchgehend der Atem stockte. Judith, attraktiv, stolz und selbstbewusst, wird auf dem Weg zum Elternhaus aus dem Taxi heraus inhaftiert. Der Vernehmer konfrontiert die Tatverdächtige, die angelblich mit ihrem Ex-Mann für 24 Uhr einen Bombenanschlag plant, nicht nur mit den Details ihres Lebens, sondern auch mit der Kenntnis ihrer Doktorarbeit über Frantz Fanon und dessen Revolutionsmanifest. Er weiß alles über sie, hat mit seinem Team ihren PC samt belastenden Gewaltpamphleten gehackt. »Eine Meinung ist keine Tat«, behauptet Judith. Er beharrt auf Präzision, spielt sämtliche Verhörtaktiken aus, damit Judith ihren mitverdächtigten Ex-Mann Peter, der angeblich im Nebenraum befragt wird, belastet und er damit beide überführt, um das Attentat zu vereiteln.

Der bewusst limitierte Aktionsradius des schrägen, schmalen und rutschigen Bühnenstegs zwingt die beiden mehr als überzeugenden Darsteller Sarah Hieber und Johannes Haag zur körperlich eindringlichen Konfrontation. Ihnen gelang es in diesem Hochkonzentration erfordernden Drahtseilakt, die Schärfe der Dialoge, aber auch die parallel mitlaufenden »inneren Monologe« der beiden unter Hoch- und Zeitdruck stehenden Figuren darstellerisch intensiv transparent zu machen – aus diesen »Spielchen« gab es kein Entkommen! Der zunächst verbale Schlagabtausch zwischen Staatssicherheits-Vertreter und Systemkritikerin kippte bald um – es flogen die Fetzen und die Stühle, es wurde handgreiflich. Die emotionale Spirale von Unsicherheit, Verwirrung und Angst, Empörung, Wut und Aggression eskaliert, ohne das gewünschte Resultat zu bringen.

Kehlmanns »brand«-aktuelles Theaterstück wirft viele Fragen auf, verweigert aber recht geschickt konkrete Antworten. Judith doziert souverän über den Uranabbau in Niger oder den Nutzen der Dschihadisten für den Rechtsstaat, der die Terroristen als Begründung für sein abwehrendes Handeln nutzt. Sätze wie »Unter unserer Glasglocke herrscht Menschlichkeit, draußen herrscht Chaos« gehen unter die Zuschauerhaut, bohren sich gefährlich unter die Sicherheitsdecke unserer Selbstverständlichkeiten. Im Fokus steht die Verteilungsungerechtigkeit, die Willkür von Geheimdiensten, das Überwachungs- und Rechtsstaatsystem, stehen die komplexen Ursachen von Gewalt und Terror. Ein starker und fordernder Abend, dem langer Beifall folgte!

Weitere Termine:
www.sensemble.de

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