Poesie ist Widerstand

8. Dezember 2019 - 20:18 | Renate Baumiller-Guggenberger

Konstantin Wecker vereinnahmte seine Fans diesmal im Trio mit der Cellistin Fany Kammerlander und Jo Barnickel (Klavier), um endlich die ganze Welt zu poetisieren

Während am Nikolausabend draußen der Glühwein-Bär steppte, wehte drinnen in der ausverkauften Gersthofer Stadthalle auf der Suche nach dem Wunderbaren ein deutlich vernehmbarer Hauch von Weltschmerz und Schwermut durch die Luft. Das galt zumindest für den ersten Teil des aktuellen Programms, das Konstantin Wecker ganz nüchtern mit „Poesie und Musik mit Cello und Klavier“ übertitelte und gemeinsam mit der Cellistin Fany Kammerlander, die diesmal auch als Sängerin begeisterte sowie dem Pianisten Jo Barnikel präsentierte: Brillante Vollblut-Musiker alle drei, die sich seit vielen Jahren blindlings musikalisch aufeinander ein-und verlassen, die auf der Bühne als seelenverwandte Einheit wirken und dies auch in jedem Moment ausstrahlen. Großartig, wie Cello und Piano die gesungenen Liedstrophen instrumental illustrierten oder wie oftmals das melodiöse Finale vieler Balladen dem mitatmenden und ergreifend schön singenden Cello überlassen wurde!

Erstaunliche 72 Jahre jung, schien Wecker diesmal die kämpferischen Facetten ein wenig zurückzufahren. Dennoch bezog er mit seiner textlich aktualisierten Markenkern-Ballade vom „Willy“ zum Auftakt die bekannt politische Position links der Mitte und formulierte eindrucksvoll sein Entsetzen angesichts der AfD-Erfolge und der von ihr inspirierten, stumpfsinnigen und gegen Flüchtlinge hetzende „identitären“ Strömungen. Mit Inbrunst sowie einer guten Portion Demut schlägt das große Wecker-Herz im bekannten Takt noch immer für die Träumer und Versager, für die Utopisten und für all diejenigen, die es verstehen, dem fatalen Weltgeschehen zu widerstehen. Und Gott sei Dank noch immer ungebremst schieben sich die sanft-säuselnden Liebeslieder ebenso wie die gesellschaftspolitischen Stellungnahmen in Liedform, die zärtlichen Hommagen an vertraute Menschen wie „An die Kinder“ oder das Lied über die Unerklärbarkeit der Materie („Gefrorenes Licht“ widmete er dem 2014 verstorbenen Freund und Quantenphysiker Hans- Peter Dürr) aus der Tiefe seiner Seele.

Nahtlos verzahnte sich im Trio-Programm altbewährtes und neues Lied-Schaffen mit gelesenen Auszügen aus seinen Büchern oder auch der überraschenden Toneinspielung, in der er zuhause als leidenschaftlicher Knabensopran im Duett mit seinem Vater, dem Opernsänger, die „Traviata“ schmetterte. Wie in allen Konzerten verschmolzen Klang und Klage, Kritik und (Welt)-Krise. So geriet der Abend, an dem ihn seine Fans zu recht mit starkem, den Botschaften zustimmenden Applaus feierten, zu einer recht nachdenklichen Rück-und Innenschau auf das eigene Leben. Dies will, so spricht es aus seinem Liedtext, „lebendig sein“, lädt zum Tanzen und zur Freiheit ein, die den Gehorsam ausschließt. Weckers rückte seine sinnliche Begeisterung für die Poesie, oreintiert u.a. am romantischen Kunstprogramms eines Novalis ins Zentrum - für ihn eben das Mittel der Wahl, um Widerstand zu bekunden. Dichtend, sinnierend, moderierend, lesend, am Klavier sitzend oder stehend reflektierte er über das Scheitern ebenso wie über seine Freude aus den daraus erwachsenden Erkenntnissen. Seine von stetem Erfolg gekrönte musikalische wie literarische Kreativität und Produktivität berührte, bewegte und beeindruckte. Und sie färbt ab auf jüngere Künstler-Generationen, die an diesem Abend in Form seines „special guest“ zu Wort kamen. Die junge Sängerin Sarah Straub vermittelte solistisch und im Duo mit Wecker ihr eigenes sowie das Potential seiner zeitlos gültigen Kompositionen. Freuen wir uns, dass Wecker bei aller womöglich altersmilde gestimmten Weisheit auch „weiterhin fehlerhaft“ bleiben will. Die Energie dazu hat er, wie nicht zuletzt der traditionelle Zugabe-Marathon inklusive grandiosem Klavier-Improvisations-Duell bewiesen!

Wieder kam man an diesem abend in den Genuss eines Liedermacherfestes, ganz frei von „Marschmusik und Fahnen, ohne Waffen und Grenzen“ – wie es an einer Stelle des erneut mitreißenden und gemeinsam mit Pippo Pollina geschriebenen Liedes „Questa Nuova Realtà“ heißt.

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