Ein polyphones Unternehmen

27. September 2018 - 10:25 | Jürgen Kannler

Im tim führt Karl B. Murr, der Leiter des Museums, erfolgreich vor, wie der Spagat zwischen Technik, Geschichte und zeitgenössischer Kunst funktioniert und sich ein Haus dabei auch für verschiedenste Besuchergruppen öffnen kann.

Diese Erfahrungen bringt Murr in internationale Museumsnetzwerke ein. Im Oktober ist das Staatliche Textil- und Industriemuseum für zwei Tage Gastgeber einer Tagung, die von der Bayerischen Museumsakademie und der European Museum Academy zum Thema »Audience development for museums« organisiert wird. Ein Interview von Jürgen Kannler

a3kultur: Das tim verbindet in seinem Programm Industriegeschichte, Technik und Textilvergangenheit häufig mit zeitgenössischer Kunst. Gegenwärtig ist beispielsweise die Sonderausstellung »No Intention« von Koho Mori-Newton zu sehen. Wie funktioniert dieser Spagat?

Karl B. Murr: Ich finde, der Spagat funktioniert sehr gut. Zeitgenössische Kunst erlaubt uns sehr stark, Fragen aus der Gegenwart heraus zu formulieren, Diskussionen anzustoßen und zu stimulieren. Die zeitgenössische Kunst ist dabei nie Selbstzweck, sondern hat immer eine starke textile und soziale Dimension. Zum Beispiel wenn sie Themen wie Ungerechtigkeiten der Globalisierung und den daraus resultierenden sozialen Verwerfungen nachgeht und dabei den internationalen Kapitalismus hinterfragt.

Inwiefern profitieren Ihre verschiedenen Programmbereiche von diesem Konzept?

Wir haben letztes Jahr zum Beispiel ein Projekt mit dem Münchner Designer und Sozialkünstler Miro Krämer realisiert. Zusammen mit dem Goethe-Institut hat er sein Karatschi-Projekt initiiert, das sich um die Katastrophe eines Fabrikbrands dreht. Im Zentrum der Arbeit standen Opferfamilien. Wie geht man damit um, kann es eine Kompensation dafür geben? Was können Kultur und Kunst hierfür leisten? Das Projekt hat mit seinem künstlerischen Ausdruck an öffentlichen Plätzen in Karatschi stattgefunden, und das haben wir nach Augsburg geholt.

Wir haben dabei mit verschiedenen NGOs gearbeitet, die sich für Nachhaltigkeit in der Textilwirtschaft einsetzen, und haben so dieses Kunstwerk erweitert. Wir sind damit zum Beispiel einen halben Tag auf den Rathausplatz gegangen, haben Akteur*innen aus Kunstschulen in Karatschi eingeladen, haben mit Opfer­familien und deren Anwälten geskypt. Damit wollen wir Kunst, gesellschaftliches Engagement und museale Arbeit zusammenbringen.

Bei dieser Art der Herangehensweise prallen zuweilen verschiedene Vorstellungen eines Museumsbesuchs aufeinander. Im Gästebuch ist zum Beispiel zu lesen: »Haha, Punkte, Striche … das kann ich auch.« Diskutieren Sie mit Besuchern, die eine solche Meinung hinterlassen, wenn sich die Möglichkeit dazu ergibt?

Absolut, wenn mich jemand anspricht oder wenn jemand Gesprächsbedarf hat, unterhalten wir uns gerne. Es ist so, dass das tim ein polyphones Unternehmen ist, ein vielstimmiges Konzert. Da gibt es, wenn man so will, Symphonisches, es gibt aber auch mal Kakophonisches, es gibt Werke für Familie und Spezialisten. Neben solchen Kommentaren sind natürlich auch hymnische Lobeszeilen zu lesen. Zeitgenössische Kunst polarisiert. Es ist manchmal so, dass zum Beispiel die Formel von Einstein e = mc2 auch nicht jeder versteht, wir aber unterstellen, dass etwas Sinnvolles dahintersteckt. Und das unterstellen wir auch der Kunst.

Das tim ist aktiv in der internationalen Vernetzungsstruktur im Museumsbereich. Wie definiert sich dieses Engagement?

Dieses Engagement geht immer auf Personen zurück. Das sind sowohl Mitglieder aus meinem Team als auch ich selber. Oder es sind Netzwerke, zum Beispiel die European Museum Academy (EMA), in der wir einerseits assoziiertes Mitglied sind und wo ich andererseits persönlich im Ehrenamt verschiedene Aufgaben übernehme. Das ist alles kein Selbstzweck, sondern es geht darum, immer wieder neue Anregungen zu bekommen, neue Projektmöglichkeiten zu überlegen, neue Reflexionsvarianten, was ein Museum leisten kann und soll für eine Gesellschaft. Solche Fragen werden dabei debattiert. Es ist wichtig, sich international zu vernetzen.

Das heißt, durch diesen Austausch ergeben sich mittelfristig neue Perspektiven für die Besucher*innen?

Auch das. Wir diskutieren das Thema Partizipation schon lange, im Sinne einer gesteuerten Teilhabe von Besucher*innen am Museum bis hin zu dem analogen Spruch »occupy museums«: Wem gehört das Museum, das öffentliche Kulturgut? In einer avancierten Form tun das noch wenige Häuser, denn das heißt Souveränität abgeben. Man muss sich fragen, inwieweit man Teilhabe ermöglichen kann. In diesem Zusammenhang versucht das tim im nächsten Jahr einen progressiven Schritt, indem wir eine Ausstellung wesentlich von Akteur*innen der Augsburger Zivilgesellschaft kuratieren lassen. Wir beschränken uns in diesem Prozess auf die Moderation.

Ende Oktober ist das tim Treffpunkt für ein internationales Event der EMA und der Bayerischen Museumsakademie. Sie laden als Hausherr ein und Sie sind bei der EMA selbst aktiv. Um was geht es bei dem zweitägigen Event?

Es geht auf der einen Seite um einen Inhalt, der neudeutsch auch »audience development« genannt wird. Ein Inhalt, der nichts anderes meint als: Wie können Museen neue Besucherschichten erreichen? Schmoren sie sozusagen im eigenen Saft oder wie können sie zum Beispiel auch bildungsfernere Schichten erreichen? Wie können sie in einer migrantischen Stadt wie Augsburg verschiedene Kulturen und Ethnien an das Museum heranführen? Wo sind Schwellenängste, die man abbauen muss? Das ist das Motiv der Tagung.

Man lernt von den Erfolgen und Misserfolgen der Kollegen.

Auch das. Früher dachte man, dass Partizipation schon erfüllt ist, wenn man eine Ausstellung über die Arbeiterschaft oder die Ge­schichte des Baus macht. Heute geht man viel weiter. Wie binde ich die Menschen, die hier kulturell handeln, aktiver ein? Indem wir sie kuratieren lassen? Man fragt sich: Wie divers ist das eigene Personal aufgestellt? Museum ist ein Begriff, der Einheitlichkeit suggeriert. Aber er ist ein Dachbegriff für ganz verschiedene Institutionen, die nur noch den Namen gemeinsam haben: Da gibt es zum Beispiel ein Industrie-, Kunst-, Heimat- oder Freilichtmuseum oder Museen für Kuckucksuhren, Schuhlöffel etc. Das sind Formen kultureller Gestaltung, die viel Gelegenheit haben, voneinander zu lernen.

Sie sind auch im regionalen Museumsnetzwerk engagiert, beispielsweise wurden Sie als Mitglied des Kulturbeirats für den Bereich Museen berufen. Was wollen Sie im regionalen Kontext erreichen?

Wir verstehen uns als tim – obwohl wir ein staatliches Museum sind – nicht als exklusiv für nicht städtische Besucher*innen. Wir sind einer anderen Trägerschaft zugeordnet. Aber uns geht es zuerst um die Bürgerschaft der Stadt Augsburger, der Region Bayerisch Schwaben sowie Bayerns und darüber hinaus. Wenn man einen anderen Horizont aufzeigen und der Politik einen Rat auf den Weg geben kann, vor dem professionellen Hintergrund des Museummachens, mag die Politik sich davon anregen lassen oder nicht.

Für das kommende Jahr planen Sie ein Projekt, das in besonderer Weise in die Stadtgesellschaft hinein­reicht. Was hat es damit auf sich?

Das tim ist bei dem großen Ausstellungsprojekt »Augsburg 2040 – Urbane Utopien einer vielfältigen Stadt« mit dabei. Hier sind wir als Antragsteller mit einem größeren Antragsvolumen vertreten, das vor Kurzem den Zuspruch erhalten hat. Das sind in etwa eine Million Euro, die der Stadt zugutekommen und über das Büro für Migration, Interkultur und Vielfalt verteilt und in Projekte umgesetzt werden können.
 
Mit unserem Ausstellungsprojekt sind wir dabei, weil wir uns genau darum kümmern wollen: Mit sämtlichen Akteuren der Stadt zu agieren. Ab dem 6. Oktober werden wir eine Serie von zehn Workshops präsentieren. Dabei sind drei Teams, die drei große Ausstellungsbereiche partizipativ kuratieren werden. Es ist ein Projekt, bei dem »work and progress« nicht zu einem Ergebnis führen, sondern Teil der Ausstellung sein soll. Wir versuchen damit eine Resonanz in der Gesellschaft zu erzeugen. Das Projekt wird der Öffentlichkeit im Frühjahr nächsten Jahres vorgestellt


Die Herbstakademie 2018 der Bayerischen Museumsakademie und der European Museum Academy zum Thema »Audience development for museums« findet am 22. und 23. Oktober im tim statt. Aktuell zeigt das Haus noch bis zum 4. November die Sonderausstellung »No Intention« des japanischen Künstlers Koho Mori-Newton.

Am 16. und 17. November ist das tim Gastgeber des ersten art3kultursalons – ein Kongress mit Kommunikations- und Präsentationsflächen für Museen, Galerien, Kunstvereine, Sammlungen, Stiftungen, Bildungs­einrichtungen, institutionelle Partner, Kulturinitiativen, Verbände, Architekt*innen, Künstler*innen sowie Angeboten für allgemein am Thema Interessierte. Organisiert wird die Veranstaltung von der a3kultur-Redaktion. Weitere Infos hierzu unter: www.art3kultursalon.de

www.timbayern.de

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