Club & Livemusik

Pop im Datenstrom

Martin Schmidt
6. April 2016

Jochen Distelmeyer. Für die einen ist er insbesondere durch seine Blumfeld-Alben kanonbildender Held, fucking awesome Übergröße der einst durchgereichten »Hamburger Schule«, Sprechgesang-Poet of Consciousness. Für andere wiederum war damit spätestens beim kontrovers diskutierten Album »Old Nobody« Schluss. Zeugenbericht anno 1999, nach dem Konzert im Augsburger Kerosin (heutiges Glyzerin): »Der singt ja jetzt richtig.«

Singen. Am Samstag, 16. April, wird er das in Augsburg eine ganze Menge tun: Distelmeyer präsentiert sein neues Album »Songs From The Bottom Vol. 1«. Ein Coveralbum. Eine Akustikplatte. Lieblingslieder aus fremder Feder, zwölf englischsprachige Stücke aus dem Popkanon. »Mein System hat keine Grenzen« heißt ein Song auf vorher noch erwähntem Album »Old Nobody« – und, WTF!, das löst Old Distelmeyer auch hier ein: Er interpretiert, kapert, kapiert und überschüttet mit Liebe Songs von Britney Spears (»Toxic«) und Lana Del Ray (»Video Games«), konterkariert mit Covern von Kris Kristofferson, Al Green und Joni Mitchell. Crooner Distelmeyers Pathos und Vibrato sind Geschmackssache, fürwahr, besonders gelingen ihm aber Radioheads »Pyramid Song« und The Verves »Bitter Sweet Symphony« (wo die Stellen der Streicher gepfiffen werden). Damit zeigt Distelmeyer genau das, was Popmusik im besten aller Fälle  sein kann und ist: Fan-sein vom Fan-tum, Geborgenheitsvernetzung durch Zeichen, Referenzhölle und Community der In-Crowd-Herzen als Lebenselexier. Klingt fast besser wie Facebook. 

Und jetzt das noch: Distelmeyer will auch alte Blumfeld-Songs spielen. Ja cool. Einlass zum Konzert in der Kantine (Schwimmbad) ist 20 Uhr, Beginn 20:30 Uhr.

Mehr von Mehr

Harscher Szenenwechsel: Grzzzzlbzzz. Kronklk, Zzzzzzlk. Binäre Rechenkonglomerate, virtuelle Parallelwelten, Datenströme in Terageschwindigkeit. Abstrakt-Frickler Markus Mehr – er hat das Blumfeld-Land aus Pop und Song bereits vor Jahren verlassen – präsentiert am Donnerstag, 28. April (Soho Stage), zusammen mit der Videokünstlerin Stefanie Sixt sein neues Album »Re-directed«. Dieses klingt ein wenig, wie Faxgeräten beim Geschlechtsverkehr zuzuhören, zumindest aber wie WLAN-Routern beim Knutschen oder Kartenlesegeräten beim Atmen. Experimentell, atmosphärisch, abstrakt.

Markus Mehr greift hier auf das bewährte Aufnahmemittel Induktionsmikrofon zurück, mit dem sich die von E-Geräten erzeugten elektromagnetischen Felder hörbar machen lassen. Bei der Genre-Angabe zum Konzertabend schmunzelt sogar die vom Soho rausgegebene Pressemeldung: »A/V Performance / Soundart / Mal was Anderes«. Stefanie Sixt wird diesen Akustiktrip mit ihren abstrakten Bildwelten abholen, illustrieren und visuell erweitern. Die Supports des Konzerts, der arrivierte Augsburger Soundartist Gerald Fiebig mit der elektroakustischen Performance »Forbidden Transition« und Dominic Pavelt mit Bodypercussion, rücken den Abend in die Nähe eines kleinen Avantgarde-Festivals, gekrönt von Mehrs CD-Präsentation. Beginn: 20.30 Uhr.

Rampensau Sauserampe

Der Leser wird sich fragen: Wo aber kann ich hingehen, wenn ich meine Medikamente halt nicht so gern absetze? Oder wenn mir Distelmeyer zu softy-poppy-fühli-fühli ist? Die Antwort: Yeeh, yeeh, yeeeeh, zum geilen Burning Ramp Festival. Dieses Jahr kam sogar die Pressemeldung rechtzeitig und die Kolumne kann standesgemäß das coole DIY-Festival ankündigen, das am Samstag, 30. April, zum dritten Mal statt findet. Los geht’s kurz nach dem Aufstehen, 14 Uhr. Das Ganze ist eine Gemeinschaftsaktion des Vereins AWAKA und des Rollsportvereins Razed. Und was man auch wissen muss: 30. April ist Walpurgisnacht! Hex, Hex: Auf dem Gelände zwischen Ballonfabrik und der ehemaligen Skatehalle Bluebox wird wieder eine Outdoor-Skate- und BMX-Rampe aufgebaut, befahrbar ab dem frühen Nachmittag. Pünktlich um Mitternacht wird sie dann in einer Feuershow mit Feuerspuckern abgebrannt. Lagerfeuer spezial, kapiert eigentlich jeder und macht riesig Spaß.

Neben Graffiti-Action von Die Bunten e.V. und veganem Essen gibt es natürlich eine Breitseite hemdsärmeliger, szene-affiner Musik: Es spielen Svetlanas (KGB Trashpunk/Russland), Running Death (Technical Speed Metal), Chasing Sounds (Melodic HC/Punk) und als local Special Guest George and the Hämoriders (hihi). Außerdem gibt es Infotische von Viva con Agua (setzen sich für weltweiten menschenwürdigen Zugang zu sauberem Trinkwasser ein) und vom alternativen Haus- und Wohnprojekt Unser Haus e.V. Wie sagte schon der Dichter T.S. Eliot? »April is the coolest month.« Na ja, oder so ähnlich zumindest.

Foto: Sein System ist grenzenlos: Jochen Distelmeyer (Blumfeld) kommt am Samstag, 16. April, nach Augsburg. Und präsentiert sein Coveralbum »Songs From The Bottom Vol. 1«.

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