Positionieren

27. Dezember 2018 - 8:31 | Jürgen Kannler

Seit wenigen Monaten leitet Dr. Barbara Staudinger das Jüdische Museum Augsburg Schwaben. Ein Interview

a3kultur: Frau Staudinger, Sie zeigen hier in der Vorhalle zum Museum noch bis Ende Februar die Kunstinstallation »1933« von Ramesch Daha. Nach welchen Kriterien bitten Sie Künstler*innen, ihre Arbeit in Ihren Häusern zu präsentieren?

Dr. Barbara Staudinger: Die Qualität der Arbeit muss stimmen und diese muss zum Ort passen. Man sollte nicht gegen den Raum arbeiten. Diese Kriterien sind bei der Installation »1933« stimmig. Sie funktioniert hier gut, natürlich auch in ihrem inhaltlichen Kontext. Wir bespielen zwei grundverschiedene Orte: die Synagoge in der Stadtmitte, in der wir zusammen mit der hiesigen jüdischen Gemeinde ein Dach teilen, und die ehemalige Synagoge in Kriegshaber, einen sehr schönen Ort. Und sehr wichtig, das betone ich bei jeder Führung: Diese beiden Orte gehören zusammen, weil die jüdische Geschichte Augsburgs ohne die Geschichte der Landgemeinden nicht erzählt werden kann. Wenn ich nur die jüdische Geschichte Augsburgs erzählen müsste, dann würde ich sagen: Es ist eine Geschichte ohne Juden. Die Zeit, die viele als die goldene Zeit der Stadt bezeichnen, war eine Zeit, in der Juden nicht in der Stadt leben durften. Also siedelten sie sich mit ihren Familien vor den Toren der Stadt an. Die ehemalige Synagoge in Kriegshaber zeigt, dass es an vielen Orten wie diesen jüdische Gemeinden gab. Und die leere Synagoge zeigt, wie viel von dieser Kultur verloren gegangen ist.

Mit welchen Themen werden Sie sich im kommenden Jahr beschäftigen?

Wir gehen 2019 der Frage nach, wie fremd man in Deutschland sein darf. Dabei geht es zum Beispiel um Anpassungsdruck, den wohl die meisten auch aus eigener Erfahrung kennen. Wir diskutieren aber auch die Forderung »Desintegriert euch!«, um einen Buchtitel des Autors Max Czollek zu zitieren, und bearbeiten das Thema mit unterschiedlichen Formaten wie Slam, Tanz, Talk und Performance. Und wir feiern 2019 den fünften Jahrestag der Wiedereröffnung der Synagoge Kriegshaber, unter anderem mit einem Projekt vom »Zentrum für Politische Schönheit«.     
 
In welchem Verhältnis steht das Jüdische Museum zur Kultusgemeinde?

Ich kann nur über Menschen sprechen. Ich habe schon in meinem Bewerbungsgespräch gesagt, dass mir die Israelitische Kultusgemeinde sehr am Herzen liegt, und das habe ich auch genau so gemeint. Und warum? Nicht nur, weil wir uns hier ein Gebäude teilen, sondern weil wir letztendlich auch das gleiche Ziel haben.

Was glauben Sie: Welche Erwartungen haben die in unserer Region lebenden Menschen jüdischen Glaubens an Ihre Arbeit?

Diese Frage habe ich mir noch nie gestellt. Erwartungshaltungen sind nicht der Motor für das Museum. An wen adressiert sich das Jüdische Museum? Adressiert es sich an Juden und Jüdinnen oder adressiert es sich an Nichtjuden und Nichtjüdinnen? Ich würde sagen, an beide. Ich kann nur formulieren, was ich gerne für die Menschen hier machen würde. Ich glaube, und das ist meine tiefe Überzeugung, dass ein guter Museumsbesuch mit einer Enttäuschung beginnt. Warum? Ich komme hierher und finde nicht vor, was ich erwarte vorzufinden. Dann bin ich enttäuscht. Und wenn ich dann als Ausstellungskuratorin Glück habe, schaut sich der Mensch die Ausstellung an und hakt das Erlebte nicht ab. Dann habe ich die Chance, dass die Menschen sich wirklich öffnen und sich vielleicht auch auf etwas Neues einlassen. Mein Motor ist, das Judentum nicht zu exotisieren.

Dieser Tage war zu lesen, dass mehr als 40 % der in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden in jüngster Zeit persönliche Erfahrungen mit antisemitischen Anfeindungen machen mussten. Viele beschäftigen sich mit dem Gedanken an Auswanderung. Wie kann sich eine Einrichtung wie Ihre zu diesen dramatischen Entwicklungen positionieren?

Ich finde, man hat die Pflicht, sich zu positionieren. Eine unserer Reaktionen auf diese Verhältnisse wird Ende 2019 eine Ausstellung mit dem Titel »Die Stadt ohne. Juden Muslime Flüchtlinge Ausländer« sein, die wir derzeit mit dem NS-Dokumentationszentrum in München erarbeiten.

Es geht dabei auf der einen Seite um den schrittweisen Ausschluss von Juden und Jüdinnen aus dem gesellschaftlichen Leben im Deutschland der 1920er-Jahre mit einem Schwerpunkt auf der bayerischen Geschichte. Auf der anderen Seite geht es um das Hier und Jetzt. Die Angst, die ich niemandem nehmen kann. Ich selber habe genug Freunde, die in letzter Zeit antisemitische Erfahrungen machen mussten. Ich hätte, wäre ich Jüdin, auch Angst.

Als Leiterin des Jüdischen Museums finde ich die Sicherheitsmaßnahmen hier rund um die Synagoge vielleicht lästig, aber sie sind natürlich berechtigt, leider. In dem Moment, in dem der Antisemitismus immer stärker wird, wo viele unter antisemitischen Übergriffen leiden müssen, haben wir die Pflicht, wirklich laut zu sein. Das war vor fünf Jahren noch nicht so. Da haben die meisten jüdischen Museen gesagt: Antisemitismus ist eigentlich nicht unser Thema, weil Antisemitismus ja nur etwas über die Antisemiten erzählt und nicht über die Juden und Jüdinnen.

Mittlerweile ist aber klar, das wir uns positionieren müssen, und zwar mit unseren Mitteln. Also durch Ausstellungen, Projekte und Veranstaltungen. Wir müssen uns im Kampf gegen den Antisemitismus und im Kampf gegen jegliche Form von Rassismus und Ausgrenzung positionieren. Wir haben die Pflicht, laut darauf hinzuweisen, dass es auch immer mit kleinen Schritten begonnen hat. Ramesch Daha hat das in ihrer Installation »1933« sehr gut eingefangen. Am Anfang haben die Nazis Namen beseitigt, kurze Zeit später Menschen.

Am 20. Januar zeigen Sie das Stück »Bluatlech – Tragödie am Lechrain 1862«. Der Einakter von Martina Drexler entstand nach einer wahren Begebenheit auf Grundlage des Sachbuchs »Mord am Lech« von Yehuda Shenef – einem in Augsburg lebenden Historiker. Sie kooperieren bei diesem Projekt mit dem Kulturhaus abraxas, einer Einrichtung des Kulturamtes der Stadt. Wie erleben Sie die Kulturarbeiter*innen und Kulturorte unserer Region?

Ich habe die Menschen hier bisher als sehr aufgeschlossen und beweglich erlebt. Sie zeigen Interesse an dem, was wir machen, und bieten Kooperationen auf einer sehr kollegialen Ebene an. Das abraxas, als ehemaliges Offizierskasino der Wehrmacht ein Täterort, und das Jüdische Museum in einem gemeinsamen Projekt, das hat schon Potenzial, sich Gedanken zu machen. Davon abgesehen  empfinde ich ganz allgemein große Sympathie für die hier vorherrschende Melancholie der untergegangenen Reichsstadt.

www.jkmas.de

Foto: Severin Werner

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