Die Quadratur des Kreises

27. Januar 2015 - 8:51 | Jürgen Kannler

Die Stadt sucht nach einem neuen Konzept für die Mühle. Eine Analyse

Seit nunmehr zwei Jahren schleppt sich das einstige Kulturhaus Kresslesmühle durch eine Art Wachkoma. Die Gesellschafter der Betriebs-gGmbH waren nicht in der Lage, das Haus mit nationalem Renommee nach dem freiwilligen Ausscheiden von Geschäftsführer Hansi Ruile und dem nur bedingt freiwilligen Ausscheiden von Geschäftsführer Bert Schindlmayr auf Kurs zu halten. Eine geordnete Übergabe an Gabriele Spiller, die aus der Schweiz importierte Nachfolgerin der beiden alten Hasen, fand nie statt. Es scheint heute, als sei ein echter Neuanfang nicht gewollt gewesen. Einer längst fälligen, breit angelegten inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Zukunft der Mühle standen auch ein ruppiger Kommunalwahlkampf und die daraus resultierende Neubesetzung der für das Haus relevanten Schlüsselstellen in den Ressorts entgegen.

Frustriert verließ Spiller die Mühle, und von nun an hatten die Anwälte das Sagen. Mit York Gärtner wurde ein Branchenfremder mit der Geschäftsleitung betraut. Man kann dem Juristen immerhin zugutehalten, den Sturz ins Bodenlose für die Mühle mit abgefangen zu haben. Der Münchner Impresario und Branchenkenner Klaus Meier übernahm zeitgleich das Kabarettbooking. Das einstige Paradethema Interkultur wurde in der Mühle zum Niemandsland und die Kneipe schloss zum Jahresende ohne weites Wehklagen. Zum Glück organisieren Vivian Zameni und Anke Häusler weiterhin die verbliebenen Strukturen. Lediglich am Kinderhaus Kolibri schien der Sturm der Zeit vorbeizuziehen. Doch auch wenn sich die Mitarbeiterinnen der Einrichtung ohne Unterbrechung für ihre junge Klientel engagieren, gingen Stress, Unsicherheit und Ärger auch an ihnen nicht spurlos vorüber.

Es ist also höchste Zeit, einen neuen Rahmen für die Mühle zu schaffen, damit es in naher Zukunft nicht bald im gesamten Haus wie momentan nur in der Kneipe heißt: Leider geschlossen! Seit der Wahl ist der Grünenpolitiker Reiner Erben (Foto) nicht nur Referent für Umwelt und Nachhaltigkeit, sondern auch für Migration und Interkultur verantwortlich. Damit fiel ihm auch die Verantwortung für die Mühle zu. Das heißt, nicht ganz, sein ebenfalls neu ins Amt gewählter Kollege, der parteilose Kulturreferent Thomas Weitzel, darf die Sparte Kabarett verantworten.

Kurz nach den Winterferien lud Erben zum offenen Gespräch über die Zukunft der Mühle eben dorthin und viele kamen. Gemeinsam mit den anwesenden Vertretern der gGmbH verkündeten die Referenten, welche Punkte für die Zukunft der Mühle sie bereits als gesetzt sehen: 1. Die Gesellschafter kündigen den Vertag mit der Stadt fristgerecht im März. 2. Die Auflösung soll so schnell als möglich erfolgen und nicht erst im Sommer 2016, wie vertraglich vorgesehen. 3. Neue Chefin im Haus wird die noch zu benennende neue Leiterin des Büros für Migration, Interkultur und Vielfalt, das ebenfalls im März fünf Stellen stark seine neuen Räume über der AZ am Rathausplatz beziehen wird. 4. Das Kabarettprogramm läuft wie geplant bis zum Jahresende weiter. 5. Die städtischen Zuschüsse von momentan 190.000 Euro jährlich, die Etats für die Interkulturelle Akademie und das Festival der 1000 Töne nicht mitgerechnet, bleiben dem Haus erhalten. 6. Ein noch zu benennender Anteil davon wird zur Kabarettförderung aufgebracht. 7. Dieses Programm soll weiterhin von externen Veranstaltern in zwei Programmfenstern à 30 Tagen mit jeweils rund 20 echten Spieltagen im Haus zusammengestellt werden. 8. Das Kinderhaus Kolibri erhält einen neuen Träger. 9. Vereinen, Verbänden und anderen aktiven Gruppen aus Reihen der Bürgerschaft sollen die Räume der Mühle aktiv angeboten werden. 10. Die Kneipe wird nach einer Renovierungsphase neu verpachtet. 11. Für die notwendige Generalsanierung fehlt das Geld. 12. Was aus den Mitarbeitern der Mühle wird, ist unklar.

Nun waren alle Anwesenden dazu aufgefordert, ihre Positionen zur Zukunft des Hauses darzulegen. Es folgt eine Zusammenfassung der wesentlichen Wortmeldungen: 1. Programmmacher aus diversen Sparten rufen nach Planungssicherheit für ihre Termine und hinterfragen die zukünftigen Kriterien bei dieser Terminvergabe. 2. Alle Veranstalter kritisieren das bisherige Tarifmodell zur Anmietung von Räumen als zu teuer. 3. Der Betreiber des Kulturcafés Neruda hat sich um die Kneipe beworben und gilt den Wortbeiträgen der Entscheider nach auch als ihr Wunschkandidat. 4. Auch der Neruda-Wirt fordert Planungssicherheit und Zugriff auf die verschiedenen Räume der Mühle, um seine eigenen, sehr erfolgreichen interkulturellen Kulturprogramme weiterführen bzw. ausbauen zu können. 5. Die anwesenden Vertreter der Weltmusik beanspruchen in der Mühle in Zukunft zumindest eine Gleichsetzung ihrer Sparte mit dem Thema Kabarett in puncto Zeit- und Zuschussvolumen. 6. Die verbliebenen Macher der Interkulturellen Akademie wünschen sich im Haus eine Struktur und ein allgemeines Umfeld, das mit ihren Themen etwas anzufangen weiß. 7. Allgemeine Ansicht ist, die Mühle brauche wieder verlässliche Gesichter, sprich Personen, die verlässlich mit ihren Zielen und Aufgaben in Einklang stehen. 8. Die Mühle soll sich zum interkulturellen Zentrum entwickeln, ohne dabei die üblichen Klischees zu bedienen. 9. Welche Rolle kann die Mühle als Teil einer Kulturmeile in der Altstadt spielen, die sich aus Orten wie der Ecke Galerie, dem Grandhotel Cosmopolis, einem neu konzeptionierten Brechthaus und möglicherweise auch einer Stadtmetzg mit kulturellem Auftrag zusammensetzt? 10. Vor einem Neustart sollten die architektonischen Möglichkeiten des Hauses neu überdacht werden und die Ergebnisse in eine baldige Renovierung einfließen, deren Ergebnis in vielerlei Hinsicht barrierefrei sein kann. 11. Die Mitarbeiter der Mühle wollen wissen, wie sicher ihre Jobs sind. 12. Der Spagat zwischen der Behäbigkeit der Verwaltung und der Anarchie von Kulturschaffenden ist wie die Quadratur des Kreises. Darum sollte die Stadt nicht die Leitung der Mühle übernehmen. 

Reiner Erben hat zugesichert, diese Punkte zu prüfen und nach Möglichkeit in seiner zu erarbeitenden Vorlage an den Stadtrat für den 5. Februar zu berücksichtigen. Darüber hinaus stellt er sich weiterhin der Diskussion um die Mühle, wie zuletzt beim Treffen der Ständigen Konferenz in der Staatsbibliothek. Das sind zunächst einmal gute Nachrichten. Auch dass Erben und Weitzel einen runden Tisch zu diesem wichtigen Thema unkompliziert und transparent begleiten und moderieren, gehörte bisher nicht unbedingt zum politischen Tagesgeschäft in Augsburg. Beides kann als gutes Zeichen gewertet werden, dass sich auch in Augsburg langsam das Miteinander von Bürgern, Verwaltung und Politik zum Besseren verändern könnte. Am Ende wird wohl kein Konsens stehen können, bei dem es nur Sieger gibt. Doch alle Beteiligten sollten angehalten werden, trotzdem mit offenen Karten zu spielen. Dazu gehört auch die Nennung belastbarer Zahlen. Dass die Kabarettsparte in den letzten fünf Jahren defizitär war, wie beim Treffen von Gesellschafterseite behauptet wurde, darf in diesem Zusammenhang beispielsweise in Zweifel gezogen werden. Nach Informationen von a3kultur gab es in dieser Zeit zumindest eine Überschussrückzahlung von der Mühle an die Stadt Augsburg in Höhe von etwa 30.000 Euro, und zwar nicht zum Gefallen der Gesellschafter, wie zu vernehmen ist. Nicht nur dieser Vorgang sollte aufgearbeitet werden und das Ergebnis Eingang in die Neukonzeptionierung des Bürgerhauses Kresslesmühle finden. Dann könnte sie mit einigem Mut und dem nötigen Etat angegangen werden, die Quadratur des Kreises.

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