Klassik

Quietschend unkonventionell

Renate Baumille...
17. November 2019

Eigentlich fehlten nur noch die echten Schäflein auf der Bühne! Schnell zauberten die drei Sätze von Leopold Mozarts „Sinfonia pastorale“ ein sanft-wogendes Hirtenidyll vors geistige Auge. Mit dem an die Naturtonreihe gebundenen Alphorn rückte das Festkonzert zum Auftakt dieses im klassischen Konzertbetrieb seltene Blechblasinstrument in den Fokus. Im Italiener Carlo Torlontano hat es seinen virtuosen Meister gefunden, der sich von den spieltechnischen Tücken des Instruments wenig beeindruckt zeigte und mit den kammermusikalisch besetzten Augsburger Philharmonikern unter Leitung von GMD Domonkos Héja innig und harmonisch verschmolz.

Spannungsvoll erwartet wurde nach der Begrüßungsansprache von Kulturreferent Thomas Weitzel dann das Uraufführungs-Geschenk, das kein Geringerer als Pianist und Komponist Moritz Eggert in Form seiner „Silly Symphony“ dem Jubilar Leopold Mozart sowie der gut gelaunten Gästeschar im Kongress am Park überreichte. Eggert ist furchtlos kreativ und höchst angesagt, ein musikalischer Tausendsassa und zudem in Wort und Ton geistreicher Verfechter eines notwendigen Wandels in der Neuen Musik. Sein beachtlich umfangreiches Werk umfasst u.a. Opern, Ballett-, Kammer-, Vokal und Filmmusik, findet sich in den Spielplänen vieler Theater und Konzertbühnen und sorgt für Klang-„Furore“ und Hörer-Lust. Ganz ausgepackt, brachte die „Silly Symphonie“ auch (s)ein philosophisches Statement zum Vorschein: „Wir brauchen die Frechheit, um starre Konventionen und Obrigkeitshörigkeit zu überwinden“. Durchaus frech quietschte das Entlein zum Intro des mit „Cofveve“ überschriebene ersten von fünf Sätzen (ok – wer googelt, findet die Erklärung – es bezieht sich auf Trumps Twitter-Nonsense im Jahr 2017). Auch an der Plastiktrompete oder der Kinderorgel machte Eggert im Solisten-Trio mit seinen Mitspielern Iris Lichtinger und Johannes Gutfleisch „bella figura“, was offensichtlich volle Konzentration erforderte, um im Takt zu bleiben und das witzige Kinderspielzeug-Arsenal zu aktivieren. So zog sich das tolldreiste Rasseln, Tröten, Scheppern, Pfeifen und Sirren durch die gesamte Komposition und störte wie gewünscht ganz empfindlich den ziemlich seriös komponierten Orchesterpart. Als Zuhörer mutierte man unweigerlich zum Zuschauer, war nicht selten irritiert bis leicht genervt oder sinnlich überfordert, weil man irgendwie doch auch das musikalische Geschehen im Orchester schärfer wahrnehmen wollte. Das Eggert-Experiment schien gelungen: Die widerständige Würde alberner Klangerzeugung führte zur intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen Hörgewohnheit und einem unkonventionellen Konzerterlebnis. Im Saal wurde dies mit starkem bis schmunzelndem Beifall quittiert.

Den toppte nach der Pause der 1966 in Hamburg geborene und seit Langem weltweit gefragte Geiger Christian Tetzlaff mit einer außergewöhnlichen Interpretation des wenig populären Violinkonzerts in d-Moll von Joseph Joachim (1831-1907). Zu seiner Zeit ein berühmter Geiger, hatte Joachim sich in seinem zweiten Violinkonzert offensichtlich den Traum einer teuflisch herausfordernden Partitur erfüllt, die alle Register zieht, den Bogen fast „überspannt“, um das spieltechnische Vermögen auf den Prüfstand zu stellen und im Falle des Gelingens die Brillanz des Interpreten leuchten lässt. Tetzlaff, der immer ganz bei sich ist und völlig unprätentiös auftritt, durchdrang die Partitur so tiefsinnig und technisch souverän, dass Interpret und Instrument eins zu werden schienen. Die Anklänge ans „Ungarische“ wurden ebenso nobel wie subtil zitiert, so dass sich die tondichterische Essenz dieses feinen Konzerts gemeinsam mit einem von Tetzlaffs unfassbarer Virtuosität beflügelten Orchester „Allegro con spirito“ entfaltete. Der euphorische Jubel wurde mit zwei atemberaubenden Bach-Zugaben erwidert, die allein schon den Besuch des Festkonzerts wert gewesen wären.

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