Politik & Gesellschaft

Rabbiner in der 16. Generation

Iacov Grinberg
16. November 2015

Alles, was auf diese Welt kommt, hat auch sein Ende. Die Veranstaltungsreihe »Lebenslinien«, die 2002 durch das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben und das Sensemble Theater begonnen wurde und seinen Höhepunkt im Jahr 2014 mit den Erzählungen von Helmut Hartmann erlebte, kommt, so scheint es, zu ihrem Ende. Die Ursache ist einfach – die unbarmherzige Zeit. An den Veranstaltungen sollten die Zeitzeugen teilnehmen – und die Generation derjenigen, die die Nazi-Zeit im bewusstvollen Alter überlebt hat, lebt allmählich ab. Für die Veranstaltung am 8. November war als Zeitzeuge der reformistische Rabbiner Prof. Dr. Walter Jakob, der Sohn des letzten Rabbiners der Augsburger jüdischen Vorkriegsgemeinde, Dr. Ernst Jakob, Rabbiner in der 16. Generation, eingeladen. Er konnte dem Publikum aber nur wenig Wesentliches erzählen.

Walter Jakob wurde 1930 geboren und hat Mitte 1939 Deutschland verlassen. Seine Kindheit verbrachte er größtenteils in dem Gemeindegebäude in der Halderstraße. Im rechten Flügel lebte seine Familie, im linken war ein jüdischer Kindergarten (Juden konnten damals öffentliche Kindergärten nicht besuchen) und die jüdische Schule (zu seiner Schulzeit durfen die Juden allgemeine Schulen nicht besuchen). Die Kinder spielten im Hof hinter der Synagoge. Die Eltern schützten Kinder vor äußerlichen Ereignissen. Auch als der Vater nach der Pogromnacht verhaftet und in Dachau inhaftiert wurde, wussten die Kinder nur, dass er eine Zeit nicht zu Hause sein würde. Auch vom Brand der Synagoge am 8. November weiß er nur, dass die Kinder den Feuerwehrautos zuschauen wollten.

Das Gespräch bei dieser Veranstaltung behandelte meist die Person seines Vaters, Dr. Ernst Jakob. Dieser war aus einem rabbinischen Geschlecht, das sich allmählich von dem traditionellen, heute als „orthodoxer Judaismus“ bezeichnet, zum liberalen Judaismus und dem „wissenschaftlichen“ Erlernen der Heiligen Schriften fortbewegte. Er war ein Mensch mit großer gesellschaftlicher Verantwortung. Auch nach der Emigration pflegte er Verbindungen mit seiner alten Gemeinde, aus den USA schickte er zu den Feiertagen Rundbriefe an die Mitglieder „seiner Gemeinde in Zerstreuung“, wie er sagte, deren Adressen er kannte, und unterstützte sie mit Worten, was damals auch sehr wichtig war. Sein Sohn diente ihm damals als „Sekretär“ und tippte zahlreiche Kopien dieser Briefe mit einer Reiseschreibmaschine.

Nach neunmonatigem Aufenthalt in England, während dessem die Kinder Englisch erlernten, bekam die Familie ein Visum für die USA, wo sein Vater mit Hilfe von Verwandten eine Arbeit gefunden hatte. Dort in Amerika studierte und promovierte dann Walter Jakob. Er folgte der Tradition seiner Vorfahren und wurde schließlich ein Rabbiner nicht nur des liberalen, sondern schon reformistischen Judaismus.

In Deutschland und in Augsburg ist er kein Neuling. Er war schon 1985 hier, als er eine Rede bei der Einweihung der wiederhergestellten großen Synagoge hielt. Danach bemühte er sich, die Konfessionen liberaler und reformistischer Judaismus in Deutschland wieder zu beleben.

Diese Konfessionen wurden in Deutschland Mitte des 19. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts geboren. Im Nachkriegsdeutschland verschwanden diese Konfessionen, zusammen mit ihren Anhängern, deutschlandstämmigen Juden, fast ganz, und wurden durch den orthodoxen Judaismus, den die Displaced Persons (DP) aus Osteuropa mitgebracht hatten, ersetzt. Die DPs hatten als Kinder noch eine gründliche jüdische Ausbildung bekommen.

Im Jahr 1985 hatte Dr. Walter Jakob das noch so hingenommen, aber später kam seine Zeit. Die Kinder von DPs, die ihre Eltern in den Gemeinden nach und nach ersetzten, hatten fast alle zwar mit einer entsprechender Ausbildung „Bar Mizwa“ geschafft (mit 13 Jahren, analog einer Konfirmation bei Christen), aber einer nicht so gründlichen. Dazu kamen zahlreiche Migranten aus der Ex-UdSSR, die meist nur eine geringe Vorstellung vom Judentum hatten und diese meist auch nicht aufzubessern gedachten. Sie wollten etwas Judaismus, aber mit möglichst wenig Pflichten.

Zuerst lud nun Dr. Walter Jakob einige junge Menschen aus München in die USA ein, um ihnen dort den Reformjudaismus nahe zu bringen. Danach gründete er zusammen mit Prof. Walter Homolka das Geiger-College, das zahlreiche Rabbiner und Rabbinerinnen des konservativen und liberalen Judaismen schmiedet, und ihre Ordination in verschiedenen Städten organisiert. Obwohl die liberalen Gemeinden in Deutschland nur einen winzigen Prozentsatz ausmachen und so viele Rabbiner und Rabbinerinen gar nicht brauchen, hoffen die Gründer und Betreiber des Geiger-College mit Hilfe ihrer Absolventen die schwachen Kenntnisse des Judaismus in vielen traditionellen Gemeinden auszunutzen und dort so ihre Konfession etablieren zu können.

Hier kam auch die Diskrepanz zwischen dem christlichen Augsburger Publikum und der hiesigen jüdischen Gemeinde zum Vorschein. Die Gemeinde, ungeachtet aller Bemühungen des liberalen Rabbiners Dr. h.c. Heinz Brandt, lehnt eine Frau-Rabbinerin strikt ab und betrachtet sie als Oxymoron. Sie hat es verweigert, einer solchen Dame einen Platz für ein Praktikum in der Gemeinde und später ihre Ordination in der Gemeindesynagoge zu gestatten. Die „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit“ hat dagegen ausgerechnet diese Dame als Festrednerin für die Woche der Brüderlichkeit in Augsburg eingeladen. Im Gegensatz zur jüdischen Gemeinde hat diese Gesellschaft eine deutliche Neigung zum konservativen und liberalen Judentum.

Die Visite von Dr. Walter Jakob war daher nicht gerade einfach. Das christliche Publikum im vollen Augustanasaal bejubelte ihn. Dr. Jakob nahm an der Gedenkstunde am 9. November in der großen Synagoge und an Workshops mit einigen Schulklassen teil. Es gab aber kein Treffen mit den Mitgliedern der Gemeinde, immerhin der Nachfolgerin der Vorkriegsgemeinde seines Vaters, weder mit der Handvoll von Greisen, die noch die G-ttesdienste besuchen, noch mit der Jugend. Auch im Augustanasaal waren nur fünf Gemeindemitglieder da, die dort nach ihrer Dienstposition anwesend sein sollten. Von den anderen mehr als 1.400 Mitgliedern war niemand da, weder fast ungläubige (sogenannte Karteileichen) noch praktizierende Juden (es gibt in Augsburg auch solche). Schade doch.
(Iacov Grinberg)

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