Räume. Flächen. Breitwandspektren.

20. November 2020 - 10:40 | Martin Schmidt

Während der Corona-Pandemie gewinnen Stadthallen in der Region eine neue Bedeutung: Ihre Größe und Kapazität erlaubt ein hohes Besuchervolumen bei Einhaltung der notwendigen Distanzregeln. Ein Blick auf die Hallenkultur.

Nicht abseits von, aber flankierend zur Hochkultur der Metropolen bieten Stadthallen ein breitentaugliches kulturelles Programm: Tour- und Gastspieltheater, Kabarett, Konzerte, Sprechtheater, Musik-, Kinder- und Jugendtheater, Kleinkunst, Lesungen, Vorträge und Vereinskultur. In kommunaler Trägerschaft und teils als Mehrzweckhallen genutzt, sind sie bei der Stellung ihres Angebots subventioniert. Sie können coronabedingte Ausfälle vergleichweise besser auffangen als die freie Kulturszene. Und auch neue Wege gehen: Gersthofen erschließt sich durch proaktive Öffnung der regionalen Musikszene. Anderenorts finden in den Hallen nun zum Beispiel die Rehearsals städtischer Klangkörper oder die Jahreshauptversammlungen kultureller Infrastrukturträger, der Vereine, statt. In Friedberg und Neusäß sind die Hallen Ort von Stadtratssitzungen. Eingedenk der Einmietungen von Messen, Tagungen oder B2B-Veranstaltungen sind die flexiblen Variohallen Vernetzungsorte kultureller, wirtschaftlicher und politischer Infrastruktur.

Strukturförderprogramme und Bauzuschüsse sorgten in den 80ern bis hinein in die 90er-Jahre für den Bau von Mehrzweckhallen, sodass zum Beispiel innerhalb von zehn Jahren im Augsburger Umland zahlreiche Multizweck- bzw. Stadthallen aus dem Boden schossen, alle überwiegend aus den selben Fördertöpfen finanziert: Neusäß (1989), Schwabmünchen (1992), Bobingen (1993), Gersthofen (1995), Staudenlandhalle Markt Fischach (1996). Die Paartalhalle Kissing datiert sogar auf 1986 zurück. Nicht alle, aber zahlreiche Stadthallen, die insbesondere auch als Theaterveranstalter ohne eigenes Ensemble fungieren, sind Mitglied der Inthega, der Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen. Für diesen Markt aus Tournee- und Gastspieltheater verwendet die Inthega (gegründet 1980, Hauptsitz: Ludwigsburg) eine schöne Formulierung: »Theater in der Fläche«.  

»Das ist in der DNA aller Stadthallen«, sagt Sebastian Kochs: »Viel können für eine möglichst breite Schicht an Bürgern.« Kochs ist bei der Stadthalle Gersthofen zuständig für PR und Öffentlichkeitsarbeit. Der Netzwerker der Kulturstätte im Norden Augsburgs bringt damit Credo, Auftrag und Philosophie bundesdeutscher Stadhallenkultur auf den Punkt: Bewusst viele Menschen ansprechen, Mehrzweck im Kulturbereich, regionales Kulturboosting. Das ist der Grund, warum diese kommunalen Kulturstätten subventioniert werden: Die Gemeinnützigkeit ist breit, niedrigschwellig, bürgernah vor der Haustür.

GERSTHOFEN Kultur-Hubbühne Nord

Die Stadthalle Gersthofen feiert heuer ihr 25-Jähriges, ging also 1995 an den Start. Los ging es aber schon im Vorfeld, und das sehr planvoll. Bereits ab September 1994 begannen Helmut Gieber und Haldis Weng (vorher: Stadthalle Neusäß) Veranstaltungen zu machen, um der kommenden Kulturstätte den Weg zu bereiten. Zwar noch ohne Stadthalle, aber eben unter dem Emblem Stadthalle. Entsprechend der Name des damaligen Programmhefts: »Kultur im Bau«. Im neuen City Center, das gleich nebenan knapp vor der Stadthalle errichtet worden war, veranstalteten sie ein Musical – mit dem passenden Namen »Supermarkt«. In der Sporthalle gab es erste Konzerte, um auf die spätere Stadthalle einzustimmen. Auch den Technischen Leiter holte man sich bereits 1994, samt seinem Know-how aus dessen früheren Arbeitsfelden Münchner Gasteig oder Augsburger Messe.

Heute hat die Gersthofer Stadthalle – mit Features wie Load-in Rampe, mit drei Tonnen belastbarem Aufzug und State-of-the-Art Line-Array-Anlage – gut 200 Veranstaltungstage im Jahr (Corona nicht miteinberechnet), mit im Sommer einer Pause von etwas sieben Wochen, die der Hallen-Maintenance  dienen. Ein besonders spannendes Alleinstellungsmerkmal der Stadthalle Gersthofen? Sebastian Kochs muss nicht lang überlegen. Im Erdgeschoss der Stadthalle – der Veranstaltungssaal mit maximal 913 Sitzplätzen befindet sich im ersten Stock – ist, so Kochs, »ein ziemlich vogelwildes Hubboden-Konstrukt« eingebaut. Tatsächlich: Per pressluftbetriebenem, pfeilerartigem Hubstempel kann der gesamte Saal auf- und abgefahren, der Boden von unten verändert, gestuft und terrassiert werden. Alles simpel mit einer kleinen, smartphone-großen Fernbedienung. Dies erlaubt die Durchführung von zwei Veranstaltungen am Tag. Vormittags IHK-Prüfung, abends Konzert – kein Problem. Einmal ebenerdiges Setting, mit Stühlen und Tischen, einmal terrassierte Saallandschaft mit angehobener Bühne. Alles vergleichsweise schnell umgebaut.

Neben dem Kulturprogramm finden in der Stadthalle zum Beispiel ebenso IHK-Prüfungen und Steuerseminare statt wie komplett aus der lokalen Vereins- und Kulturszene gestemmte Veranstaltungen – wie etwa das Faschings-Highlight der »Kol-La«. Jeder Kulturverein hat das Anrecht, ein Mal im Jahr in der Stadthalle eine Veranstaltung zu machen. Einen spannenden Öffnungsprozess durchläuft die Halle gerade im regionalen Livemusik-Bereich.

NEUSÄß – Pionier, Role-Model, Mutter

Die Mutter, ja regelrechter Blueprint regionaler Stadthallenkultur ist Neusäß. In einem Schwung mit dem neuen Rathaus gebaut, wurde die neue Kulturstätte zum Festakt der Stadterhebung im Jahre 1988 eröffnet. Damals noch als Mehrzweckhalle für Vereine und örtliche Kulturträger, schnell rückte aber die Nutzung für ein überregional gespeistes Kulturprogramm ins Zentrum der Überlegungen. Relativ bald wurden die Bühnen ausgebaut, der technische Standard erhöht. 1989 startete man mit 18 Veranstaltungen im Jahr. Es war das erste Mal, dass außerhalb des Augsburger Stadtgebiets, aber direkt vor den Toren der Fuggerstadt ein Kulturort entstand, der auch einer Subventionierung unterstellt war.

Relativ konkurrenzlos startete hier im »Speckgürtel« ein Role-Model lokaler Stadthallenkultur, mit Argusaugen beobachtet und analysiert von der Nachfolgegeneration, zudem lange bevor in Augsburg vergleichbare Stätten wie das Parktheater (1995), das Kulturhaus abraxas (1995/96) oder etwa das Reese-Theater (um 2000) ihre Tätigkeit begannen. Die Programmmacher entlieh sich die Stadt aus der eigenen Verwaltung: Helmut Gieber und Haldis Weng. Sie hievten die Neusäßer Stadthalle in kürzester Zeit auf die kulturelle Landkarte unserer Region. Höchst erfolgreich mit einer Außenwirkung bis in die Stadt Augsburg hinein: Ikonen des damaligen ernsthafteren Kabaretts wie Hanns Dieter Hüsch oder Dieter Hildebrandt gaben sich in Neusäß die Klinke in die Hand, mit einem Publikumszustrom sondergleichen.

1991 startete man mit dem Angebot eines Theaterabonnements. Hier fand das Programm auch zunehmend sein Profil: Tourneetheater, Gastspiele von Landestheatern, aber auch Kabarett. Insbesondere, als im Umland weitere neue Stadthallen nachwuchsen, schärfte man hier das Profil, den Fokus auf anspruchsvolle, gleichzeitig unterhaltende Stücke. Heute hat die Stadthalle – in coronafreien Zeiten – durchschnittlich im Jahr rund 35 Kulturveranstaltungen nebst seinen Vermietungen, coronabedingt gibt es momentan sehr viele Anfragen als geräumige Ausweich-Veranstaltungsstätte. Die Hallenbelegung ist hoch, hinzu kommen die in die Halle verlegten Stadtratssitzungen.

Seit 1. Juli 2020 steht die Stadthalle mit ihren maximal 633 Plätzen unter der Ägide von Veronika Wanninger, neue Leiterin des Kulturbüros. Sie beerbt Annelie Bronner, die diese Stelle seit 1994 innehatte. Wanninger, gebürtige Gersthoferin, hat vorher für die Bayerische Staatsoper München und die Oper Frankfurt in der kulturellen Strategieberatung gearbeitet, war Galerieleitung in Zürich und München und auch beim Tollwood-Festival tätig. Sie zeigt sich begeistert von einem Alleinstellungsmerkmal, das man sich in der Stadthalle Neusäß erarbeitet hat: Koproduktionen. Von Regisseuren konzipierte, teils auch schon aufgeführte Stücke werden an die Neusäßer Halle angepasst, Requisite und Bühnenbild vor Ort selbst gebaut und die Neusäßer Bürger*innen miteinbezogen. Bestes Beispiel: Zum zehnjährigen Jubiläum wurde für das Stück »Titanic« die Stadthalle komplett umgebaut. Nicht nur der Veranstaltungsraum wurde genutzt, sondern die Tiefgarage und der Vorplatz einbezogen, Neusäßer Bürger*innen stellten historische Oldtimer oder bildeten den Titanic-Chor.

BOBINGEN Groß im Süden

Die Bobinger Stadthalle wurde 1993 eingeweiht, nach gut zwei Jahren Bauzeit. Und, was bei Stadthallen auch andernorts recht üblich zu sein scheint, nach langer Planungsphase und Standortdebatten. 1979 hatten Stadträte ein erstes Raumprogramm entwickelt – ein Teenager-Alter später war es so weit: Die Singoldhalle, ein Meilenstein in der Stadtgeschichte und ein 16-Millionen-DM-Projekt, wurde feierlich eingeweiht. Zugleich war sie ein Geburtstagsgeschenk zum 1.000-jährigen Bestehen Bobingens in 1993. Mit Erfolg: In den ersten 25 Jahren (also bis 2018) lockte das Kulturzentrum in den Singoldauen rund 1,3 Millionen Besucher an. Gleichzeitig mit der Singoldhalle entstand das Kulturamt, das zur Eröffnung erstmals ein städtisches Kulturprogramm für Bobingen erarbeitete. Vermietung, Verwaltung und Betrieb der neuen Stadthalle ergänzten das Aufgabengebiet.

Philosophie und Credo des Bobinger Kulturplayers umriss Kulturamtsleiterin Elisabeth Morhard im Jubiläumsjahr 2018 mit: »Ob Konzertbesucher, Kursteilnehmer, Kindergartengruppe oder Kabarett-Star, hier ist jeder willkommen, unsere Besucher und Kunden sollen sich wohlfühlen und gerne wiederkommen.« Neben dem Kulturprogramm finden in dem Gebäude (556 Sitzplätze in Reihe) Vereinsversammlungen, Tagungen, Schulungen, Vorträge, Messen, Prüfungen und vhs-Kurse statt. Und aktuell – siehe Corona –  Stadtrats- und Ausschuss-Sitzungen.  Zurzeit befindet sich in einem Seitentrakt bis zur Fertigstellung eines Kindergarten-Neubaus sogar vorübergehend eine Kinderkrippe.

FRIEDBERG Kultur in D-Mark-Zeiten gebaut

Lenkt man den Blick ins Wittelsbacher Land, findet man hier eine Stadthalle, die dann doch wesentlich älter als jene in Neusäß ist: die Max-Kreitmayr-Halle in Friedberg, eröffnet 1977. Damals noch als Dreifachturnhalle und Schwimmhalle (diese interessanterweise im Untergeschoss).  Deswegen ist die Friedberger Kulturstätte sicher die einzige Stadthalle, in der auch eine Sauna eingebaut ist. Und dazu noch: eine kleine Gastronomie. Der heutige Leiter der städtischen Kulturabteilung Frank Büschel kann sich erinnern, wie er als kleiner Bub damals 1977 bei der Einweihungsfeier dabei war. Als Highlight zur Eröffnung war der US-amerikanische Weltklasse-Schwimmer Mark Spitz eingeladen (der bei Olympia 1972 in München neun Goldmedaillen abgeräumt hatte) – und nun durch seine Besuch die Schwimmhalle adelte.

Der Halle als Komplex angeschlossen sind Grund- und Mittelschule, entsprechend haben Schul- und auch Vereinssport Vorrang. Hierfür gab es einen zweckgebundenen Zuschuss von 1,7 Millionen D-Mark der Regierung von Schwaben. Der ganze Apparat zeitigte einen Kostenumfang von knapp 8 Millionen D-Mark, sprich über 4 Millionen Euro. Auch hier in Friedberg gab es eine lange Planungs- und Debattenphase: Beschluss 1970, Standortfestlegung 1973. Ihren  Namen erhielt die Halle im Andenken an Alt-Bürgermeister Max Kreitmayr, in dessen Amtszeit (1968–1978) die Bauzeit der Halle fiel.

Die Jahresmenge kultureller Veranstaltungen ist über Jahre hinweg in der Regel an zwei Händen abzuzählen. Heute insbesondere auch deswegen, weil das Schloss als zentrale und schöne Kulturstätte hinzutrat. Wird aber die 400er-Besuchermarke überstiegen, kommt bei Veranstaltungen klar die Max-Kreitmayr-Halle ins Spiel; erst recht, wenn der finanzielle Break-even bei prominenten Acts erreicht werden soll. So gab und gibt es immer wieder größere Konzerte und Kabarett (Erwin Pelzig, Bruno Jonas) in der Stadthalle, im Dezember soll aber auch zum Beispiel wieder eine Tattoo Convention stattfinden. Für 800 Personen ausgelegt, sind in Coronazeiten bei verschiedenen Hygienekonzepten 150 bis 220 Personen möglich.

Foto oben: Stadthalle Gersthofen, © Frauke Wichmann

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