Rathaus im Taschenformat

3. Juli 2018 - 0:56 | Iacov Grinberg

Am 3. Juli wurden in Anwesenheit von vielen Beteiligten und Pressevertretern die »Rathaus-Taschen« vorgestellt.

Vier verschiedene Typen von Taschen wurden aus der 1.200 qm großen Baufolie, die vierfarbig bedruckt die Westfassade des Augsburger Rathauses während der Sanierung tarnte, hergestellt. Die Idee der Wiederverwertung der schon ausgedienten Folie stammt vom Direktor der Regio Augsburg Tourismus GmbH, Götz Beck, der den Touristen eine Möglichkeit geben möchte, ein authentisches Objekt, das mit dem Rathaus verbunden war, zu erwerben. Man kann sich nur wundern, wie viele Ideen er nicht nur generiert – das machen viele – sondern auch erfolgreich verwirklicht! Die Idee entstand während eines Gesprächs mit Natalija Ribovic, Künstlerin, Modedesignerin und Kunstförderpreisträgerin der Stadt Augsburg. Sie wurde beauftragt, das Design der Taschen auszuarbeiten, die Herstellung übernahmen die Dominikus-Ringeisen-Werkstätten in Ursberg, die Menschen mit Behinderung beschäftigen.

Die berühmten russischsprachigen Schriftsteller Brüder Strugazki schrieben, dass es drei Arten der Berichterstattung gibt: der »Laborant« beschreibt den Verlauf eines Ereignisses mit allen Details, der »Künstler« seine Gefühle bei diesem Ereignis, der »General« erfasst das Allgemeine und schätzt Platz und Bedeutung dieses Ereignisses ein. Da alle Medienvertreter die beteiligten Personen fotografierten, erwarte ich von ihnen weitestgehend eine »Laborant«-Berichterstattung. Für eine »Künstler«-Berichterstattung bin ich nicht genug Künstler, so versuche ich also die dritte Art.

Dem gesellschaftlichen Trend der Integration von Menschen mit Behinderung und von Recycling zu folgen, ist nur zu begrüßen. Die Idee, in eine neue Verwendung eines ausgedienten Materials seine ursprüngliche Bestimmung einzuflechten, ist schön und neu. Es gibt viele Menschen, die authentische Erinnerungsobjekte kaufen möchten, der Preis der Taschen für Unikate ist nicht relevant. Was an der Sache stört, ist eine schwache Beteiligung der Stadtgesellschaft. Dass sich das Interesse von Herrn Beck auf Touristen richtet, ist vollkommen nahe liegend. Wo aber war die Stadtverwaltung? Es wäre eine exzellente Möglichkeit gewesen, die Stadtgesellschaft in diese Sache einzubinden. Es gibt in der Augsburger Fachhochschule viele angehende Designer verschiedener Richtungen, warum hat man sie nicht einbezogen, nicht einen Wettbewerb mit einer Auswahl durch ein breites Publikum ausgerufen?

Natalija Ribovic ist eine anerkannte Künstlerin, aber ihre Kreationen werden – wie bei vielen Kreativen – vom breiten Publikum auch kontrovers beurteilt (siehe https://a3kultur.de/positionen/kaninchen-im-rokokofestsaal). Stattdessen hätte man nicht nur den vielen verschiedenen Designer-Studenten die Möglichkeit geben können, ihre Talente zu zeigen – den Touristen hätte man neben einer authentischen Erinnerung an das prächtige Rathaus auch eine Vorstellung über die Kreativität der Augsburger vermitteln können.

Ich habe keine Zweifel, dass diese Taschen-Idee keinesfalls die letzte von Herrn Beck war, und würde mir nur wünschen, dass neue Ideen mit einer breiten Einbeziehung der Augsburger Stadtgesellschaft verwirklicht werden, so wie es bei der UNESCO-Bewerbung der Fall ist.

Foto oben: Natalija Ribovic

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