Raum, Bau und Kunst

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22. November 2017 - 8:54 | Bettina Kohlen

Zeitgenössische Kunst in einem Gewerbegebiet? Wie das geht, zeigt die Südtiroler Fensterbaufirma Finstral, die in ihrem neuen Studio in Friedberg Raum für neue Kunst geschaffen hat.

In einem neuen Gewerbegebiet, direkt bei der Autobahnausfahrt Friedberg an der A8 gelegen, haben »fußner kühne architekten« für die Südtiroler Fensterbaufirma Finstral deren süddeutsche Niederlassung errichtet. Der Bau zeigt sich als abgeknickte Box, unter deren angehobenem Part ein Sockelgeschoss eingeschoben ist; auf diese Weise wurde eine vorhandene Hochspannungsleitung unterwandert. Im Innern des Gebäudes wird dieser Übergang zur Zweigeschossigkeit durch eine raumgreifende Treppe markiert, die – zugleich Weg und Sitzplatz – den offenen Raum zum Theater werden lässt.

Zeitgenössische Kunst spielt bei Finstral eine bedeutende Rolle. Firmengründer Hans Oberrauch sammelt seit vielen Jahren, daneben hat sich eine Unternehmenssammlung etabliert, die heute von Kathrin und Sarah Oberrauch betreut wird. Die beiden Kuratorinnen haben zur Eröffnung des Friedberger Studios »Soft Architecture« inszeniert, bestückt mit den Arbeiten von 28 internationalen Künstlern aus den beiden Sammlungen, ergänzt durch Leihgaben. Die Ausstellung untersucht, wie die Erfahrungen mit Raum und Bauen auf den Menschen und seine Beziehung zur Umwelt einwirken.

Die erste, monumentale Arbeit erwartet den Besucher bereits vor dem Finstral-Firmengebäude. Hier hat José Pedro Croft instabil-kippende spiegelnde Fenster waghalsig zwischen hohen Pfosten installiert. Das Fenster, losgelöst vom ursprünglichen Kontext, erfährt so eine Umkehrung von der Öffnung, der fixierten Leerstelle, zum zentralen bewegten Objekt. Innerhalb des Gebäudes finden sich die Arbeiten der Ausstellung an verschiedenen Orten, ganz selbstverständlich integriert: so hängen Petra Steinerovás lakonische Fotografien von Fluchttreppen einfach im Treppenhaus.Kernort der Ausstellung ist jedoch eine wunderbare Halle, vor deren großen Fenstern lautlos Autos vorbei rasen. An diesem Ort enthüllt Michele Spangheros wuchtige Holzbalken-Installation »Listening IS Making« ihre eigentliche Aufgabe, wenn der Betrachter der Arbeit nahekommt, ein Ohr an den Balken legt und so zum Hörer wird. Einige Meter weiter lässt Céleste Boursier-Mougenot runde verschieden große Porzellanschalen in einem runden himmelblauen Pool im leicht bewegten Wasser treiben. Die Schalen begegnen sich, berühren sich klingend und entfernen sich wieder voneinander. Neben solchen raumgreifenden Installationen finden sich auch intimere Arbeiten, wie Charles Lims Video eines Schwimmers im flachen trüben Wasser eines Pools in Singapur oder Stefan Albers Auseinandersetzung mit der vergifteten rumänischen Industriestadt Copsa Mica. In einem Kabinett zeichnet ein Sanddrucker eine Gebäudestruktur und streicht alles anschließend wieder glatt, um wieder von neuem zu beginnen. Dies ist ein Ausschnitt aus dem eindrucksvollen Projekt »Urburb« von Roy Brand, Keren Yeala-Golan und Ori Scialom, das die modernistische Siedlungs- und Bauplanung in Israel untersucht.

Kathrin und Sarah Oberrauch haben hier eine überzeugende Ausstellung konzipiert, die – auch in Verbindung mit dem reizvollen Ort – ausgesprochen sehenswert und ein Gewinn für das Kunstgeschehen in der Region ist.

Zur Ausstellung ist ein kleiner feiner Katalog erschienen. »Soft Architecture« ist bis zum 1. April 2018 im Finstral Studio Friedberg zu sehen.

www.finstral/soft-architecture

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