Festival

Raus aus den Hinterzimmern

Jürgen Kannler
23. März 2016

Eigentlich wollte er nur ein Stück vom Kuchen, doch nun hat Patrick Wengenroth (Foto) die ganze Bäckerei am Hals. Eingekauft wurde der Theater-Kultur-Mann noch von der demnächst in Teilen scheidenden Schauspielleitung des Theaters Augsburg, um in der neuen Spielzeit mal wieder was mit Brecht im Haus zu machen. Über diese Berufung gelangte er direkt ins Gezerre um die Zukunft des Brechtfestivals und avancierte so mehr oder weniger über Nacht vom Künstler zum heißen Tipp für die künstlerische Leitung der Veranstaltung. Sein im Netz kursierendes Brechtfestivalkonzept legt von diesem Schnellschuss Zeugnis ab.
 
Wengenroth beerbt also Joachim Lang, der nach einer gefühlten Ewigkeit als Festivalleiter trotz großer Publikumserfolge in dieser Position letztendlich nicht mehr zu vermitteln war und nun ausgeschaltet wurde. Ob Patrick Wengenroth überhaupt das nötige Rüstzeug besitzt, das Festival, wie wir es bisher kannten, zu leiten, oder ob er es überhaupt in dieser Form weiterführen will, kann heute keiner verbindlich sagen. Dass sich der Künstler mit diesem Job jedoch zunächst auf dünnes Eis begibt, dürfte klar sein. Doch Wengenroth hat einige brauchbare Weggefährten. Sie heißen Fassbinder, Büchner, Goetz, Nitzsche und Co. Er hat an wichtigen deutschsprachigen Bühnen Erfahrungen sammeln können und stellt bei seinen Inszenierungen relevante Fragen. Die taz nennt ihn eine »Fortbildungsmaßnahme des deutschen Theaterbetriebs«. Außerdem zeigen Fotos im weltweiten Netz Wengenroth als einen Mann mit prächtigem Schnurrbart. So könnten sich sowohl Lieschen Müller als auch Freddy Krüger den Baal vorstellen.
 
Bleibt zu hoffen, dass der designierte Interimsfestivalleiter in den letzten Wochen nicht zu sehr vom Treiben der Augsburger Hinterzimmerdiplomatie beschädigt wurde. Das Brechtfestival und damit die Brechtstadt sind es. Nervig, respektlos und unappetitlich, so lauten die Vorwürfe, die sich die Regierenden in Bezug auf ihr Verhalten nun gefallen lassen müssen. Auf alle Fälle ist die im Augsburger Rathaus gängige Praxis, Themen im ebenso intransparenten wie legitimationsfreien Koalitionsausschuss zu verhandeln statt in den dafür vorgesehenen Gremien, undemokratisch und damit gefährlich – nicht nur in Sachen Brecht.  
 

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