Realität festhalten

19. Mai 2019 - 8:14 | Jürgen Kannler

Christian Hutter ist Geschäftsführer von Salz und Silber und Chef der ersten Online-Galerie, die sich rein auf Dokumentarfotografie spezialisiert hat. Ein Interview

Gegenwärtig präsentiert Christian Hutter gemeinsam mit den Kunstsammlungen und Museen Augsburg die äußerst erfolgreiche Ausstellung »Wendejahre« (bis 30.06.2019) mit Aufnahmen von Daniel Biskup aus den Jahren 1990 bis 1995 im Schaezlerpalais. Zum Portfolio von Salz und Silber gehören außerdem die Fotografen Simon Annand, Ciril Jazbec, Maziar Moradi und Jens Gyarmaty. Wir trafen Christan Hutter zu einem Gespräch über sein Metier und die Möglichkeit, Dinge neu zu sehen.

a3kultur: Salz und Silber bietet ein Programm mit Künstlern wie Simon Annand und Daniel Biskup. Die Arbeiten dieser beiden könnten unterschiedlicher nicht sein. Nach welchen Gesichtspunkten stellen Sie Ihr Programm zusammen?

Christian Hutter: Unser Fokus ist die Dokumentarfotografie. Für Dokumentarfotografen geht es darum, die Realität festzuhalten. So entsteht ein Dokument der Zeitgeschichte, das bestimmte Ereignisse für den Betrachter zugänglich macht. Manchmal sind diese Ereignisse politischer Natur, so ganz oft bei Daniel Biskup. Manchmal geht es aber auch darum, einen Prozess zu zeigen. Simon Annand konzentriert sich in seinen Bildern auf den Moment, in dem ein Theaterschauspieler in seine Rolle schlüpft. So wird aus Orlando Bloom beispielsweise Steven (im Rahmen seiner Rolle im Stück »Celebration«, aufgeführt 2007 im Duke of York’s Theatre, London – Anm.d.Red.). Dieses Zeigen einer bestimmten Realität ist das verbindende Element. Und dass Menschen zu sehen sind. Denn sie sind es doch, die uns interessieren.

Was muss eine Fotografie haben, um Sie zu faszinieren, bevor Sie sie ins Programm nehmen?

Es ist nie nur eine Fotografie. Für uns ist das Werk eines Fotografen entscheidend. Oft geht es dabei auch um größere Themen. Ciril Jazbec beispielsweise ist für seine Arbeiten zum Klimawandel – oder besser: für seine fotografischen Plädoyers für mehr Klimaschutz – schon vielfach ausgezeichnet worden. Ebenso Maziar Moradi, der sich mit dem Thema Migration beschäftigt.

Sie firmieren als »erste Online-Galerie für Dokumentarfotografie«. Wie wichtig sind für Sie Ausstellungen wie die »Wendejahre« von Daniel Biskup?

Sie sind für uns essenziell. Durch eine Ausstellung erhalten Besucher die Möglichkeit, tief in das Thema des Fotografen einzutauchen. Man gewinnt so einen intensiven Bezug zum Gesamtwerk und versteht besser, worum es dem Künstler geht. Diesen Effekt können wir in der Online-Galerie allein nur sehr schwer erzeugen.

Ciril Jazbec, Maziar Moradi und Jens Gyarmaty, allesamt Fotografen, mit denen Sie zusammenarbeiten, gehören zur Generation der in den Siebziger- und Achtzigerjahren Geborenen. Wie unterscheidet sich ihr Blick auf die Welt von dem älterer Künstlerkollegen?

Sie sind experimentierfreudiger, wenn es darum geht, ihre Motive zu inszenieren. Daniel Biskup und Simon Annand sind Künstler, die jahrzehntelang analoge Fotografie praktiziert haben. Sie kommen mit wenig Equipment aus und können sich sehr schnell auf neue Situationen einstellen, zum Beispiel in Bezug auf die Örtlichkeit, die Lichtverhältnisse oder auch die jeweiligen Eigenheiten der von ihnen fotografierten Personen. Die Vertreter der jüngeren Generation sind da um ein Vielfaches fokussierter. Nehmen wir beispielsweise Maziar Moradi. Seinen Motiven geht oft eine monatelange Planungsphase voraus, jedes Detail muss stimmen – und am Ende entsteht ein Foto, das so dicht und einnehmend ist, als betrachte man die komplexe Szenerie an einem Filmset.

Daniel Biskup wurde als Pressefotograf bekannt. Das heißt unter anderem, ein gewisses medientaugliches Format im Blick zu haben. Auch seine aktuelle Ausstellung »Wendejahre: Ostdeutschland 1990–1995« zeigt Arbeiten, die ursprünglich diesem Kontext zuzuordnen sind. Genügen diese Klein- und Mittelformate Ihren Kunden?

Die Formate variieren je nach Künstler. Bei Simon Annand bieten wir standardmäßig die Formate 20 × 30 Zentimeter und 40 × 60 Zentimeter an. Diese beiden Größen werden von unseren Kunden sehr geschätzt, weil sich so auch mehrere Motive gut neben- oder übereinander platzieren lassen. Auch von Daniel Biskup bieten wir viele Bilder in diesen Formaten an – ergänzt um einzelne Motive, die zum Beispiel nur im Format 60 × 90 Zentimeter erhältlich sind. Bei Maziar Moradi ist das Standardformat 100 × 125 Zentimeter. Die größeren Formate haben die Künstler selbst festgelegt. Sie sind also wesentlicher Bestandteil der Editionen.
 
Bieten Sie auf Wunsch auch Sonderformate?

Ja, grundsätzlich können Sie bei uns jedes Motiv in jeder Wunschgröße erwerben. Einzige Ausnahme: Der Künstler lehnt es ausdrücklich ab. Das kam aber bislang nicht vor. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu wissen, dass unsere Editionen aus maximal zehn signierten Exemplaren bestehen, oft auch weniger. Wenn wir ein Bild in einem Sonderformat herstellen, bleibt die Anzahl der Gesamtedition dennoch immer bei der zuvor definierten.

Sie haben Motive im Angebot, die nicht nur vom Fotografen, sondern auch von seinem Modell signiert sind.

Seit Kurzem bieten wir Editionen, die sowohl vom Künstler als auch vom Abgebildeten signiert sind. Die ersten beiden Motive zeigen einmal Orlando Bloom, bekannt aus »Herr der Ringe« und »Fluch der Karibik«, und Kit Harington, bekannt als Jon Snow aus der Serie »Game of Thrones«. Da die Editionen in Höhe von drei Exemplaren bereits komplett produziert sind, gibt es die Bilder nur im Format 40 × 60 Zentimeter. Sie haben dennoch ihren Reiz. Orlando Bloom war zum Beispiel besonders kreativ und hat jedes Motiv mit einem eigenen Gruß für den künftigen Besitzer versehen.

Als Galerie, die sich auf Dokumentarfotografie spezialisiert hat, spielt das Thema Authentizität eine besondere Rolle. Wie viel Spielraum haben Ihre Fotografen bei der Findung und Nachbearbeitung der Motive?

Nahezu keinen. Sie arbeiten vor allem mit Licht und den Möglichkeiten, die ihnen ihre Kamera bietet.

Sie stehen zumindest mit einem Bein noch in der Marketingbranche. Als Teilhaber und Geschäftsführer der Agentur Hutter und Donner leiten Sie eine Kommunikationsagentur mit den Schwerpunkten Corporate Publishing, PR und Social Media. Wie lassen sich diese beiden Pole vereinbaren?

Zum Glück sehr gut. In der Agentur haben all unsere Produkte einen redaktionellen Schwerpunkt, Storytelling ist unser Kerngeschäft. Wir wissen also sehr genau, wie man eine gute Kunden- und Mitarbeiterzeitschrift macht oder einen langfristig erfolgreichen Blog realisiert. Diese Kompetenz nutzen wir natürlich, wenn wir für Salz und Silber einen Bildband machen oder einen Ausstellungskatalog für ein Museum.

www.salzundsilber.de       
www.hutterunddonner.de

Foto © Maziar Moradi: Ohne Titel

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