Recht des Bodens oder der Landschaft

Foto: a3kultur
14. Februar 2018 - 8:06 | Gino Chiellino

Für seine Kolumne »Deutsch richtig und gut« hat Gino Chiellino Begriffe gesucht, die er paarweise umschreibt, um zu zeigen, wie er sie anders versteht als seine Gesprächspartner. Teil 19.

In dem Abschnitt »Landschaften der Nachhaltigkeit« aus seinem Buch »Schöne Aussichten – Kleine Geschichte der Landschaft« formuliert der Pflanzenökologe Hansjörg Küster folgende Empfehlung: »Emotionale oder heimatliche Bindungen kann man nicht nur an die eine Landschaft seines Geburtsortes entwickeln. Zumeist aus beruflichen Gründen wechseln heute viele Menschen mehrfach in ihrem Leben den Wohnort. Nur derjenige aber fühlt sich am neuen Wohnort wohl, der auch emotionale Bindungen zu ihm eingeht. Die Alteingesessenen sollten die Chance wahrnehmen, Zugezogene an ihrem Wohnort zu binden: gerade im ländlichen Raum könnte es sich als sinnvoll erweisen, um jeden Einwohner zu kämpfen. Es spielt dabei übrigens keine Rolle, woher der Zugezogene kommt, ob er ›Inländer‹ oder ›Ausländer‹ ist. Eine emotionale Bindung an seine neue Heimat braucht er in jedem Fall! Das aber ist keineswegs nur ein intellektueller Prozess, sondern lässt sich am besten durch menschliche Kontakte, durch Gespräche fördern. Gespräche brauchen Themen. Kaum ein anderes Thema als Landschaft und Heimat ist so gut geeignet, Alteingesessene und Neubürger, Junge und Alte zusammenzubringen; jeder ist davon betroffen.« (S. 110–111)

Dass ein Pflanzenökologe in einer Geschichte der Landschaft Gespräche über Heimat und Landschaft als gemeinsame Handlung vorschlägt, um das internalisierte Recht des Bodens bei Alteingesessenen zu überwinden und emotionale, heimatliche Bindungen bei Zugezogenen entstehen zu lassen, habe ich kaum vermuten können. Der Überraschung folgten Fragen, um die Substanz der engagierten Botschaft zu erfassen. Zum Beispiel: Wie hat man sich die Gespräche inhaltlich vorzustellen, da es bis heute keine erprobten Orientierungsmodelle dafür gibt? Wie anders sind Heimat und Landschaft zu verstehen, wenn sie befreiende, fruchtbare Funktionen übernehmen sollen? Ist Heimat als historische, ausgelebte Zeit zu verstehen und Landschaft als entgrenzter Raum? Lässt sich Heimat als historische, ausgelebte Zeit leichter als der existierende Ort vermitteln? Vorstellbar ist es schon, dass Zugezogene und Einwanderer  aufgrund eines erzählenden Gesprächs Zugang zum kulturhistorischen Gedächtnis des Ortes finden können, an dem sie leben. Und wie kann ein Gespräch über urbane oder ländliche Landschaft geführt werden? Aus der Reiseliteratur ist bekannt, dass in jeder Landschaftsbeschreibung der Seelenzustand des Reisenden mitschwingt. Je nach Seelenzustand des Reisenden können Landschaften in ihm positive oder negative Gefühle erwecken. Aber hier geht es nicht um Migranten, sondern um Zugezogene/Einwanderer, die sich an einem ihnen zuerst fremden Ort niedergelassen haben und nun auf emotionale, heimatliche Bindungen angewiesen ist, um nicht aus dem existenziellen Gleichgewicht zu geraten. Mehr als Betrachter sind sie Suchende. Sie sind auf der Suche nach positiven Erfahrungen, die sie darin bestätigen, eine stimmige Entscheidung getroffen zu haben. Gespräche mit den Alteingesessenen sind für sich positive Erfahrungen, da sie Zugezogene und Einwanderer aus der Anonymität befreien. Und worin würde das Integrierende bei einem Gespräch über Heimat und Landschaft bestehen? Ich kann nur die Vermutung anstellen, dass Heimat als ausgelebte Zeit und frei von den ausgrenzenden Prioritäten des Rechts des Bodens für Suchende zugänglicher wird. Heimat wird deswegen zugänglicher, weil Zeit aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft besteht, und damit erhält der Suchende die Möglichkeit, sich in der Gegenwart für eine gemeinsame Zukunft einzubringen. Als entgrenzter Raum können Landschaften befreiende Emotionen in ihren Betrachtern und heimatliche Bindungen in Suchenden erzeugen, da sie sich ihrem Wesen nach jeder Art von Recht des Bodens entziehen.

Wie gesagt, für Exilierte, Einwanderer und Flüchtlinge ist es vernünftig, Deutsch richtig und gut zu lernen. Unvernünftig ist die damit verbundene Hoffnung, hinterher könne man sich mit den Staatsbürgern des Landes verstehen. Gesprächspartner verstehen sich, weil sie sich verstehen wollen, und besonders dann, wenn sie Gespräche über Heimat und Landschaft führen.

»Deutsch richtig und gut« lautete der Titel der Fibel, mit der sich Chiellino 1970 in Düsseldorf Deutsch beibringen wollte. Der interkulturelle Literaturwissenschaftler, Dichter, Essayist, Herausgeber und Übersetzer wurde unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis für sein lyrisches Werk ausgezeichnet
www.chiellino.eu

Thema:

Weitere Positionen

18. September 2020 - 12:31 | Bettina Kohlen

Im schwäbischen Donautal sind seit 2018 ungewöhnliche Bauten am Wegesrand zu entdecken: Sieben Kapellen werden es am Ende sein – dank der Initiative der Siegfried und Elfriede Denzel Stiftung.

17. September 2020 - 9:52 | Gudrun Glock

Das Beste aus der Region vereinen: Die Genossenschaft »Herzstück Horgau« fördert Gemeinschaft, Genuss und Kultur.

15. September 2020 - 14:34 | Gast

»Leus Tierleben« – die Herbst-Ausstellung der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg zeigt vom 16. September bis 6. November Werke des Augsburger Forschers Johann Friedrich Leu (1808–1882). Ein Gastbeitrag von Dr. Karl-Georg Pfändtner

14. September 2020 - 6:32 | Thomas Ferstl

Projektor – die a3kultur-Filmkolumne im September mit »The King’s Men: The Beginning« und »David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück«

10. September 2020 - 13:30 | Gudrun Glock

a3regional-Buchtipp: »Asien vegetarisch. 120 Rezepte von Mumbai bis Peking« von Meera Sodha

7. September 2020 - 7:00 | a3redaktion

»Diversität« sollte längst eine Selbstverständlichkeit sein. Die Zukunft von Medien hängt davon ab. Ein Kommentar von Alfred Schmidt.

3. September 2020 - 6:43 | Bettina Kohlen

Buchtipp: »vorübergehend geschlossen«, ein Bildband des Fotografen Michael Schreiner

31. August 2020 - 6:10 | Renate Baumiller-Guggenberger

Lieber komplizierter gewordene Kulturangebote als gar kein Bühnenvergnügen. Ganz klassisch – die a3kultur-Klassik-Kolumne

28. August 2020 - 13:51 | Juliana Hazoth

In seinem Buch »Ein N**** darf nicht neben mir sitzen« schildert David Mayonga aka Roger Rekless seine Erfahrungen mit Rassismus. Juliana Hazoth traf den Rapper, Pädagogen und Radiomoderator zum Interview.

27. August 2020 - 9:38 | Marion Buk-Kluger

Auf den Spuren der Fugger in Europa und auf dem Weg zu 500 Jahren Fuggersche Stiftungen 2021.