Reise des Lebens

1. Mai 2020 - 13:58 | Marion Buk-Kluger

Jürgen Vogel ist »Der Mann aus dem Eis«. Marion Buk-Kluger sprach mit dem Schauspieler über den Ötzi-Thriller und Solidarität in Corona-Zeiten.

Vielen Kulturschaffenden ist es derzeit nicht möglich, ihren Beruf auszuüben. Dennoch gibt es einige Produktionen, die jetzt trotz Corona umgesetzt werden wie etwa die neoriginal-Serie »Liebe. Jetzt!«. Die Anthologie-Serie erzählt sechs unterschiedliche Kurzgeschichten über Beziehungen in Zeiten von Corona. Ab Freitag, 1. Mai 2020, 10 Uhr, stehen die Episoden in der ZDFmediathek zum Abruf bereit. ZDFneo strahlt die Serie am Sonntag, 3. Mai 2020, ab 21:45 Uhr, am Stück aus. Mit dabei ist der Schauspieler Jürgen Vogel. Der sprach mit Marion Buk-Kluger für a3kultur kürzlich zu einem anderen Film, in dem er die Titelrolle spielt und der voraussichtlich im Juli im ZDF zu sehen sein wird. Jürgen Vogel ist darin »Der Mann aus dem Eis«.

In diesem Arthouse-Thriller von Felix Randau aus der Reihe »Shooting Stars Junges Kino im Zweiten« spielt Jürgen Vogel Kelab, der vor über 5.300 Jahren in einer jungsteinzeitlichen Siedlung in den Südtiroler Alpen mit seiner Frau Kisis und einer kleinen Sippe lebt. Als Dorfoberhaupt Kelab auf die Jagd geht, wird während seiner Abwesenheit die Siedlung von Krant und dessen beiden Söhnen Tasar und Gosar überfallen und das Heiligtum der Gemeinschaft ein kleiner Schrein geraubt. Die gesamte Siedlung ist zerstört und seine Sippe ermordet einschließlich seiner Frau und seinem Sohn. Kelab macht sich auf den Weg, um sich zu rächen … 5.300 Jahre später, 1991, entdecken zwei Wanderer den im Eis mumifizierten Körper. Er wird als »Der Mann aus dem Eis« aus den Ötztaler Alpen, als »Ötzi« weltbekannt.

a3kultur: Schon zu Beginn von »Der Mann aus dem Eis« wird wie in einer Art Ouvertüre der Inhalt des Filmes widergespiegelt: Es geht um Zeugung, Geburt, Tod, der dann auch noch gewaltsam daher kommt.
Jürgen Vogel: Ja, das ist interessant. Menschen kommen hier an ihre Grenze, es geht um sehr existenzielle Dinge und reduziert sich auf das Wesentliche, darum seine Familie zu schützen und zu ernähren, eben um archaische Dinge.

Aber eben auch um den Kern des Lebens von uns Menschen.
Das freut mich, dass Sie das so sehen. Es gab die Rückmeldung von einigen, dass der Film sehr, fast zu männlich sei. Darum haben wir, habe ich darum gekämpft, dass wir das Baby bekommen. Es geht eben nicht nur um Rache. Sondern auch um eine wichtige Reise, die meine Rolle macht.

Eine Reise des Lebens, die zu neuen Erkenntnissen führt. Im Laufe des Filmes wird deutlich, dass Rache nicht das Einzige ist, das bleibt. Wobei Ötzi schon auf Gerechtigkeit aus ist und den Tod seiner Familie, seines Dorfes sühnen will.
Er hat dabei aber andere ethische Regeln, agiert auch im Umgang mit seinem Feind, als er diesen getötet hat, anders, schließt ihm sogar die Augen.

Und er erkennt etwas Wichtiges?
Ja, es scheint ihn nicht zu befriedigen. Es macht ihn nicht glücklich, dass er die Mörder seiner Familie tötet. Alles, was er dafür tut, führt nicht zu Erlösung. Er stellt sich die Frage: Und nun? Was kommt jetzt? Es hat nicht geholfen. Man erkennt ganz deutlich, dass die Spirale der Gewalt ihn, und übertragen uns, nicht erfüllen kann. Er musste es tun, aber letzten Endes bleibt es unbefriedigend. Und am Ende stellt er alles in Frage.

Warum wurde Ötzi zu dem gemacht, was er in diesem Film ist? Ist das künstlerische Freiheit oder wie kam es dazu?
Wir brauchten eine Motivation für sein Handeln. Der Original-Ötzi hatte ja viele Tätowierungen, wir sind daher davon ausgegangen, dass er spirituell gewesen sein muss. Er scheint eine Art Schamane gewesen zu sein. Daher war auch das Zurückholen des Kästchens ein Bestandteil des Agierens. Es geht eben über etwas mit irdischem Wert hinaus. Das wollte ich so.

Wenn ich es nicht gewusst hätte, ich hätte Sie in dieser Rolle nicht erkannt!
Ich finde das Aussehen auch sehr gut, wir hatten eine tolle Maskenbildnerin. Es sollte fremdartig, urig sein, der Bart, die langen Haare, die ich mir wachsen ließ. Mir war auch wichtig, dass es nicht darum geht: Ach, es ist Jürgen Vogel, der den Ötzi spielt. Es kommt immer wieder vor, dass ich mir Figuren anfangs erspielen muss, bis die Zuschauer meine Person ausklammern. Hier war von Anfang an eine super Möglichkeit, das zu vermeiden. Es geht von Beginn an um Ötzi, seine Geschichte, seinen Weg.

Der Film kommt auch ohne viel Sprache aus, nur ab und an, wird gesprochen. Es geht viel über Mimik, Gestik. Aber was ist es für eine Sprache, die benutzt wurde?
Es ist eine Art Rätoromanisch. Da es ja um die Haltung von Menschen geht, bin ich überzeugt, man kann das auch ohne Sprache fühlen.

Sie sagten, dass der Einwand kam, der Film sei zu historisch. Sie sehen das anders.
So wahnsinnig historisch finde ich die Geschichte gar nicht. Wenn man sich vorstellt, man lebt etwa in Afghanistan, in Afrika, wo Menschen derzeit genauso ums Überleben kämpfen, in einfachen Verhältnissen leben, wo es keine Wohlstandsprobleme gibt, wie das Bedauern darüber, dass eine WhatsApp nicht sofort beantwortet wird, dann ist das sehr aktuell.

Wir haben ja momentan auch eine Zeit der Reduzierung auf das Wesentliche.
Ich habe über Facebook einen Aufruf gestartet, wenigstens die Kinder aus den griechischen Flüchtlingslagern zu holen. Da kamen dann Aussagen wie: Man müsse sich jetzt erst einmal um sich selbst kümmern. Ich finde, man kann das nicht gleich stellen. Gerade jetzt, wo wir durch die Situation reduziert werden, gilt es doch solidarisch zu sein mit denen, denen es schlechter geht. Wenn nicht in einer Zeit, in der man am eigenen Leib »Mangel« spürt, kann man besser erkennen, dass es größere Nöte gibt! Es ist jetzt die Zeit, an andere zu denken.


Foto oben, © ZDF/Martin Rattini: Kelab (Jürgen Vogel) im Hochgebirge.

 

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