Ausstellungen & Kunstprojekte

Reise zur Kunst

Bettina Kohlen
19. August 2020

In Bregenz laufen die Dinge offenbar anders: »Maske auf« scheint hier kein Thema zu sein. Im Kunsthaus Bregenz hängt zwar ein Schild, das dies empfiehlt, Pflicht ist es aber nicht und angesichts der wenigen Menschen, die an diesem Sonntagmittag im Haus unterwegs sind, auch sicher nicht nötig. Dennoch ist das Corona-Virus präsent, denn die kurz entschlossen inszenierte aktuelle Sonderschau rekurriert auf unsere derzeitige »Unvergessliche Zeit« und kommentiert in den Werken von sieben internationalen Künstler*innen unsere schwankenden Existenzen. Manche Arbeiten sind erst vor Kurzem entstanden und beziehen Stellung zum isolierten Leben.

Wie alle anderen Menschen auch – oder vielleicht ganz besonders – sind Künstler*innen von den viral-bedingten Veränderungen, Gefahren und Einschränkungen betroffen. Ania Soliman hat seit Beginn der Krise Instagram-Posts platziert, die auf datierten Zeichnungen basieren. Diese quadratischen Papiere sind hier etagenfüllend versammelt und holen das Online-Tagebuch der Künstlerin in den konkreten Raum. Die Unmittelbarkeit der Zeichnung gegenüber dem publizierten Transfer macht deutlich, wie sich Erleben und Gefühle einerseits mit anderen teilen lassen, wie andererseits aber auch Grenzen definiert werden können und müssen.William Kentridge, der in seinen Arbeitstechniken immer wieder auf die historische Entwicklung des Mediums Film zurückgreift, gründete 2016 zusammen mit Bronwyn Lace in Johannesburg das »Centre for the Less Good Idea«, das Performance, Musik und Theater fördert und zeigt.

Wie an vielen anderen Orten konnte auch hier eine für April geplante Veranstaltungsreihe nicht über die Bühne gehen und man tat, was anderswo auch passierte: Die geladenen Künstler*innen wichen ins Digitale aus. Die so entstandenen einminütigen Clips wurden einzeln via Instagram gepostet (@lessgoodidea), aber zudem zu einem im Kunsthaus vorgeführten 29-Minuten-Film verwoben, in dem auch Kentridge selbst mit zehn Clips vertreten ist. So entstand ein Statement, das vielschichtig das aktuelle Geschehen kommentiert und den Verlust der Bühne transformiert. Auf diese Weise wird einem sehr viel breiteren Publikum der Zugang möglich, als es in einmaligen Performances vor Ort der Fall gewesen wäre. Darüber hinaus ist ein Clip aber nicht lediglich eine Reproduktion, sondern eine eigene Kunstform mit Auswirkungen auf Raum, Klang und Bewegung, die somit die Performances beein-flusst, also Rückbeziehungen entstehen lässt. Einen ganz leisen Hautgout hat das Ganze dennoch, da Kentridge sich und seiner Kunst als gereifter Mentor doch sehr viel Raum gibt …

Markus Schinwald hat seit den 1990er-Jahren akademisch gemalte Porträts aus dem 19. Jahrhundert erworben und diese durch Übermalungen verfremdet. Vor allem in die Gesichter greift der Maler mit verstörenden Konstruktionen ein: Drahtgestelle, die zwischen Prothese und Folterinstrument oszillieren, oder vollständige Verhüllungen des Kopfes, vor allem aber verschiedene Masken erzeugen eine verblüffende Parallelität zum aktuellen Geschehen. Doch haben Schinwalds Arbeiten nichts mit Corona zu tun, sie sind meistens lange vor dieser Zeit entstanden und stellen die Frage nach der Beziehung von innen und außen. Verstecke ich mich hinter einer Maske oder werde ich unsichtbar gemacht? Bin ich Akteur*in oder Opfer? Auch Schinwalds großformatige neuere Arbeiten geben den Blick nur ausschnittweise frei oder behindern ihn ganz massiv, sodass seine Figuren kontextlos und klein im Bildraum verankert sind.Ein Besuch in Bregenz offeriert im Kunsthaus und ebenso drumhe-rum eine ziemlich Bandbreite dessen, was coronavirusbedingt mit uns passiert ... Diese kleine Reise ins Ausland lohnt sich sehr.

Zu sehen bis 30. August im Kunsthaus Bregenz.

Bild: Markus Schinwald, Grita, 2010. Courtesy of the artist und Gió Marconi, Mailand 
© Markus Schinwald / Bildrecht, Wien, 2020

 

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