Reisen und verlieren

4. März 2015 - 8:55 | Thomas Ferstl

Thomas Ferstl präsentiert in seiner Kinokolumne drei Filme über die Zeit.

Die Zeit beschreibt die Abfolge von Ereignissen, hat also im Gegensatz zu anderen physikalischen Größen eine eindeutige, unumkehrbare Richtung. Manche von uns haben zu viel davon, andere zu wenig. Wir nehmen sie uns, verschwenden sie, versuchen sie aufzuholen, wünschen uns, sie anhalten zu können, wollen in ihr zurück- oder nach vorn reisen. Letztendlich können wir aber nichts anderes tun, als zu akzeptieren, dass sie unerbittlich und unaufhaltsam weiter verstreicht. Wie drei Produktionen mit diesem Thema umgehen, können Sie im Folgenden erfahren.

Gelegentliche Orientierungslosigkeit in den Straßen von Manhattan und Schwierigkeiten, einzelne Wörter zu finden, machen Sprachwissenschaftlerin Dr. Alice Howland (Julianne Moore, Foto) das Leben zunehmend schwerer. Erst als sie anfängt, auch Menschen zu verwechseln, spricht sie mit ihrer Familie über ihre Krankheit. »Still Alice – Mein Leben ohne gestern« (Kinodreieck, 5. März) erzählt eine Geschichte über Alzheimer, eine Krankheit, die Erinnerungen und somit erlebte Zeit auslöscht. Wie Betroffene mit Alzheimer umgehen, wie es sie verändert und wie Angehörige mit der Situation zurechtkommen, schildert dieser Film auf direkte Art und Weise. Moores Spiel ist brillant und erschütternd zugleich. Doch auch Alec Baldwin und Kristen Stewart als Ehemann und Tochter tragen dazu bei, dass »Still Alice« unter die Haut geht. Ein einfühlsamer Horrorfilm des Alltags, der zartbesaiteten Zuschauern sicherlich das ein oder andere Tränchen abnötigen wird.

In Dean Israelites »Project Almanac« (CinemaxX, 5. März) reisen Protagonisten und Zuschauer buchstäblich durch die Zeit. Der Teenager David (Jonny Weston) macht beim Betrachten eines alten Geburtstagsvideos eine erschreckende Entdeckung: Er sieht auf der Aufnahme sein gegenwärtiges Ich im Spiegel. Um der Sache auf den Grund zu gehen, sucht er zusammen mit seinem Kumpel Quinn (Sam Lerner) und der gemeinsamen Clique in der Forschungswerkstatt seines Vaters nach einer Antwort. Dort entdecken sie die Bauteile und die Anleitung zur Herstellung einer Zeitmaschine. Was dann folgt, ist vorhersehbar. Die Freunde verstricken sich durch zunehmende Zeitreisen und Gier in immer größere Schwierigkeiten, Stichwort: »Butterfly Effect«. »Zeitweise amüsant« ist wohl die beste Beschreibung für dieses Machwerk. Die Besetzung ist zwar sympathisch, doch fehlt dem Film ein auch nur annähernd befriedigendes Ende. Zudem gelingt es Israelite kaum, das Found-Footage-Konzept zu einer runden Erzählung zusammenzufügen. Wer einen neuen, gelungenen Zeitreisefilm sehen möchte, ist mit der DVD »Predestination« der Spierig-Brüder eindeutig besser beraten.

Christian Froschs »Von jetzt an kein Zurück« (Kinodreieck, 12. März) ist eine Zeitreise ganz anderer Art. 1967: Rosemarie, genannt Ruby (Victoria Schulz), ist verliebt in den rebellischen Martin (Anton Spieker). Sie will Sängerin werden, er Schriftsteller. Rubys streng katholischer Vater (Ben Becker) ist gegen die Verbindung, und so beschließen die zwei, auszureißen, um der elterlichen Unterdrückung und Gewalt zu entgehen. Die Flucht endet abrupt, als beide aufgegriffen und in Erziehungsheime gesteckt werden, in denen sich in der jüngeren Vergangenheit Erschreckendes abgespielt hat. »Erst als ich auf die Geschichte eines jugendlichen Paares stieß, das kein anderes Vergehen beging, als sich zu lieben und noch nicht volljährig zu sein, war bei mir der Groschen gefallen: Ich wollte einen Film über Liebende drehen. Über jene erste große Liebe, die antritt, die Welt aus den Angeln zu heben«, so Christian Frosch. In Anwesenheit von Regisseur und Hauptdarstellern sah ich diesen Film auf dem 21. Internationalen Filmfest Oldenburg, über das ich vor einigen Ausgaben bereits berichtete und wo er seine Weltpremiere feierte.

Bei der Vorführung in der JVA Oldenburg hinterließ dieser Film beim zahlenden Publikum wie bei den geladenen Gefangenen einen starken Eindruck. Dies ist nicht zuletzt den wirklich herausragenden Leistungen der Hauptdarsteller geschuldet. Doch auch die Geschichte an sich, die in starken Schwarz-Weiß-Bildern schonungslos die Brutalität des Generationenkonflikts jener Zeit und der porträtierten Institutionen zeigt, sorgt für Beklemmung und klamme Hände. Dieser Film erzählt nicht, er schreit von der Leinwand herab.

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